Zwist um Rohstoffe
Von Igor Kusar
Der Zwist zwischen Japan und China hat die nächste Eskalationsstufe erreicht – mit womöglich schmerzhaften Konsequenzen für die japanische Wirtschaft. Vergangene Woche hat Beijing begonnen, Exporte von seltener Erde und Seltenerdmagneten an japanische Unternehmen zu drosseln. Glück im Unglück für Japan: Just ein paar Tage später begann nach siebenjähriger Vorbereitungszeit ein historisches Projekt, um seltene Metalle in Japans heimischen Gewässern abzubauen. Das Forschungsschiff »Chikyu« verließ am vergangenen Montag seinen Hafen in der Präfektur Shizuoka, um in einem Testverfahren Schlamm mit seltener Erde aus 6.000 Metern Tiefe an die Oberfläche zu holen. Ort dieser Operation sind die Gewässer um die kleine Koralleninsel Minami-Torishima, rund 1.900 Kilometer südöstlich von Tokio. Es ist der erste Versuch dieser Art in der Geschichte der Metallgewinnung. Falls die Tests erfolgreich verlaufen, könnte schon 2030 mit dem kommerziellen Abbau begonnen werden. Dadurch will Japan seine Abhängigkeit von China in diesem Bereich reduzieren. Die Metalle sind für die heimische Hightechindustrie unverzichtbar.
Der Konflikt zwischen den beiden Nachbarstaaten begann Anfang November, als die neue japanische Premierministerin Takaichi Sanae die Bemerkung fallen ließ, der Versuch einer gewaltsamen Übernahme Taiwans durch China könnte ein militärisches Eingreifen Tokios auslösen. Daraufhin riet Beijing von Reisen nach Japan ab und erließ einen Importstopp für japanische Meeresprodukte. Nun will China Exporte einschränken, die sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich benutzt werden, darunter auch seltene Erde. Noch ist unklar, wie weit die Restriktionen reichen. Doch in Tokio geht bereits die Angst um, dies könnte nur der Anfang einer weiteren Eskalation bedeuten.
Wegen dieser Streitigkeiten läuft die japanische Diplomatie bereits seit Wochen auf Hochtouren. Ende Oktober wurde bei Donald Trumps Besuch in Tokio eine stärkere Zusammenarbeit bei seltenen Metallen vereinbart. Am vergangenen Montag dann sprachen sich die Finanzminister der G7-Staaten bei ihrem Treffen in Washington dafür aus, ihre entsprechenden Lieferketten zu stärken. Japans Vertreterin Katayama Satsuki zeigte sich hocherfreut darüber, bei ihren Kollegen Verständnis geerntet zu haben. Und nur einen Tag später stand bei einem Besuch des südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung in Japan die Stärkung der wirtschaftlichen Sicherheit ganz oben auf der Traktandenliste. Außerdem wurde die Fortsetzung der Pendeldiplomatie vereinbart. Doch sowohl Trump als auch Lee agieren in dieser Sache vorsichtig – zu stark lauert die Gefahr einer chinesischen Racheaktion. Japans Position hängt deshalb zur Zeit in der Luft.
Doch der Inselstaat geht nicht unvorbereitet in diese neue Phase des Konflikts. Nachdem Beijing 2010 die Exporte von seltener Erde nach der Verhaftung eines chinesischen Fischereikapitäns ausgesetzt hatte, begann Tokio, in inländische Raffinerie- und Recyclingkapazitäten zu investieren, wie auch in Minen im Ausland. Dies reduzierte den entsprechenden Anteil der Importe aus China von neunzig auf sechzig Prozent. Außerdem wurden Produktionsprozesse entwickelt, die weniger seltene Erde benötigen, und ein größerer Notvorrat wurde eingerichtet. Trotzdem würde eine noch härtere Gangart Beijings die japanische Wirtschaft hart treffen.
Für die Volksrepublik geht es in erster Linie darum, ihre Dominanz in diesem Bereich – neunzigprozentiger Anteil der weltweiten Produktion – sicherheitsstrategisch zu nutzen. Bisher hat Beijing Exportrestriktionen vor allem bei Handelsstreitigkeiten verhängt. Seine jüngste Vergeltungsaktion gegen Japan ist deshalb auch ein Warnschuss an andere Mächte, sich nicht in geopolitische Interessen Chinas einzumischen und vor allem keine engeren Beziehungen zu Taiwan zu suchen. Und natürlich versucht China auch, der Remilitarisierung Japans mit deren Verdopplung des Wehretats Steine in den Weg zu schieben.
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