Zurück im Dreck
Von Norman Philippen
Den Martin Schlosser kenne ich ja noch als kaum dreikäsehohen Koblenzer. Von dem noch keiner wissen konnte, dass er mal das Roman-Ich in bis dato ein Dutzend dicken autobiographischen Zeitbüchern werden würde. Mittlerweile ist Martin mit seinen 39 bei abnehmender Tendenz nur noch 24 Jahre jünger als sein die Wälzer verfassendes Real-Ich geworden. Ohne dass ich Gerhard Henschel bisher kennenlernen durfte, kommt er mir nicht weniger vertraut vor als sein Alter Ego.
»Als säße der hier mit am Tisch«, amüsierte sich die den Tisch mit mir Teilende über mein übliches Geplapper, wenn ich einen neuen »Schlosser« schmökere. Freilich, ohne zu sagen, ob sie damit Martin oder Gerhard oder beide meinte. Seit 2004 hänge ich nämlich an der von Henschel seit jenem Jahr vorgelegten BRD-Chronik wie an einer teils ein Mal per annum aufgefrischten literarischen Kochsalzlösung. Bedenklich dehydriert ob debiler deutscher schlimmer Schreiberei dürste ich seitdem nach neuen »Schlossern«, die des Rezensenten austrocknenden Tank zuverlässig wieder füllen, bevor er des Bücherbesprechens vollends müde zu werden droht. Nicht, dass es sonst keine lohnende Literatur gäbe, aber eine vergleichbar redundanzfreie Romanreihe ist mir nicht bekannt.
Zu Beginn des »Großstadtromans« finden wir Schlosser ab Ende 1999, wo er gegen Ende des Vorgängers »Frauenroman« hingezogen war, in Hamburg. Mag dort auch der »spinnerte rechtsradikale Richter Ronald Schill« sein Unwesen treiben, mag ein grüner Außenminister auch mit der Begründung »Nie wieder Auschwitz!« Jugoslawien bombardieren lassen, Martin Walser den Deutschen den »Schuldkult« auszutreiben versuchen, Merz seine »Leitkultur« einfordern oder Wolf Biermann als »Chef-Kulturkorrespondent« von Springers Welt reüssieren: Dem seit seinem Studienabbruch 1987 stetig arrivierenden Schriftsteller Schlosser geht es inmitten der »Crème de la Crème der deutschen Humorschaffenden« ziemlich erste Sahne – »der einzige Schönheitsfleck war die neue Rechtschreibung«. Längst waren zudem bis 2001 irreführende Schlagzeilen wie »In der EU ist die demokratische Gesetzgebung Not leidend« so üblich geworden wie »das idiotische Wort ›lohnenswert‹« oder »die Pestvokabel ›massiv‹«.
Der Untertitel des »Großstadtromans« könnte »Aus dem Tagebuch eines Medienbeobachters« lauten. Doch Schlosser hat auch ein Leben abseits der Medien. Dieses führt nicht nur zur ersten Mailadresse, der ersten Mail (sowie Onlinekolumne) und zum Beginn der hier besprochenen Reihe, sondern auch zur ordentlich vor der Geburt des »Kronensohnes« vollzogenen Eheschließung. Schlossers Kleinfamilienleben geht zwar auf Kosten manch erheiternder Exzesse sowie der Leselust jener, die sich nur sehr mäßig an Schilderungen der Wohlgeratenheit des Nachwuchses stolzer Eltern ergötzen. Doch es stecken neben den zahllosen Ja-so-war-das-damals-Momenten auch diesmal derart reichlich lustige Neue-Frankfurter-Schule-Nähkästchenplaudereien im Buch, dass es abermals Seite für Seite sehr unterhaltsam geraten ist.
Gerhard Henschel: Großstadtroman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2025, 592 Seiten, 28 Euro
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