»Nie wieder Hafenstraße«
Von Andreas Siegmund-Schultze, Lübeck
»Nie wieder Hafenstraße«, hallte es am frühen Sonnabend nachmittag durch die Einkaufsmeile der Lübecker Innenstadt. Mit diesem Ruf erinnerten rund 750 Antifaschistinnen und Antifaschisten an den 18. Januar 1996 – ein Datum, das für viele in Lübeck und darüber hinaus für rassistischen Mord steht. Was Außenstehenden wie eine unverfängliche Parole klingen mag, verweist auf den tödlichsten rassistischen Brandanschlag in der Geschichte der Bundesrepublik, dessen Aufarbeitung bis heute von Verharmlosung und Verdrängung geprägt ist.
Vor 30 Jahren starben bei einem nächtlichen Feuer in der Geflüchtetenunterkunft in der Hafenstraße 52 in Lübeck zehn Menschen – sieben Kinder und drei Erwachsene –, fast 40 wurden zum Teil schwer verletzt. Trotz zahlreicher Spuren, die auf Neonazis aus dem nahegelegenen Grevesmühlen als Täter hindeuteten, schlossen Ermittlungsbehörden ein rassistisches Motiv frühzeitig aus und verfolgten statt dessen über Jahre hinweg Theorien, die Überlebende und Bewohnende der Unterkunft kriminalisierten. Dass die Tat noch immer nicht als rechter Terror anerkannt ist, macht das Gedenken am Wochenende in Lübeck zugleich zu einer Anklage. Die Familien von Françoise Makodila Landu, Christine Makodila, Miya Makodila, Christelle Makodila Nsimba, Legrand Makodila Mbongo, Jean-Daniel Makodila Nkosi, Rabia El Omari, Sylvio Amoussou, Monica Maiamba Bunga und Ndebho Mpanu-Mpan haben ihre Wurzeln in Zaire (heute DR Kongo), Angola, Togo und Libanon. Die jüngsten Opfer waren in der Bundesrepublik geboren.
Drei Jahrzehnte später bemüht sich die Stadt nun sichtbar um einen anderen Umgang mit dem Verbrechen. Das offizielle Lübeck lud die Familien der Überlebenden und Getöteten, von denen die meisten heute über das gesamte Bundesgebiet verstreut oder im Ausland leben, in die Stadt ein. Viele nahmen die Einladung an, es gab Raum zum Austausch miteinander, aber auch mit Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) sowie weiteren Vertretern der Stadtpolitik und engagierter Initiativen im Rathaus. Die Kammerspiele des Theaters Lübeck luden die Überlebenden und Angehörigen zur Inszenierung »Hafenstraße« ein, in der die damalige Tat in einen Kontext von rassistischer Gewalt in den 90er Jahren eingebettet wird. Dass dieser Schritt so spät erfolgt, verweist jedoch ebenso auf das jahrzehntelange Schweigen wie auf den Druck, den Betroffene und Initiativen über die Jahre aufgebaut haben, um das Gedenken gegen das Vergessen durchzusetzen.
Bei der Demonstration am Sonnabend wiesen die Organisatoren der Initiative »Hafenstraße 96« deutlich auf das »institutionelle Versagen« hin, es gab viel Raum für Stimmen von Überlebenden sowie Gedenkinitiativen von Opfern rassistischer Gewalt. Eine Rednerin erklärte, in Zeiten einer »Faschisierung hierzulande und weltweit« sowie der »Normalisierung rassistischer Hetze« sei »unser Protest auf der Straße notwendig und dringlich«. Zudem wurde auf der Demonstration die Kampagne »Zeit zu reden« vorgestellt, mit der das Schweigen über den Brandanschlag durchbrochen und die Aufklärung gefördert werden soll.
Am Sonntag, dem Jahrestag des Anschlags, fand am ehemaligen Ort der Unterkunft, Hafenstraße Ecke Konstinstraße, eine Gedenkveranstaltung der Initiative Hafenstraße ’96 gemeinsam mit dem Lübecker Flüchtlingsforum und weiteren antirassistischen Gruppen statt, an der sich rund 600 Menschen beteiligten. Dort legten Teilnehmer Blumen nieder und erinnerten in Redebeiträgen an die Opfer. Bürgermeister Lindenau forderte eine unabhängige, wissenschaftliche Aufarbeitung und erklärte, »im Raum steht der Mord an zehn Menschen«. Überlebende und Angehörige nutzten die Gelegenheit, ihre Erfahrungen zu teilen, und mahnten, dass die Aufarbeitung des Anschlags sowie die Anerkennung als rassistischer Terror weiterhin notwendig bleiben.
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