Am Beispiel des Ginkgobaums
Von Manfred Hermes
Die universitäre Forschung und Lehre auf dem Kipppunkt der Internationalisierung: Kaum ist ein Hongkonger Neurowissenschaftler (Tony Leung Chiu-wai) in Marburg angekommen, ist die Stadt in die Covid-Quarantäne gegangen. Es sieht alles so saturiert, anheimelnd oder traditionsreich hier aus, der alte Gebäudebestand, die hochwertigen Neubauten, die sauberen Labors. Doch jetzt ist der Campus wie ausgestorben. Dass seine Forschung an den Hirnen von Neugeborenen erst einmal ausgesetzt ist, nimmt Wong stoisch hin.
Ein anderer Erzählstrang wird in Schwarzweiß erzählt und an den Beginn des 20. Jahrhunderts gesetzt. Grete (Luna Wedler) will Biologie studieren, aber 1908 ist Marburg von der Geschlechtergerechtigkeit weit entfernt. Obwohl sie fachlich kompetent Linnés Klassifikationssystem herunterreferieren kann, versucht ein unverschämter Prüfer, die junge Frau mit Fragen über das »Sexuelle« im Leben der Pflanzen aus der Fassung zu bringen. Da das hier aber auch die Geschichte einer Durchsetzung ist, schafft Grete die Aufnahmeprüfung mit links.
Eine dritte Episode versetzt uns in die frühen 1970er Jahre. Studenten in T-Shirts lungern auf Rasen herum, Hosen haben weite Beine, das Bild ist wieder farbig. Inzwischen studieren vermutlich so viele Frauen wie Männer in Marburg. Für Hannes (Enzo Brumm) macht es das nicht leichter. Der Sohn kleiner Bauern fühlt sich in diesem Milieu fehl am Platz. Er tendiert außerdem zur Monogamie, obwohl sich alle um ihn herum was auf ihre sexuelle Promiskuität einbilden. Auch die gut aussehende Gundula (Marlene Burow), auf die er aber nun mal steht.
Die drei Erzählebenen bleiben in »Silent Friend« separiert, werden aber laufend verschachtelt, auch visuell. 1908 wurde auf 35-Millimeter-Material und in Schwarzweiß, 1972 auf 16 Millimeter, 2010 auf überscharfem Video gedreht. Ildikó Enyedi stellt aber auch Klammern zur Verfügung: einmal Marburg und seine universitäre Sphäre, dann ein alter Ginkgobaum, der im botanischen Garten auf dem Unigelände steht – und der hier auch als Vertreter einer Hunderte Millionen Jahre alten Baumart eingesetzt ist, deren Restposten er ist. Das wäre dann eine weitere motivische Klammer, denn alle und alles ist in diesem Film vereinzelt, einsam und einzelgängerisch.
Da die Biologiestudentin von 1908 Geld dazu verdienen muss, bewirbt sie sich als Assistentin in einem Fotostudio. Auch hier muss sie zunächst die Vorbehalte des Fotografen (Martin Wuttke) überwinden. Aber mit wachsender Beherrschung der Technik fällt ihr dann die Möglichkeit der wissenschaftlichen Nutzbarmachung des neuen Mediums zu, die fotografische Reproduktion pflanzlicher Feinstrukturen à la Blossfeld.
Gundula wiederum hat in ihrem 1972er Wohnheimzimmer eine unorthodoxe Versuchsanordnung aufgebaut. Die Geranie auf ihrer Fensterbank ist an Elektroden angeschlossen und mit einem Enzephalographen verbunden, um das Signalverhalten der Pflanze über längere Zeit zu messen. Jetzt will sie aber auch in Urlaub fahren und bittet Hannes, ihr Versuchsobjekt zu gießen. Der anfangs skeptische Mann kommt aus dem Staunen bald nicht mehr heraus, denn er sieht nun selbst, dass die bescheidene Zierpflanze nicht nur mit ihrer Umwelt, sondern auch mit ihm persönlich ständig interagiert.
Wong, der seine Hirnmessungen an Babys wegen Covid ja nicht weiterverfolgen kann, setzt seine Verfahren und Messgeräte nun bei unserem stillen Freund, dem Ginkgobaum, an. Um fachliche Expertise aus dem für ihn fremden Bereich hinzuzuziehen, nimmt er per Zoom Kontakt mit einer französischen Pflanzenneurobiologin (Léa Seydoux) auf.
In dem bisher vorgelegten Material und der Diversität seiner Themen hat sich inzwischen aber auch Enyedis Methode aufgeblättert. Ihr Erzählen ist essayistisch, es folgt eigenen Interessen und Intuitionen, es verfolgt außerdem Thesen. Man soll offen sein für das Unverständliche und andere Realitäten, sich experimentell nähern oder einfach nur anerkennen, dass nicht alles vorverstanden und unmittelbar nachvollziehbar ist.
Zum Beispiel die Pflanzen, sie haben ihr eigenes Leben und das generiert auch eine Zeitstruktur, die den Menschen nicht direkt zugänglich ist. Wissenschaftliche Neugier und technische Sensorik können aber eine Brücke in diese andersartige sensorische und kommunikative Sphäre bauen. Denn die Pflanzen leben nicht nur in ihrer eigenen Langsamkeit einfach so vor sich hin, sie kommunizieren eben auch.
Man könnte Enyedis pansensuell-ökologische Perspektive ein mystisches Impromptu nennen oder in ihr eine wissenschaftlich verbrämte Religiosität oder Re-Romantisierung sehen und womöglich fragwürdig finden. Oder leicht psychotisch: Dass man glaubt, mit unverfügbaren Entitäten umgehen zu können oder von ihnen verstanden zu werden, erinnert schließlich auch ein bisschen an Präsident Schrebers Gottesstrahlen, die von oben kommend über den Anus direkt auf seine Nervenbahnen abgebogen sind.
Und dann könnten Enyedis universelle Verknüpfungen, Eurhythmie, ihr Sinn für eine höhere Lichtmetaphorik, ihr Blick auf das Universum und die vielen Sterne, aber auch zu einem weiteren Kapitel im Warburgschen Mnemosyne-Atlas werden. Und das fing auch schon mit ihrem »Mein 20. Jahrhundert« von 1989 an. Nur war da ein Hund an Elektroden angeschlossen, der aber entfloh und sprang über Hecken und Felder davon.
In einer Ära, in der in journalistischen Texten von »Hündinnen und Hunden« die Rede sein kann (wie das kürzlich in der Taz zu lesen war, um alle Zwischenstufen mitzumeinen), könnte jedoch aufstoßen, dass Enyedi in Hinblick auf biologische Geschlechter recht traditionell argumentiert, sowohl Menschen als auch Pflanzen betreffend.
Ginkgobäume sind aber nun einmal zweihäusig, das Exemplar im alten botanischen Garten von Marburg weiblich. Da weit und breit kein männliches Exemplar gepflanzt wurde, wollen die Pflanzenneurobiologin und der Menschenhirnforscher nachhelfen und eine künstliche Insemination in die Wege leiten. Es wäre ein Gewinn für alle Seiten, der eine weitere von Enyedis Thesen stützt: Alle Formen von Anerkennung sind schön und erstrebenswert, Kooperation wurde evolutionär dem Kampf immer vorgezogen.
Wie auch immer, das alles nimmt man Enyedis Film ab und damit wohl in Kauf. Wie ihre früheren Filme ist auch »Silent Friend« dabei so stabil, eindringlich und trittsicher, von den eigenen Mitteln und Intuitionen derart überzeugt, dass diese zweieinhalb Stunden Kinofilm erstaunlich kurzweilig wirken.
»Silent Friend«, Regie: Ildikó Enyedi, Deutschland/Ungarn/Frankreich/China 2025, 147 Min., bereits angelaufen
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