Alte Weltordnung? Schnee von gestern
Von Jörg Kronauer
Vor der verspäteten Ankunft von US-Präsident Donald Trump in Davos hat sich der Streit um den von Washington geplanten »Friedensrat« zugespitzt. Trump will die neue Organisation am Donnerstag am Rande des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum, WEF) offiziell gründen. Der Friedensrat war ursprünglich als ein Instrument angekündigt worden, um die Umsetzung des Friedensplans für Gaza zu begleiten. Die Trump-Regierung hat allerdings klammheimlich eine Organisation daraus geformt, die laut Satzungsentwurf langfristig für die Bekämpfung prinzipiell aller Konflikte weltweit zuständig sein soll. Sie unterliegt bezüglich ihrer Mitgliedschaft, ihrer Beschlüsse und ihrer sonstigen Aktivitäten der alleinigen Kontrolle der Privatperson Donald J. Trump. Der siebenköpfige Exekutivrat wird von Milliardären aus Trumps persönlichem Umfeld dominiert. Hinzu kommen zwei nicht ganz so reiche Mitglieder der US-Regierung sowie der britische Expremierminister Tony »Poodle« Blair.
Dem offensichtlichen Versuch, die Vereinten Nationen durch eine nach dem Modell der Trump Organization gestaltete Vereinigung zur Festigung der US-Weltherrschaft zu ersetzen, wollte sich bis Mittwoch nachmittag nur ein knappes Dutzend Staaten anschließen, darunter Ungarn, Argentinien, Marokko, Vietnam, das Kosovo sowie Israel. Kanadas Premierminister Mark Carney gab an, er versuche noch über Änderungen in der Satzung zu verhandeln. Frankreich, Norwegen und Schweden lehnten den Beitritt ab; Paris handelte sich dafür eine Trump-Drohung mit 200prozentigen Strafzöllen auf Wein und Champagner ein. Die Bundesregierung, die sich zunächst bedeckt gehalten hatte, streute Hinweise, sie wolle sich von dem »Friedensrat« wohl fernhalten. China bekräftigte, es stehe unverändert zu einer UN-zentrierten Weltordnung.
In seiner Rede in Davos ging der US-Präsident unmittelbar auf Konfrontationskurs und forderte die sofortige Aufnahme von Verhandlungen über einen Erwerb Grönlands durch die USA. Zugleich schloss er den Einsatz von Gewalt bei seinem Werben um die Insel im Gegensatz zu früheren Aussagen aus. »Wir werden wahrscheinlich nichts erreichen, es sei denn, ich entscheide mich für übermäßige Gewaltanwendung, wodurch wir, offen gesagt, unaufhaltsam wären. Aber das werde ich nicht tun.« Und fügte hinzu: »Ich will keine Gewalt anwenden, ich werde keine Gewalt anwenden.«
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte schon am Dienstag in Davos erklärt, Grönlands Souveränität sei »nicht verhandelbar«. Der britische Premierminister Keir Starmer äußerte sich am Mittwoch ähnlich. Trumps geplantes Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz, bei dem es um Grönland und die angedrohten US-Zölle gehen sollte, wurde kurzfristig abgesagt, weil der US-Präsident deutlich verspätet ankam. Die Air Force One hatte wegen einer Panne umdrehen müssen, wie sonst so oft die Flugbereitschaft der Bundeswehr.
Bereits am Dienstag hatte Kanadas Premierminister Carney die bislang bemerkenswerteste Rede des diesjährigen WEF gehalten. Carney konstatierte, man erlebe zur Zeit »einen Bruch in der Weltordnung«: »den Beginn einer brutalen Realität, in der die Geopolitik zwischen den Großmächten keinerlei Beschränkungen mehr unterliegt«. Carney räumte ein, die sogenannte regelbasierte Weltordnung habe auf doppelten Standards beruht, mit denen man im Westen kein Problem gehabt habe, solange man ein Profiteur dieser Ordnung gewesen sei. Dies funktioniere nun aber nicht mehr. Mittelmächte wie Kanada müssten sich in einer Welt, in der sie von den Großmächten immer stärker ausgepresst würden, eine eigene, von diesen nicht mehr abhängige Position suchen und sich zusammentun. Zur Erläuterung verwies Carney auf Kanadas Bemühungen um eine engere Kooperation mit der EU und seine neue strategische Partnerschaft mit China.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (22. Januar 2026 um 14:25 Uhr)»America First!« Das waren die USA schon immer, nämlich stets die »Ersten« bei der Zerstörung der Welt. Aber: »Wer zum Schwerte greift, …«
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (22. Januar 2026 um 09:20 Uhr)Trump spürt instinktiv, dass die strategische Konkurrenz mit China – wirtschaftlich global und mit Russland militärisch insbesondere in der Arktis – ohne eine massive geopolitische Verstärkung nicht zu gewinnen ist. Aus dieser Logik heraus erklärt sich sein Drängen auf Kanada und Grönland: nicht als Laune, sondern als machtpolitisches Kalkül. Ob diese Ambitionen Realität werden, entscheidet sich jedoch nicht in Davos, sondern an den Wahlurnen. Die Zwischenwahlen im November markieren den entscheidenden Wendepunkt: Gewinnt Trump die politische Kontrolle, verfügt er über den nötigen innenpolitischen Spielraum, um seine aggressive Neuordnung der Weltpolitik voranzutreiben. Verliert er, wird er zur »lame duck« – politisch blockiert und historisch randständig. Daraus ergibt sich Trumps Tempo und Eskalationsbereitschaft: Die Wähler sollen möglichst schnell spüren, dass er »handelt«, dass er Größe, Stärke und Entschlossenheit demonstriert. Nicht weil die Projekte kurzfristig realistisch wären, sondern weil sie als mobilisierendes Machtversprechen dienen.
-
Leserbrief von Frank Lukaszewski aus Oberhausen (22. Januar 2026 um 07:40 Uhr)Der vom US-Machthaber Trump initialisierte, sogenannte »Friedensrat« ist nicht alleine ein weiterer Versuch, die UN endgültig ins Abseits zu stellen. Vielmehr zielt jene ominöse Vereinigung tatsächlich darauf ab, mögliche Widerstände gegen imperiale, globale Führungsansprüche der Vereinigten Staaten im Rahmen einer scheinbaren internationalen Organisation zu ersticken. Staaten, die ihre offene Unterwürfigkeit mit einem ständigen Sitz im erwähnten »Gremium« dem Potentaten demonstrieren wollen, müssen das übrigens mittels eines lächerlichen Beitrages von 1 Milliarde Dollar erkaufen. So funktioniert Trumpel.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas Scharmann aus Berlin (22. Januar 2026 um 04:47 Uhr)Ob Herr Trump im Schatten der Ikea-Weltkarte aufgezogen wurde oder von fernher die grunddeutsche »Tagesschau«-Abschiedsgraphik nach dem Wetterbericht durchdämmert: Dem Präsidenten der USA erscheint das vom Russen und vom Chinamann arg bedrohte Gröhnland größer als Großindien, doppelt so groß wie der vier Mal so große Kontinent Australien und sein großer Schritt für die Menschheit zum eigenen zwoten Nobelfriedenspreis. Vorschlag: Weil’s Sternenbanner schon draufsteht, wird die Vorderseite des Erdenmondes seiner Kontrolle/Regierung/Herrschaft unterstellt. Somit wird Präsident DJ Trump zum ersten Herrscher auf zwo Himmelskörpern – gern geschehn! – Was sich da vor aller Augen ereignete, übertrumpelte gar noch Brzezinskis Vision und Einzige-Weltmacht-Strategie: Wenn diese meine Vasallen sich in Unsicherheit wiegen, also ich sie darin, dann sprudeln Billionen! Und: Wer springt da nicht alles in jede Bresche, Ecke, Lücke, die ich eröffne! Kein Auge bleibt trocken. Und, wer weiß?, gleich morgen lasse ich Auslandsvermögen einfrieren und behalte uns (also: mir) deren Sondervermögensverwendung vor! Tausende Tonnen ausländisches Gold inklusive. Anschließend: Island, Gründungsmitgliedsstaat des NATO-Pakts, bisher armeefrei, wird gerettet, danach oder vorher die Faröerinseln vom schwächelnden Partner Dänemark, ebenso Spitzbergen vom schwächelnden Partner Norwegen, Alaska haben wir schon? Was ist mit Japan? Neuseeland? Atlantis, Vineta.
-
Leserbrief von Rayan aus Unterschleißheim (21. Januar 2026 um 22:55 Uhr)Kanada hat's gecheckt: China ist verlässlicher, als der unmittelbare Nachbar – mittlerweile geführt von einem faschistisch-narzisstischen Trottel –, der die längste Zeit alleinige, kapitalistische Großmacht auf diesem Planeten war, je sein könnte. Mal schau’n, wie lange die Fürsprecher der europäischen Kapitalistenklasse brauchen, um zu begreifen, dass Trump nicht einmal auch nur ein drittklassiges Pokerturnier gewinnen könnte. Aber auf jeden eine ziemlich interessante Soap-Opera: Wir haben als Charaktere das gestörte, über 70jährige Kind am Nuklearwaffenknopf und eine ganze Phalanx an humanoiden, Rektus analysierenden und kriechenden Kreaturen, die den Ausweg aus dem selbst geschaffenen Dilemma suchen. Meine Prognose: Wenn da nicht schleunigst ein paar vernunftbegabte Protagonisten beigemischt werden, endet die Farce in einem für die Menschheit letalen Big-Bang. (»The greatest BigBang ever«)
Ähnliche:
REUTERS21.01.2026Zittern vor dem Handelskrieg
IMAGO/Pacific Press Agency/Michael Debets20.01.2026DFG-VK appelliert an den deutschen Staat. Auf Trumps Gebaren endlich reagieren
REUTERS/Jonathan Ernst14.01.2026Investoren schon da