Der Hai und der Wal
Von Alexander Subtil
Da fühlt man mit. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich konnte sein Mitleid mit den Damen nicht verhehlen, die vergangene Woche bei der Eiskunstlauf-EM (13.–18.1.2026) nach dem Kurzprogramm die Kür, das Finale der besten 24, nicht erreicht hatten: »Die, die ausscheiden, haben es auch nicht besonders gut, weil: Sheffield ist jetzt nicht unbedingt so der Hotspot schlechthin; also ein großer Stadtbummel ist kein versöhnlicher Schlusspunkt. Wenn man den machen darf, da ist man auch schnell durch, gibt’s nicht allzuviel zu sehen.« Das Beleidigen von Gastgeberstädten – hat hier Friedrich Merz einen neuen Trend gesetzt?
Niina Petrõkina aus Estland dürfte Sheffield indessen in allerbester Erinnerung behalten: Sie ging nach dem Kurzprogramm in Führung und sicherte sich mit einer blitzsauberen Kür zu »Dune« (Musik: Hans Zimmer) Gold (216,14 Punkte). Loena Hendrickx, Europameisterin von 2024, kämpfte wie eine Löwin, leistete sich aber Fehler bei der Kombination. Ihre Programme leiden zudem nach wie vor unter nichtssagender Musik mit fragwürdigen Schnitten (Silber, 191,26 Punkte). Die Darbietungen von Lara Naki Gutmann hingegen bleiben in Erinnerung: Die Italienerin läuft bevorzugt zu Horrormusik und interpretiert diese mit entsprechender Gestik und Mimik. Dazu zeigt sie nahezu alle ihre Sprünge in der Tano- oder Rippon-Variante (ein bzw. beide Arme beim Sprung über den Kopf gehalten). Sie setzt die Akrobatisierung des Eislaufsports fort, indem sie untypische Elemente wie Radschlagen in ihre Programme einbaut – sie hat so ihren eigenen, ganz unverwechselbaren Stil gefunden. Trotz mehrerer Fehler reichte es als »Weißer Hai« (186,87 Punkte) für Bronze.
Deutschland hatte, wohl zum ersten Mal seit der EM 1950 in Oslo, keine eigene Läuferin am Start. Die Deutsche Eislaufunion (DEU) versäumt es seit Jahren, systematisch Nachwuchs aufzubauen. Aber das ist nicht verwunderlich für ein Land, das die erfolgreichste Trainerin aller Zeiten, Jutta Müller, nach dem Ende der DDR nicht weiter im Leistungssport beschäftigt hat. Eine talentierte Läuferin wie Julia Sauter etwa, in Ravensburg geboren, wanderte schon vor Jahren aufgrund mangelnder Förderung nach Rumänien aus, für das sie nun in Sheffield den elften Platz holte (174,37 Punkte).
Das beste deutsche Paar, Minerva-Fabienne Hase und Nikita Wolodin, ist auf Sportförderung durch die Bundeswehr angewiesen. Die beiden waren nicht in Topform, lagen nach dem Kurzprogramm auf Rang zwei und zeigten eine Kür unter ihren Möglichkeiten: Twist, Wurfflip und Wurfsalchow waren phantastisch, aber beim Wurfrittberger ging sie zu Boden und stürzte gar noch kurz vor der Schlusspose beim Abgang aus einer Hebung. Dass sie damit trotzdem kurzzeitig in Führung gingen, sorgte für allgemeine Ratlosigkeit, am meisten bei Hase selbst, als sie die 203,87 Punkte auf der Anzeigentafel sah. Das reichte am Ende noch für Silber und verdrängte die an diesem Abend besseren Maria Pavlova und Alexei Sviatchenko aus Ungarn mit 202,56 Punkten auf den Bronzerang – ein Unterschied von gerade einmal 1,31 Zählern, was eine mathematische Exaktheit suggeriert, aber dennoch eine Fehlwertung bleibt.
Unumstritten war dagegen der Sieg von Anastasia Metelkina und Luka Berulawa (Georgien). Trotz eines Sturzes von ihr beim Toeloop zeigten sie klar die beste Kür und wurden mit 215,76 Punkten belohnt. Bei den Herren erkämpfte Nika Egadse aus Georgien Gold (273,00 Punkte). Er zeigte vier Vierfachsprünge, darunter die Sequenz Vierfachsalchow–Euler–Dreifachsalchow, die allein ihm 18,05 Punkte einbrachte. Hinter ihm landeten Matteo Rizzo aus Italien (256,37 Punkte, Silber) und Georgii Reshtenko aus Tschechien (238,27 Punkte, Bronze).
Der Franzose Guillaume Ciceron, Olympiasieger von 2022, interpretierte mit seiner neuen Partnerin Laurence Fournier Beaudry Filmmusik zu »Der Wal« (Gold mit 222,43 Punkten). Während der Film die Geschichte eines stark übergewichtigen Mannes erzählt, scheinen die beiden mit Darbietung und Kostümen eher an die Weite des Ozeans erinnern zu wollen. Das war zwar technisch anspruchsvoll und faszinierend anzusehen, dennoch gehörte das Wasser vorige Woche ganz klar dem »Weißen Hai«.
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