Der zwölfte Mann
Von Jörg Tiedjen
Es war ein hart errungener Sieg. Senegals Fußballnationalmannschaft hat am Sonntag abend das Endspiel des Afrikacups in Rabat mehr als verdient mit 1:0 (n. V.) gegen Gastgeber Marokko gewonnen – aber nicht nur gegen dessen Spieler. Die »Löwen der Teranga« mussten sich in feindseliger Umgebung auch gegen Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala aus der Demokratischen Republik Kongo bewähren. Nicht zum ersten Mal in diesem Turnier stehen die Referees im Verdacht, für die Gastgeber zu pfeifen. Zu Beginn der Nachspielzeit wurde der Führungstreffer von Senegals Verteidiger Abdoulaye Seck nicht anerkannt, da Ndala Sekundenbruchteile zuvor das Spiel unterbrochen hatte. Der fadenscheinige Grund: Der marokkanische Abwehrspieler Achraf Hakimi hatte Seck im Strafraum blockiert und sich dabei fallengelassen. Auf der Gegenseite entschied Ndala eine Minute vor Ende auf Strafstoß gegen Senegal. Zuvor hatte sich auch Marokkos Sturmspitze Brahim Díaz nach kurzem Gerangel mit El Hadji Diouf hingelegt.
Die folgenden Szenen sind jetzt schon Fußballgeschichte: Nach der Elfmeterentscheidung geht das senegalesische Team aus Protest in die Kabine. Doch dann überredet Senegals überragender Sadio Mané seine Mitspieler, wieder aufs Feld zurückzukehren. Diáz will den Strafstoß im Stil eines Panenka in die Tormitte lupfen. Es wäre eine Demütigung. Doch der Ball landet direkt in den Armen von Schlussmann Édouard Mendy. Es folgt eine spektakuläre Verlängerung. 94. Minute: Nach einem genialen Hackentrick Manés, der die marokkanische Abwehr ins Leere laufen lässt, versenkt Mittelfeldmann Pape Gueye den Ball unhaltbar im Netz. Die »Atlaslöwen« schalten auf Powerplay. Die Riesenchance hatte allerdings der senegalesische Stürmer Cherif Ndiaye, der plötzlich frei vorm Tor steht – und verfehlt! Doch der Senegal hält die Führung. Zum zweiten Mal nach 2022 ist man Afrikameister. Am Sonnabend hatte Nigeria in Casablanca gegen Ägypten den dritten Platz errungen.
Wenn Marokko den Afrikacup zur Imagepflege nutzen wollte, so hat das Königreich das Gegenteil bewirkt. Auch am Rande des Finales und danach ereigneten sich skandalöse Szenen: Balljungen gängelten Senegals Torhüter; Einsatzkräfte prügelten im Stadion auf senegalesische Fans ein; Moulay Rachid, der Bruder des marokkanischen Königs Mohammed VI., lehnte es ab, den Siegern den Pokal zu überreichen; in Casablanca wurde ein senegalesisches Restaurant verwüstet; schließlich verhinderten marokkanische Journalisten die Pressekonferenz von Senegals Trainer Pape Thiaw. Marokko hat am Wochenende vor den Augen der Weltöffentlichkeit bewiesen, dass es kein Ort ist, an dem man einen Afrikacup oder, wie für 2030 geplant, eine FIFA-Weltmeisterschaft veranstalten kann.
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