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Aus: Ausgabe vom 19.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Der Kampf im Kopf

Unheimliche Mutterschaft: Johanna Moders Depressionsthriller »Mother’s Baby«
Von Wolfgang Nierlin
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Dein Kind spiegelt dich (oder den anderen)

Eine rasante Achterbahnfahrt im Wiener Prater setzt den symbolischen Auftakt für das folgende Wechselbad der Gefühle. Um sich trotz ihres fortgeschrittenen Alters doch noch ihren Kinderwunsch zu erfüllen, vertrauen sich die gefeierte Dirigentin Julia (Marie Leuenberger) und der Architekt Georg (Hans Löw) dem »Fruchtbarkeitsspezialisten« Dr. Vilford (Claes Bang) an, der in seiner Privatklinik mit nicht näher vorgestellten neuen Methoden arbeitet. Dieser blinde Fleck im hochmodernen Setting ist exemplarisch für die undurchsichtigen Ereignisse rund um die schwierige, nervenaufreibende Geburt. Die verleihen dem stets freundlichen, aber unnahbaren Arzt eine Aura des Mysteriösen.

Julia erlebt diese Entbindung, die in einer einzigen langen Einstellung gefilmt ist, als Entmündigung und vollständige Abhängigkeit vom medizinischen System. Als ihr das Kind wegen Komplikationen nach der Geburt sofort entzogen und erst einen Tag danach gegeben wird, bleiben bezüglich dessen Identität ein Vorbehalt und ein grundsätzliches Misstrauen.

In Johanna Moders hintergründigem Psychothriller »Mother’s Baby« wird die gegen alle Klischees von Mutterglück gestörte Mutter-Kind-Beziehung zum zunehmend beunruhigenden Thema. Julia bleibt gegenüber dem namenlosen Baby distanziert und reserviert. Es gelingt ihr nicht, eine Bindung zu ihm aufzubauen. Während Freunde und Verwandte »alles ganz normal« finden und von der »schönen Zeit« der Mutterschaft schwärmen, blickt Julia voller Zweifel auf ihr Kind, das ihr geradezu fremd erscheint. »Dein Kind spiegelt dich«, erklärt die Hebamme (Julia Franz Richter). Doch Julia sieht in den angeblichen Merkwürdigkeiten ihres Kindes immer deutlicher Zeichen einer anderen, geheimnisvollen Wirklichkeit. Zunehmend verschieben sich die Grenzen zwischen Einbildung und Realität. Der untergründige Horror entwickelt sich aus dem Alltäglichen. Das führt zu einer Krise im Selbstverständnis der Protagonistin als berufstätige Frau und zu Konflikten mit ihrem zunächst noch verständnisvollen Mann, der ihr aber irgendwann attestiert: »Der Kampf ist in deinem Kopf.«

Sukzessive verdichtet der Film einen Wahn, der dem scheinbar Normalen entwächst, wobei eine Architektur aus offenen Räumen auf trügerische Weise das Unheimliche beherbergt und zugleich das ambivalente Innenleben der Heldin spiegelt. Dieser wird schließlich eine postpartale Depression diagnostiziert, weil sie das Kind ablehne und keine Beziehung zu ihm finde. Doch Julia lässt sich weder sedieren noch abwimmeln, sondern wird zunehmend kämpferisch, bis es ihr schließlich gelingt, in die Laborräume der ominösen Geburtsklinik einzudringen.

Mit gezielten Täuschungen und Irritationen entfaltet Johanna Moder in ihrem ebenso spannenden wie abgründigen Film einen doppeldeutigen Diskurs über Mutterschaft und stellt dabei gesellschaftliche Normen und Erwartungen in Frage. Dieser Widerspruch spiegelt sich schließlich auch in einem Satz, den der Arzt seiner Patientin zu bedenken gibt: »Wir müssen bereit sein, das Leben loszulassen, das wir geplant haben, um das Leben leben zu können, das auf uns wartet.«

»Mother’s Baby«, Regie: Johanna Moder, Österreich/BRD/Schweiz 2025, 108 Min., bereits angelaufen

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