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Aus: Ausgabe vom 23.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Stand der Dinge

Daddy will Eis

Geraune
Von Stefan Heidenreich
Weltwirtschaftsforum in Davos(4).jpg
»Mark? Bis du auch da. Er hat mich Daddy genannt, wisst ihr.« – Mr. President ist in großer Form

So ungefähr muss Elitenüberproduktion wohl aussehen. Wie Trump in Davos. »Dann habe ich mir gestern Emmanuel Macron angeschaut. Mit seiner schönen Sonnenbrille. Was ist passiert? habe ich mich gefragt.« Um Viertel nach drei sollte Schluss sein, kurz vor vier labert der Typ noch immer. Man gewöhnt sich an die monotone Stimme, wie sie im inneren Monolog quer durchs Gemüsebeet seiner Hirnwindungen streunt. Davos-Filibuster. Wer würde es wagen, ihm ein Limit zu setzen? »Selfish elites lead the way to revolutions«, sagt Peter Turchin in seinem Text über die Elitenüberproduktion.

In dem Sinn trifft sich dieser Tage wieder die »Elite der Welt« in Davos zur wohl revolutionärsten Veranstaltung des Planeten. Außer die aus China. Die ist weggeblieben. Aus Russland hat sich jemand angemeldet, aber keiner weiß, wie er durch den Sanktionsdschungel der EU je in die ehemals neutrale Schweiz vordringen soll. Wahrscheinlich deshalb ist der Reichenrummel in diesem Jahr »A Spirit of Dialogue« betitelt. Da sitzen sie, die Mächtigen des Westens, die »Leader« von heute – Leute, die einem laufenden Völkermord zuschauen, Hunderttausende in einem ungewinnbaren Krieg opfern und technologisch gerade hinter das hyperkommunistische China zurückfallen.

Auf den Luxusyachten scheint eine besonders kostspielige Form der Badausstattung ein großer Renner zu sein. Aus einem Duschkopf von einem Meter Durchmesser fallen Tropfen wie ein warmer tropischer Regen. Man kann sich ganz Davos wie eine solche Dusche vorstellen, ein Ritual spiritueller Reinwaschung. Von den Podien verströmen all die visionären Zukunftsdenker, die besorgten Menschenfreunde und die Vorzeigebetroffenen ein unausgesetztes Wohlgefühl des guten Willens.

Nach der geistigen Wellnesswoche fahren all die geläuterten Führer nach Hause und widmen sich wieder dem Tagesgeschäft. Das Business ist hart geworden. Härter als im vorletzten Jahrhundert, als fürs Kapital noch galt: »Für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.« Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Der Galgen fehlt.

Aber die Margen sind gefallen. Es ist nicht mehr genug für alle da. Zu viele Eliten, zu wenige Profite. Die 100-Prozent-Gelegenheiten haben sich rar gemacht, von 300 Prozent ganz zu schweigen. Das fröhliche Positivsummenspiel der Nachkriegszeit ist längst nach dem Nullsummenspiel der 90er Jahre dem Negativsummenspiel von heute gewichen. Nun reicht es nicht einmal mehr, bei der Konkurrenz zu rauben, was man selbst einsacken möchte. Freunde müssen dran glauben. Es geht ums Überleben.

Manchmal fällt ja auch das eine oder andere offene Wort in den Bergen, zum Beispiel von dem Exbanker und jetzigen kanadischen Präsidenten Mark Carney: Die sogenannte regelbasierte Ordnung war ein Schmu, eine »Useful Fiction«. Sie hat das Völkerrecht durch die Regeln des Stärkeren ersetzt. Aber selbst damit ist jetzt Schluss. Nun hat der Bulle freien Lauf. »Ich will keine Gewalt einsetzen«, sagt Trump.

Folgen wir aus gegebenem Anlass noch einer Zufallsauswahl aus seinem ebenso zerstreuten wie revolutionären Gedankenstrom, den die Dadaisten im nahegelegenen Zürich kaum einschlägiger hätten formulieren können:

»Unseren Höhenflug verdanken wir unserer speziellen Kultur. Die wir mit Europa teilen. Nehmt nur KI. Vor zwei Jahren hat noch niemand davon gehört. Und jetzt alle. Viele von euch in dem Raum sind wirkliche Pioniere. Brillante Leute. Alles, was Larry anfasst, verwandelt sich in Gold. Hier sitzen die hellsten Köpfe der Welt.

31.000 Soldaten sind allein letzte Woche gestorben. Das ist die Anzahl der Leute in diesem Raum mal 30. Junge Leute. Sie sehen aus wie manche von euch da vorne in der ersten Reihe.

Mark? Bis du auch da. Er hat mich Daddy genannt, wisst ihr.

Wir haben die schönsten Flugzeuge. Erst die F-35, jetzt die F-47. Seltsame Zahl. Warum sie es 47 genannt haben, weiß ich nicht. Wenn’s mir nicht gefällt, müssen sie es umbenennen.

Wir haben alle besiegt. Die Deutschen, die Italiener, die Japaner, alle. Wir haben Grönland verteidigt. Ein schönes Stück Eis. Und dann haben wir es den Dänen wiedergegeben. Und jetzt wollen sie es uns nicht zurückgeben. Wie können sie nur so undankbar sein?

Wer will denn schon ein Lizenzabkommen verteidigen?

Das Stück Eis, über dem wir den schönsten goldenen Dom errichten werden. Gegen all die Raketen, die über das Eis fliegen werden. Unser Eis.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph H. (23. Januar 2026 um 15:57 Uhr)
    Trump ist Präsident Nr. 47. Boeing hat das Flugzeug entsprechend nummeriert, um ihm zu huldigen (und also im Geschäft zu bleiben). Vielleicht muss man sich doch mit Überlegungen befassen, die eine refeudalisierende Involution der kapitalistischen Gesellschaftsformation postulieren. Alle bitte auch unbedingt Daniel Bratanovics scharfsinnige Medienschau von heute lesen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (22. Januar 2026 um 21:22 Uhr)
    Was »durchs Gemüsebeet seiner Hirnwindungen streunt«? Wahrscheinlich Gemüse, denn was andere unter der Bauchdecke haben, ist bei dem unter der Kalotte. Deshalb dürften »Hirnwinde« streunen.

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