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Aus: Ausgabe vom 22.01.2026, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Sainsonarbeit in Deutschland

Zwei Tage bewusstlos

Rumänischer Saisonarbeiter erleidet auf deutschem Weingut einen medizinischen Notfall, doch niemand ruft einen Notarzt. Er stirbt
Von Gudrun Giese
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Dieser Fall wirft eine Menge Fragen auf: Der rumänische Saisonarbeiter Janos M. arbeitete einige Wochen auf einem Weingut in Baden-Württemberg, erlitt im vergangenen Oktober einen schweren medizinischen Notfall und verstarb kurz vor Weihnachten in einem Krankenhaus. Was genau geschah, ist bis heute unklar.

Fest steht, dass der 50jährige zwei Tage lang bewusstlos auf dem Boden seines Zimmers in der Unterkunft lag und niemand, weder Kollegen noch Verantwortliche des Weinbaubetriebes, einen Notarzt rief. Am Ende organisierte die Tochter, die sich Sorgen machte und aus Rumänien versuchte, ihren Vater zu erreichen, medizinische Hilfe. Sie reiste schließlich auch nach Deutschland, um Janos M. beizustehen. Ohne die Unterstützung des Vereins ­Faire Arbeit Baden-Württemberg, der zum kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt gehört, wäre ihr die Anreise aus Rumänien gar nicht möglich gewesen. Einige Zeit hoffte sie noch, dass der Vater seine nicht näher bezeichnete Erkrankung überleben könnte. Doch Janos M. fiel ins Koma und verstarb.

Die Polizei ermittelte, übergab aber in der Zwischenzeit den »Fall« an die Staatsanwaltschaft. Ob diese noch Erhellendes zu Tage fördern wird, erscheint ungewiss. So sollen etwa die Papiere des rumänischen Saisonarbeiters verschwunden sein. Er hatte zwar zwischen drei und vier Wochen auf dem Weingut gearbeitet, allerdings ohne Vertrag und wohl auch ohne Krankenversicherung. Nach dem Notarzteinsatz hieß es angeblich, man kenne ihn im Betrieb gar nicht. Einige Zeit später, ein gesetzlicher Betreuer war wie vorgeschrieben für den im Koma liegenden Mann eingesetzt worden, tauchte doch eine Krankenversicherung auf. Für die Familie war das ganze ein einziger Alptraum, nicht zuletzt auch ein finanzieller, denn Fahrten, Überführung und Beisetzung kosten eine Menge Geld. Geld, das die Tochter und die übrigen Angehörigen nicht haben. Deshalb hat der Verein Faire Arbeit Baden-Württemberg zu einer Spendensammlung aufgerufen.

»Dieser Tod lässt sich nicht als tragischer Zufall erzählen«, heißt es dort gegenüber jW. »Er verweist auf Abhängigkeiten, auf Wegsehen und auf Strukturen, in denen Menschen zu austauschbaren Arbeitskräften werden.« In der Beratungsarbeit erlebe der Verein immer wieder solche Strukturen, die nicht hinnehmbar seien. Die Gesellschaft profitiert in erheblichem Maß von Saisonarbeit und mobiler Beschäftigung in der Landwirtschaft, auf dem Bau, im Hotelbereich und in vielen anderen Branchen. Für ihre wichtige Arbeit erhalten die Beschäftigten aus Südosteuropa oft nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn. Immer wieder werden Fälle der Unterbringung in unzulänglichen Unterkünften bekannt, für die schlimmstenfalls größere Teile ihres Lohns einbehalten werden. Vor diesem Hintergrund erscheint es besonders zynisch, dass der baden-württembergische Agrarminister Peter Hauk (CDU) im vergangenen Sommer darauf bestand, den Mindestlohn für ausländische Saisonarbeiter in der Landwirtschaft nicht anzuheben. Es gehe dabei um die »Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland«, äußerte der Minister Anfang Juli gegenüber dem SWR. Ein erhöhter Mindestlohn könne das Höfesterben beschleunigen und werde so zum »Totengräber« der Versorgungssicherheit.

Zuvor hatte bereits Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbandes, gefordert, den ausländischen Saisonarbeitern lediglich 80 Prozent vom Mindestlohn zu zahlen, wofür sich Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) offen zeigte. »Meine Fachleute prüfen, ob es einen rechtssicheren Weg gibt, Ausnahmen vom Mindestlohn möglich zu machen«, sagte er im vergangenen Juni gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Grundsätzlich stehe die Bundesregierung zum Mindestlohn, aber er nehme die Sorgen der Obst- und Gemüsebauern sehr ernst. Die Erhöhung der Lohnuntergrenze stelle viele dieser Betriebe vor große Herausforderungen. Dass sehr oft gar kein Mindestlohn gezahlt wird, schien der Minister nicht zu wissen. Und Todesfälle wie der von Janos M. werden einfach ignoriert.

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