Toxischer Glaube
Von Florian Osuch
In den USA ist die »Keuschheitsbewegung« für Mädchen und junge Frauen innerhalb des evangelikalen Spektrums fest etabliert. Neben einem sexualpädagogischen ist die Purity Culture auch ein politisches Phänomen. In den vergangenen Jahren griff unter anderem Charles James »Charlie« Kirk die Purity Culture auf. Für seine Jugendorganisation »Turning Point USA« (TPUSA) gehören Sexualmoral, Familie und nationale Identität zusammen. »Sexuelle Reinheit« solle die moralische Stärke einer vermeintlich bedrohten weißen Nation sichern. Konservative Geschlechterrollen werden als Bollwerk gegen sozialen Wandel und gegen die Bedrohung durch einen angeblich verweichlichten Liberalismus gesehen. In dieser Logik sind die private Körpermoral und der Sex zwischen zwei Menschen plötzlich Teil eines größeren politischen Kampfes für die Trumpsche Parole »Make Amerika Great Again«.
Moralisch besser
Die Verbindung von Sexualethik und Ideologie ist kein Zufall. Ähnlich wie die Forderung nach einer selbstbestimmten Schwangerschaft lässt sich das Thema »Reinheit« hochgradig emotionalisieren: »Wir, die guten, moralischen Christen« – dort der unzüchtige und moralisch verfallene Rest der Gesellschaft. Kirk – Autor, Podcaster und Traumschwiegersohn der religiösen Rechten – wurde im September 2025 in Utah während einer Diskussionsveranstaltung getötet. Der Einfluss von »Turning Point USA« auf Teenagerinnen und junge Frauen ist enorm. Eine halbe Million Menschen folgen dem Instagram-Profil von TPUSA, beim Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter) sind es 1,5 Millionen, und beim Videoportal Youtube hat TPUSA sogar fünf Millionen Abonnenten – eine beachtliche Reichweite. Das kurz vor Kirks Tod veröffentlichte Video »Stay Pure and Find Real Love« wurde auf Youtube fast 60.000mal geklickt. Heute inszenieren Musikvideos, Jugendkonferenzen, charismatische Prediger und christliche Influencer – sogenannten Christfluencer – die Purity Culture als Teil eines göttlich gewollten gesunden Lifestyles – attraktiv, positiv, modern.
Doch was ist genau unter Purity Culture zu verstehen? Sie ist eine jugend- und sexualpädagogische Bewegung, die in den 1990er Jahren innerhalb streng religiöser evangelikaler Kreise in den USA entstand; auch wenn ihre Ursprünge weiter zurück reichen. Vom Bible Belt und anderen stark konservativ geprägten Bundesstaaten – dem Kernland der Republikaner – strahlte die Bewegung in zwei Dimensionen aus: Einmal örtlich – Purity Culture wurde Teil der religiösen Prägung von Mädchen und jungen Frauen in Deutschland, Europa und anderen Ecken der Welt – und einmal spirituell. Die aus dem evangelikalen Spektrum hervorgegangenen Leitlinien wurden von anderen christlichen Strömungen aufgegriffen, von ultrakonservativen Katholiken, charismatischen Predigern aus sogenannten Megachurches, Pfingstkirchen, Calvinisten oder Mormonen. Es entwickelte sich eine »transdenominationale Jugendsubkultur«, wie es Dr. Claudia Jetter von der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin nennt; wenngleich nicht alle der genannten christlichen Richtungen die Purity Culture übernommen haben. Die Bewegung ist mehr als ein strenger Verhaltenskodex. Purity Culture ist Teil eines kulturellen Verständnisses von Moral, (weiblicher) Identität und Geschlecht innerhalb der genannten Kirchen und Gemeinden.
Die Kernidee der Purity Culture: Sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Ehe als christliche Tugend, pädagogisch ab dem Kindesalter vermittelt, kontinuierlich wiederholt und biblisch begründet. Nachdem ihre Popularität etwa um die Jahrtausendwende einen Höhepunkt erreicht hatte, wird Purity Culture heute zunehmend kritisch diskutiert, unter anderem wegen ihrer psychosozialen Effekte auf mehrere Generationen junger Frauen. Druck, Angst, Scham- und Schuldgefühle sowie Traumata und auch schwere körperliche Leiden sind oftmals erst viel später sichtbar.
Verklärt wird die toxische und frauenfeindliche Ideologie als »sich aufheben«, als: Wahre Liebe wartet (»True Love Waits«), Keuschheitslehre oder Reinheitskultur. Die Schweizer Illustrierte verharmloste die gefährliche Doktrin vor ein paar Jahren als »selbstauferlegte Abstinenz«. Doch bei Purity Culture geht es um mehr als Kein-Sex-vor-der-Ehe. Die Aussteigerin aus einer fundamentalistischen Freikirche in Deutschland, Nana Myrrhe, ist der Auffassung, das Credo »Du sollst nicht geschlechtlich verkehren – oder am allerbesten: Du sollst keinen Körper haben« schwebe in manchen religiösen Communities »über den meisten anderen Verhaltensregeln«.¹
Religiöse Eiferer
Die theologische Begründung der Purity Culture beruht auf der Annahme, sexuelle Zurückhaltung vor der Ehe sei Ausdruck geistlicher Integrität und besonderer Frömmigkeit. Verwiesen wird auf entsprechende Textstellen aus der Bibel. Da Altes und Neues Testament bei den streng religiösen Christen als unfehlbar angesehen werden, gelten ihnen derlei Passagen als normative und unumstößliche Vorgaben. Im Alltag der Mädchen und jungen Frauen bedeutet das nicht nur sexuelle Enthaltsamkeit, Scham und Angst vor »Sünde«, sondern ein umfassendes moralisches Regelwerk.
Verherrlicht wird ein erzkonservatives und patriarchales Familienbild. Die Frau soll sich dem Mann bedingungslos unterordnen und ihm dienen. Dies wird ebenfalls durch entsprechende Bibelstellen begründet, wie etwa in den Paulusbriefen: »Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau.«² Insbesondere für jene Mädchen und Teenagerinnen, die in streng religiöse christliche Gemeinden hineingeboren werden und die die Bibel als Gottes Wort verehren und intensiv studieren, lassen solche Texte keinen Spielraum.
Der Ursprung der aktuellen Purity Culture liegt in den USA der 1990er Jahre. Die »Southern Baptist Convention«, die größte protestantische Konfession in den USA mit circa 13 Millionen Mitgliedern, entwarf »True Love Waits« im Jahr 1992 als wirkungsvolles Identitätsangebot für verunsicherte Jugendliche. Es folgte eine gigantische Kampagne mit Predigten, Zeitschriften, Büchern, Jugendfreizeiten und anderen Events sowie jede Menge Merchandising. Am bekanntesten wurde der »Purity Ring«. Ein Ring, der zum einen das Gelübde sichtbar machen sollte, und zum anderen die Teenagerinnen zu jeder Zeit – besonders in Situationen möglicher »Fehltritte« – an ihr Versprechen erinnern sollte. Viele Mädchen bekamen den Ring in feierlichen, teils öffentlichen Zeremonien vom Vater überreicht. Gesteigert wird dies noch bei ritualisierten »Purity Balls«. Bei diesen Vater-Tochter-Zeremonien tragen die jungen Frauen an Brautmode erinnernde Kleider. Die Mädchen versprechen Enthaltsamkeit und ihre Familie und Gott »rein« zu halten. Die Väter versprechen, ihre Töchter vor »sexueller Gefahr« zu schützen, bis ein Ehemann an ihre Stelle tritt.
In den USA ist ein regelrechter Hype um die Purity Culture entstanden. Sie fand in den 2000er Jahren Einzug in die US-amerikanischen Jugend- und Popkultur. Britney Spears verkündete ihre Enthaltsamkeit in Interviews und trug einen »Purity Ring«. Ebenso Justin Bieber, der über »Sexual abstinence« im christlichen Kontext sprach. Megastar Miley Cyrus ließ sich in der »Southern Baptist Convention« taufen und trug zeitweise einen »Purity Ring«. Die Sängerin und Schauspielering Selena Gomez trug einige Zeit ebenfalls solch einen Ring. Was theologisch begann, wurde zu einem Lifestyleprodukt.
Die Hypersexualisierung von Britney Spears stand all dem nicht entgegen. Im Video zu ihrem fast zehn Millionen Mal verkauften Hit »… Baby One More Time« tanzte die gerade 17jährige lasziv über den Flur einer Schule, im Minirock, bauchfrei und mit halb offener Bluse. Vielleicht war für die keuschen Evangelikalen gerade Britney Spears die Verkörperung ihres Ideals: die Symbiose aus einem Lolita-Schulmädchen-Look, Objekt der (männlichen) Begierde, kommerziell äußerst erfolgreich und trotzdem der sexuellen Enthaltsamkeit verpflichtet. Später gingen einige Stars auf deutliche Distanz zu ihren früheren Bekundungen. Sie sprachen über emotionalen Druck, der mit den öffentlichen Statements verbunden war. Offenbar ließ sich »Reinheit« gut vermarkten, aber schlecht praktizieren.
Zu einem der wichtigsten Purity-Bücher wurde »I Kissed Dating Goodbye« von Joshua Harris aus dem Jahr 1997. Über 1,2 Millionen Exemplare sollen davon verkauft worden sein. Harris war von 2004 bis 2015 leitender Pastor der evangelikalen »Covenant Life Church«, einer calvinistischen Megachurch in Gaithersburg (Maryland, USA). Nach seinem Rücktritt 2016 erklärte Harris, er »überdenke« zentrale Aussagen seines Bestsellers. Er veröffentlichte ein selbstkritisches Statement, das innerhalb des konservativ-christlichen Spektrums ein kleines Beben ausgelöst haben dürfte. Der frühere Starautor der Szene distanzierte sich darin von zentralen Aussagen seines Buches. Statt es zu vermeiden, könne Dating »ein gesunder und wertvoller Bestandteil der persönlichen Entwicklung sein«.³ Er bat bei seinen Leserinnen und Lesern, die durch sein Buch »in die Irre geführt oder verletzt wurden«, um Verzeihung. Insbesondere entschuldigte er sich dafür, dass seine »Bücher und Lehren LGBTQ+-Menschen verletzt haben«. Er bedauere zutiefst »jeglichen Schmerz und jede Ausgrenzung«, die er verursacht habe. Auch persönlich entfernte er sich vom christlichen Fundamentalismus. Er trennte sich von seiner Frau und verständigte sich mit seinem Verlag, dass es keine Neuauflage von »I Kissed Dating Goodbye« und zwei weiteren Büchern geben werde. Inzwischen bezeichnet er sich nicht einmal mehr als Christ.
Die Frau als Auto
Wie ergeht es Mädchen und jungen Frauen, die in solch streng religiösen und bibeltreuen Gemeinden aufwachsen? Nicht in Texas, Alabama oder Tennessee, sondern in Deutschland oder Österreich. Oftmals haben sie sich ein Leben, das allumfassend von Glaube, religiösem Eifer und strengen Regeln bestimmt wird, nicht selbst ausgesucht – sie wurden in eben diese Parallelwelt hineingeboren. Einige der Gemeinden hierzulande sind Ableger großer Kirchen aus den USA, sogenannten »Megachurches«. Andere sind Gemeinden, die sich charismatischen oder pfingstlerischen Strömungen zurechnen. Viele nennen sich Freikirchen, in Abgrenzung zur den beiden als staatsnah wahrgenommenen christlichen Hauptrichtungen.
Kindheit und Jugend von Mädchen und jungen Frauen sind geprägt von einem toxischen Körperbild. Gerade in der Pubertät wirkt es besonders verstörend, wenn jede Form der ersten Sexualität, und sei es nur Zuneigung zu einem Jungen oder einem Mädchen, verteufelt wird. Händchenhalten, Küssen, Dating, das Annähern an fremde Körper oder die Erforschung des eigenen Körpers sind tabu – »aus Sorge um ein Verderben des Geistes«, wie es Aussteigerin Nana Myrrhe nennt. Mehr noch: Es sind sündhafte Verfehlungen vor Gott. Mädchen und Frauen sind mit Gott verbunden beziehungsweise mit Jesus verheiratet. Sie haben »sich aufzuheben«, für den auserwählten Prinzen, den Traummann und zukünftigen Gatten.
Es gibt verstörende Erzählungen, wonach der Körper eines Mädchen oder einer Jugendlichen durch »unzüchtiges Verhalten« beschädigt wird. Analog zu einem Auto wird das Schwärmen für einen Jungen wie ein Kratzer im Lack dargestellt, Händchenhalten wie ein platter Reifen und Küsse wie das Aufschlitzen von Pkw-Sitzen. Sex bedeutet einen Totalschaden; und welcher Prinz würde eine derart »beschädigte« Frau heiraten? Andere Gemeinden ziehen als Vergleich eine Hochzeitstorte heran. Mit jedem Vergehen – und sei es nur eine Schwärmerei oder ein erotischer Traum – wird ein Stück Torte entnommen, bis sie gänzlich verspeist ist. Um Gedanken, Gefühle und Verhalten zu kontrollieren, finden in einigen Kirchen bereits im jungen Alter intime Befragungen statt, die von Aussteigerinnen als übergriffig oder traumatisierend empfunden werden – manche sprechen von sexualisiertem Machtmissbrauch.
Auch Nana Myrrhe wurde in so eine Gemeinde hineingeboren. Als junges Mädchen wusste sie nicht, was evangelikal oder charismatisch bedeutet. »Wir sind einfach richtige Christen. Wir meinen das mit Jesus ernst«, hielt sie in einem Tagebuch fest. Mit dieser kindlichen Unerfahrenheit wächst sie »in einer Minderheit« auf. Sie fühlt sich als »eine der wenigen wahren Christen in Deutschland«, allerdings »oft isoliert und wie ein Alien«. Ihre Aufwachsen ist geprägt durch das Gemeindeleben: Kindergottesdienst, tägliche Gebete, Bibelkreise, Großveranstaltungen etc. Zunächst kann sie es kaum erwarten, bis sie das Mindestalter zum Besuch des evangelikalen Jugendcamps »Teen Street« erreicht hat. Solche Camps gibt es nicht nur in den USA, sondern seit vielen Jahren auch in Deutschland. Dort ist sie keine Außerirdische, sondern umgeben von einigen tausend Gleichgesinnten. Myrrhe hängt an den Lippen der texanischen Pastorin-Ehefrau.
Retraumatisierung
Im Gespräch mit junge Welt berichtete Myrrhe von schönen Erinnerungen im Gemeindeleben, insbesondere in ihrer Kindheit. Innerhalb der festen Strukturen habe man sich viel umeinander gekümmert. Für Familien mit kleineren Kindern gebe es zahlreiche Betreuungsangebote, auch ein Grund, weshalb sich Familien solchen Gruppen anschlössen. Schon zu Beginn der Pubertät habe sich das Leben in der fundamentalistischen Freikirche aber »zu einem Alptraum« entwickelt. Für ihre Pubertät habe sie sich »schuldig gefühlt«. Sie habe Verliebtheit, Erregung und sexuelles Interesse »als Problem wahrgenommen, gegen das sie täglich ankämpfen« und wofür sie sich bestrafen muss. Als die Zweifel überhandnahmen verließ Myrrhe die Gemeinde. Aber so ein Schritt gelingt nicht allen.
Im Erwachsenenalter sah sie beim Streamingdienst Netflix die Serie »Unorthodox« (BRD, 2020) über die Flucht Deborah Feldmans aus einer fundamentalistischen jüdischen Gemeinde in New York nach Berlin. »Die Serie hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen. (…) Eine schäumende Explosion der Retraumatisierung. Ein Sprühregen aus belastenden Erinnerungen.« In einer der Schlüsselszenen von »Unorthodox« wird die junge Esther »Esty« Shapiro (Shira Haas) gefragt, weswegen sie von ihrem Mann aus arrangierter Ehe und aus der ultraorthodoxen Gemeinde geflohen ist. Ihre Antwort: »Gott hat zu viel von mir verlangt.« Myrrhe sieht Parallelen. Auch sie ist »unter der Last aller religiösen Erwartungen, Ge- und Verbote und der Frauen- und Körperfeindseligkeit langsam von innen zerbrochen«. Allerdings formuliere nicht Gott diese Erwartungen. Myrrhe stellte fest: »Es sind problematische neureligiöse Gruppierungen, die das tun. Menschen.«
Nach Beendigung ihres Studiums beginnt Myrrhe zu schreiben. Sie liest ihr altes Tagebuch, das sie im Alter zwischen neun und elf Jahren geschrieben hat. Im nachhinein seien diese Aufzeichnungen »augenöffnend«.
Ein zentrales Problem streng gläubiger Christen: Die Bibel gilt als Gottes Wort und deshalb als unfehlbar. Viele praktizieren tägliches Bibelstudium, nehmen an gemeinsamen Lesekreisen teil und hören allwöchentlich Predigten aus den als heilig verehrten Schriften. Allerdings sind verschiedene Passagen bzw. Bücher des Alten und Neuen Testaments teils grausam und äußerst gewaltvoll. In der Bibel wird gemordet und vernichtet, vergewaltigt und verstümmelt, blutige Rache genommen, Menschen werden verbrannt, Kinder an Felsen zerschmettert oder von Raubtieren gefressen, ganze Stadtbevölkerungen werden ausgelöscht.⁴ So in der »Heimsuchung Jerusalems« aus dem Alten Testament: »Erschlagt Alte, Jünglinge, Jungfrauen, Kinder und Frauen, schlagt alle tot. (…) Macht den Tempel unrein, füllt die Vorhöfe mit Erschlagenen! Und sie gingen hinaus und erschlugen die Leute in der Stadt.«⁵
Myrrhe legt Wert darauf, dass sie trotz des Ausstiegs aus der Freikirche weiterhin als Christin lebt. Das wird ihr von Evangelikalen allerdings immer wieder abgesprochen. Sie sieht vor allem Nächstenliebe und Vergebung als zentrale Botschaft ihres Glaubens. Das Feld möchte sie nicht den fundamentalistischen Christen überlassen. Eine Sichtweise, die auch andere Aussteigerinnen bzw. Ausgeschlossene teilen.
Heute hat Nana Myrrhe eine neue Mission. Nicht andere vom christlichen Fundamentalismus zu überzeugen, sondern vor eben diesem zu warnen. Das Buch ist Teil davon, das Schreiben sei auch eine »therapeutische Maßnahme«, sagt sie. Auf Instagram ist sie sehr aktiv und warnt vor dem Einfluss der strengreligiösen Freikirchen. So ist sie auch Koautorin beim Podcast »Fuck Purity«. Dort erzählen Gleichgesinnte ihre sie teils traumatisierenden Geschichten.
Anmerkungen
1 Nana Myrrhe: Feucht & fromm. Trier 2025, S. 26
2 Zitat nach »Lutherbibel 2017«, hier Epheser 5.22
3 Vgl. John Harris: »A Statement on I Kissed Dating Goodbye«, 11.7.2023, https://joshharris.com/a-statement-on/
4 Vgl. Hugo Stamm: Gewalt in der Bibel, Humanistischer Pressedienst, 2024
5 Zitat nach »Lutherbibel 2017«, hier Ezechiel (Hesekiel) 9.6/7
Die Lust wegbeten.
Aus den Aufzeichnungen eines »Church Girl«
»Herr Jesus, ich will Dir gehorchen und Dir folgen. Du hast mich perfekt erschaffen, und Du hast mir das kostbare Geschenk der Reinheit anvertraut. Ich möchte Dir meinen Körper widmen, damit ich im Geist lebe und nach Deinem Willen rein bleibe, bis zum Tag meiner Hochzeit. Ich weiß, dass Du, Herr, einen perfekten Ehemann für mich hast und ihn mir schenken wirst. Ich vertraue auf Dich, und ich verspreche hiermit, zu warten und den Körper zu heiligen, den Du mir gegeben hast. Mein Körper ist Dein Tempel. Ich gehöre Dir (…).«
Ich habe Tränen in den Augen, als ich dieses Gebet spreche. Ich bin hoch emotional. Es ist 2006. Mit beiden Händen umschließe ich eine wertvolle Kette aus echtem Silber mit einem Kreuz. Ich habe sie von meiner Mutter auf der Calling-All-Nations-Konferenz in Berlin geschenkt bekommen. Ich küsse die Kette und lege sie mir feierlich an. Dabei murmle ich zu Gott. »Dieses Zeichen möchte ich tragen, um mich zu jedem Zeitpunkt, besonders in Situationen, in denen es heikel wird, an mein Versprechen Dir gegenüber zu erinnern, Herr, mein Gott.« (…)
Ich weiß, wie untypisch es ist, sich als Teenagerin in meiner Generation der Keuschheit zu verschreiben. Es ist eine Entscheidung, die mein Leben verändert. Eine ungewöhnliche. Nein. Eine außergewöhnliche. Ich glaube fest, was in meinem christlichen Ratgeber steht. Und ich weiß: Ich kann es mir nicht leisten, noch mehr an Wert zu verlieren. Ich bin erst elf, aber ich weiß, dass es gefährlich für mich wird, wenn ich noch mehr an Selbstwertgefühl einbüße, da ich ohnehin nicht viel davon besitze. Das Reinheitsversprechen und die Anleitung zum Rein-Sein bilden einen dankbaren Anker, an den ich mich klammern kann, und einen Kompass, an dem ich mich ausrichten kann, um ein Mädchen zu bleiben, das Gott gefällt. Ich weiß nicht, wie und wer ich als Jugendliche plötzlich sein soll, denn ich kenn mich ja nur als Kind. (…)
Irgendwie bedeutet Hot Stuff (wichtiges Jugendbuch der Purity Culture, F. O.) zu lesen, Jugendliche zu werden, denn erstens ist das Buch für Jugendliche, und zweitens geht es um Jungs, Beziehungen und Dating – Themen für Jugendliche. Ich mag an Hot Stuff, dass es in Umgangssprache geschrieben ist und Comiczeichnungen enthält, Sprechblasen, Tests zum Ausfüllen und Checklisten. (…) Beim Lesen des Buches realisiere ich zum ersten Mal, wie oft ich schon gesündigt habe. Ich hatte ja für viele Jungs geschwärmt. Für sehr viele. Mir war nicht bewusst, dass das nicht normal ist, sondern etwas Schlechtes und bereits Sünde. Ich schäme mich. Zum ersten Mal so grundlegend. Dafür, wie ich bin. Dass das Sich-Selbst-Anfassen von Gott verboten ist, das habe ich schon mitbekommen und einen Fünf-Meter-Radius um meine eigenen Genitalien gezogen. Mich mit den Fingern selbst berühren kommt nicht in Frage. Ich sehe dabei zu, wie die tägliche Schwärmerei zu einer Last wird, die ich versuche, wegzubeten und unter der ich regelmäßig zusammenbreche. Dann liege ich weinend vor Gott auf dem Boden vor meinem Bett. (…)
Ich unterwerfe mich auch nach Verstößen immer wieder den strengen Standards, unter Tränen und um Vergebung flehend. Ich muss wachsam sein, meinen Geist nur mit geistigen Inhalten zu füllen, denn sonst kann er schnell verderben, das weiß ich aus den Predigten in meiner Gemeinde und bei den Pfadfindern. (...)
Aus: Nana Myrrhe: Feucht & fromm. Trier 2025, S. 63 ff.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Rayan aus Unterschleißheim (23. Januar 2026 um 01:53 Uhr)Das ist nichts weiter als massivster Kindesmissbrauch, den es unbedingt abzuschalten gilt. Religioten haben die Welt immer nur schlechter gemacht. So lange diese Vollpfosten irgendwas zu melden haben, wird es keine Befreiung der Menschheit geben können. Religionsfreiheit[tm] hat als Freiheit der Menschen von Religion verstanden zu werden, wenn diese Spezies überhaupt auch nur eine kleine Chance auf Überleben haben will. Menschen, die ein aus dem Arsch gezogenes, magisches Zauberwesen dafür hernehmen, andere Menschen – oft inkl. ihres eigenen Nachwuchses – zu manipulieren, dermaßen massive Körperverletzung an den wehrlosen Gehirnen zu begehen, sind als Schwerstverbrecher zu behandeln.
-
Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (22. Januar 2026 um 15:34 Uhr)Wie ist es eigentlich zu erklären, dass man inzwischen bereits seit Jahrzehnten so gut wie gar nichts mehr von und über Scientology vernimmt – und dass dieses totale Beschweigen offenbar niemandem weiter aufzufallen scheint?
-
Leserbrief von Nemusut (22. Januar 2026 um 10:16 Uhr)Sehr guter Artikel. Mehr davon. Für Trump, Epstein und andere gelten die enthaltsamen Regeln nicht. Bei dem Verkauf der trumpschen Bibel wird der Warencharakter sichtbar, aber auch bei den so zugerichteten Frauen (vielleicht auch bei Knaben) auch.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Peter S. (22. Januar 2026 um 01:51 Uhr)Die »Purity«-Bewegung hatte in den 90er Jahren in einigen US-Bundesstaaten noch andere schlimme Nebenwirkungen. Da in mehrheitlich sehr religiösen Städten und Gemeinden auch eine sehr große Mehrheit der Jugendlichen das öffentliche »Reinheits-Gelübde« abgelegt hatte, waren die Schulbehörden der Meinung, dass ein Sexualkundeunterricht nun nicht mehr nötig sei, und Eltern traten sowieso gegen die Vermittlung »unkeuschen« Wissens ein. Also wurde dieser Unterricht ersatzlos gestrichen. Im Endeffekt führte die totale sexuelle Unkenntnis der Jugendlichen sowie die Tabuisierung des Einkaufs von Verhütungsmitteln und von Abtreibungen zu einem rapiden Sprung in der Anzahl von Teenagerschwangerschaften, gerade in den sehr religiösen Landstrichen im Süden. Katastrophale Auswirkungen auf das soziale Leben der betroffenen Familien natürlich inbegriffen. Vollständige Enthaltsamkeit gerade in der Pubertät zu verlangen, erwies sich so im Großexperiment als nicht durchsetzbar, Mutter Natur hatte da andere Pläne. Es erstaunt mich, dass in religiösen Kreisen daraus keine Schlussfolgerungen gezogen wurden – oder gehört es zum Konzept, um einen noch stärkeren sozialen Druck auf junge Frauen auszuüben, im Interesse einer noch größeren Unterwerfung und Ausbeutbarkeit? Jedenfalls waren die rückgängigen Zahlen nicht nur Auswirkung von Wirtschaftskrisen. https://www.abendblatt.de/politik/article107905035/Wirtschaftskrise-sorgt-fuer-weniger-schwangere-Teenager.html