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Aus: Ausgabe vom 19.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Haste nichts, biste was

Vom Ziehen hinterm Brustbein: Zum Tod des vorbildlich autonomen Schriftstellers Hermann Peter Piwitt
Von Von Stefan Gärtner
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Hermann Peter Piwitt im Oktober 1986

Autoren, die man schätzt oder sogar liebt, sind ja ein Teil von uns, und ein fester Teil von mir ist diese Seite aus Hermann Peter Piwitts Roman »Die Gärten im März«, wo Protagonist Ponto, weltweiser Bohemien und auch sonst mit Biographica seines Schöpfers versehen, von einem »Bekannten« berichtet, für den Verliebtheit nichts weiter sei als ein »Zustand stummer Unruhe, in dem er oft regungslos, ohne Bewusstsein von sich selbst, oder weinend in seinem Zimmer saß und sich den chaotischsten Ideenfluchten und den schmerzlichsten Glücksvorstellungen auslieferte, ohne etwas zu unternehmen; denn bei jedem Versuch, sich zu erklären, die Frau, um die es ging, für sich zu gewinnen, schien ihm das Risiko der Zurückstoßung aus Erfahrung so hoch, dass er es nicht darauf ankommen lassen wollte.« So weit, so vielleicht trivial, aber ist das alles? Eben nicht: »Er verzichtete lieber, als sich jenen Vätern, Lehrern, Pfarrern, Chefs, jenen Idolen und Leitaffen zu stellen, die – wie er, sein Bekannter, meinte – im Stammhirn einer normalen Frau für gewöhnlich Regie führten und gnadenlos prüften, ob ein Bewerber auch beherrscht sei, das heißt, in der Lage, ein flüchtiges Abenteuer ebenso ordnungsgemäß abzuwickeln wie einen eventuellen lebenslänglichen Existenzkampf erfolgreich für sie zu führen, kurz, ob es sich bei ihm um die gewünschte den Verstand raubende Vertrauensperson handelte oder nur um ein hilfloses nach Angstschweiß riechendes Bündel Gefühl.«

Schon damals, 1979, wird Piwitt gewusst haben, warum er dieses Bekenntnis zweimal um die Ecke schickte, denn Patriarchat gut und schön, aber das wird sich die moderne Frau dann doch verbitten, als bloßes Exekutivorgan beschrieben zu sein; was nichts daran ändert, dass, mit Piwitts »Lehrer Adorno«, Herrschaft in die Menschen einwandert, und in die Männer eben auch. Dieser Herrschaft hat Piwitt sich ein Leben lang zu entziehen versucht, was in dem zweiten Satz steckt, der mich nicht mehr verlassen wird: Er, Piwitt, habe nie Geld gehabt und brauche auch keins, was mir, dem Nichtbohemien, plausibel macht, warum ich es so mit den eisernen Reserven habe. Hermann Peter Piwitt, am 28. Januar 1935 in Wohldorf bei Hamburg geboren, der Vater ein kleiner Nazifunktionär, die Mutter eine Kleinbürgerin wie aus dem Bilderbuch, weiß schnell, dass er anders sein will als die Welt, die ihn hervorgebracht hat, wie sich aus seinem wunderbaren Erinnerungsbuch »Lebenszeichen mit 14 Nothelfern« (2014) erfahren lässt: »Haste was, biste was: nach Mutters Devise ein Leben in den Sand setzen: nur das nicht! Ich verlor nicht mal einen Gedanken daran.« Nur über Umwege gelingt das Abitur, dann Philosophiestudium in Frankfurt am Main zu einer Zeit, als der Schnaps 15 Pfennig kostet und der Student, der eine erste Erzählung in der Frankfurter Allgemeinen unterbringt, »ins Leben hinein verwahrlost«, mit Absicht und ohne Reue, »mit Bier und Brot« und einem Blick für die Mädchen: »Und so verfehlte ich jeden Weg, den man mir öffnete, um einmal ein gemachter Mann zu sein.« Die anderen dagegen machen sich: »Ah, sie hätten so gute Spielkameraden sein können, alle, ein Leben lang. Stattdessen kamen sie einem mit Familiengründungsdarlehen, Kinderwünschen und Hitchhiken in der Camargue.«

Piwitt dagegen hält es nicht einmal als Lektor bei Rowohlt aus, denn die älteren Brüder haben ihn genötigt, »aus dem Abseits heraus die Vorgänge, da sich nicht mit ihnen scherzen ließ, zu betrachten«. Nach einer abgebrochenen Dissertation ist er seit 1969 freier Schriftsteller und Journalist, der, erst noch querbeet, dann nur mehr bei Konkret und der Frankfurter Rundschau, für wenig Geld die Überzeugung verschriftlicht, es müsse doch, bitte sehr, auch ohne Bank und Großkonzern ein Leben sich organisieren lassen, ohne den Zwang mithin, der die Menschen ausfüllt und sie gemein macht. Das Gegenteil ist die Liebe, die Piwitt in seinem Werk so anrührend dem Instanzenweg ausweichen lässt und die nichts mit Kindern und Carport zu tun hat: Liebe, heißt es gelegentlich, ist die eine Nacht, die bitte ewig dauern soll, was nur dann nach Schlager klingt, wenn man nicht zu schreiben versteht wie dieser (natürlich undogmatisch) marxistische, ein Zauberwort wie »Tauwind« treffende Romantiker, dessen herber, dabei ganz unmanierierter und völlig ungeborgter Stil die Dinge beim Namen nennen kann, weil er den Namen der Dinge weiß. Piwitt, fällt mir eben auf, klingt wie ein Vogelruf. Das erklärt schon viel. »Ich konnte irgendwann nicht einmal mehr sagen, wie und warum mir endlich Texte gelangen. Sie gelangen. Einfach. Und es fehlte nicht viel, und ich sagte: Es kommt alles von oben.«

Freiheit, dieses sterbenstote Wort: Wer noch eine Ahnung davon haben möchte, was das mal war und diesseits der Fernsehwerbung sein könnte, muss den Abseitsverteidiger Piwitt lesen, der gar nicht anders konnte, als ein politischer Schriftsteller zu sein, und es, soweit ich bewundernd sehe, geschafft hat, ein durchweg unkorruptes Leben zu führen, gestützt und vielleicht gerettet von »Nothelfern« wie Hermann L. Gremliza, mit dem er den »Ekel vor den großen Räubern und denen, die ihr armseliges Talent ihnen zur Verfügung stellten« teilte. Dass Piwitt nur von Luft und Liebe gelebt habe, wird kaum gestimmt haben können, aber dass er es versucht hat, hat ihn, vom Betrieb längst vergessen, seinerseits zum Idol gemacht, das den »alten weißen Mann« auf so zarte wie dialektische Weise rehabilitiert. Denn in dem alten weißen steckt allemal ein junger Mann, und auch das ist schön und tut uns weh: »Ein Ziehen hinterm Brustbein, das nie wieder vergeht, von Abenden auf dem Eis. Kleines Gerempel auf Schlittschuhen, um zu fühlen, wie sich ein Mädchen anfühlt, das weiß Gott auch noch Marlene heißt.«

Am 15. Januar ist der Vogelfreund, frühere Teilzeititaliener und unbeirrte Freigeist Hermann Peter Piwitt in Hamburg gestorben. Er hat die Stadt verachtet. Va bene.

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