Bakterienfund in Babynahrung
Von Gerrit Hoekman
In der vorletzten Woche musste Nestlé, der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern, rund 800 Produkte vom Markt nehmen. Die Babynahrung war mit einem Bakterium verunreinigt – der umfangreichste Rückruf in der Geschichte des Unternehmens aus Vevey in der Schweiz. Am Dienstag abend wandte sich CEO Philipp Navratil in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit. Es habe ein »Qualitätsproblem« gegeben. »Ich möchte mich aufrichtig für die Sorgen und Unannehmlichkeiten entschuldigen, die dies verursacht haben könnte«, sagte Navratil.
Die Begriffe »Qualitätsproblem« und »Unannehmlichkeiten« wirken wie der Versuch, den Vorfall als kleines Missgeschick ohne größere gesundheitliche Folgen darzustellen. Navratil, der erst seit September an der Spitze des Konzerns steht, betonte, es gebe bislang keine bestätigten Krankheitsfälle im Zusammenhang mit der zurückgerufenen Babynahrung. Ein solcher Nachweis wäre ohnehin schwierig, wie Alina Nitsche von der NGO Foodwatch bereits am 8. Januar in einem Interview mit der jW erklärte.
Drei Tage vor diesem Interview hatte Nestlé Deutschland die möglicherweise betroffenen Eltern über den Rückruf des Milchpulvers informiert, das im deutschsprachigen Raum unter dem Namen Beba verkauft wird. »Die Sicherheit und das Wohlbefinden von Säuglingen haben für uns absolute Priorität«, hieß es in einer Pressemitteilung. Der Rückruf sei eine Vorsichtsmaßnahme aufgrund eines möglichen Vorhandenseins von Cereulid – einem Toxin, das vom Mikroorganismus Bacillus cereus produziert wird – in einer Zutat eines Zulieferers. Der Bazillus kommt in der Erde vor und übersteht selbst kochendes Wasser.
Cereulid ist zwar nicht zwingend lebensbedrohlich, aber für Säuglinge keineswegs harmlos, da es Erbrechen und Durchfall auslösen kann. Die Symptome klingen meist relativ schnell ab. Ob das betroffene Eltern beruhigt, ist fraglich – zumal Nestlé sich Zeit ließ, sie zu informieren. Bereits Anfang Dezember hatte der Konzern bei einer Routinekontrolle festgestellt, dass das in seiner Fabrik im niederländischen Nunspeet hergestellte Milchpulver kontaminiert sein könnte. Daraufhin informierte Nestlé die Behörden in allen 16 europäischen Ländern, die von dort beliefert werden.
Die Öffentlichkeit erfuhr jedoch erst Anfang Januar davon – nachdem klar geworden war, dass der giftige Stoff nicht nur in Nunspeet, sondern auch in mehr als zehn weiteren Nestlé-Fabriken aufgetreten war. Das Problem war also deutlich größer als zunächst angenommen. Anfang Januar weitete der Konzern den Rückruf auf alle 60 betroffenen Länder aus. Die NGO Foodwatch kritisierte Nestlé scharf: Der Konzern habe der Öffentlichkeit wochenlang wichtige Informationen vorenthalten und damit die Sicherheit der Verbraucherinnen und Verbraucher gefährdet. Als wahrscheinliche Ursache gilt ein aus Erdnüssen hergestelltes Ara-Öl eines Zulieferers. Welcher Betrieb das ist, verrät Nestlé bislang nicht. Laut der chinesischen Nachrichtenplattform Yicai Global könnte es sich um das Unternehmen Cabio Biotech aus Wuhan handeln.
Nestlé bemüht sich derweil, nicht nur Eltern, sondern auch Aktionäre zu beruhigen. Die zurückgerufenen Chargen machten weniger als 0,5 Prozent des Jahresumsatzes aus, der finanzielle Schaden werde daher voraussichtlich gering sein. Analysten der Financial Times hingegen schätzen, dass der Schaden mehr als eine Milliarde Euro betragen könnte.
Es ist nicht das erste Mal, dass Nestlé negativ in die Schlagzeilen gerät. In den 1970er Jahren sorgte die globale Kampagne »Nestlé tötet Babys« für Aufsehen. Der Konzern hatte Mütter im globalen Süden dazu verleitet, ihre Säuglinge mit künstlichem Milchpulver zu füttern – ohne auf die Gefahr durch verschmutztes Wasser hinzuweisen. Tausende Babys könnten infolgedessen an Durchfall gestorben sein.
2024 berichtete die Schweizer NGO Public Eye, Nestlé füge seinem Babybrei Cerelac und anderen Produkten für den afrikanischen Markt zusätzlichen Zucker hinzu – entgegen den Richtlinien der WHO. In Deutschland werden diese Produkte hingegen ungesüßt verkauft. Im vergangenen November stellte Public Eye fest, dass Nestlé trotz aller Kritik bis heute an dieser schädlichen Praxis festhält. In Afrika kontrolliert das Unternehmen mehr als die Hälfte des Marktes.
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