Fan von irgendwas
Von René Hamann
Tja, die vorab erschienene Single »Wenn es Liebe ist« des gleichnamigen Albums brachte all das mit, was an den Sternen immer so latent nervte: sehr wortreicher Sprechgesang, Kindergartenmelodie im Refrain. Musikalisch hatten die Singles der Hamburger oft etwas Ramschiges. Der Titel ließ Schlimmstes ahnen: Liebe? Echt jetzt?
Es kommt anders. Erstens brechen die Sterne einmal mehr gekonnt Bedeutungen. Um die althergebrachte Liebe (im Pop) geht es weder im Titellied noch sonstwo. Worum dann? Um dies und das und noch etwas: »Langeweile ist ein Pulverfass / am Ende wirst du Fan von irgendwas.« Um Wokes, Sprache, Befindlichkeiten geht es. Es ist kein richtiges politisches Album, unpolitisch ist es aber auch nicht.
Zweitens überzeugen auf diesem 13. oder 14. Album der Sterne Variabilität und, ähem, Bekömmlichkeit. Man kann tatsächlich sagen: »Wenn es Liebe ist« überzeugt vor allem musikalisch. Und zwar nicht, weil hier das Rad neu erfunden wurde, im Gegenteil, denn alles hat man so ähnlich schon mal irgendwo gehört. Das Album ist kompakt, rund, durchdacht, genau. Deshalb überzeugt es.
Alles gut auf den Punkt: Die ersten Stücke, etwa »Ich nehme das Amt nicht an«, beginnen wie frühe Beatles-Songs, in »Ändern wir je den Akkord?« traut sich Sänger Frank Spilker sogar, im Mittelteil die Klappe zu halten und die Band sprechen zu lassen. Die bei den Sternen so gern wie häufig eingesetzte Orgel hat nichts verlernt, der Funk, typisches Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Bands der Hamburger Schule, kommt nicht mehr so störrisch rüber wie einst. Ja, störrisch und spröde: Das war die Musik der Sterne oft, mit dem Besetzungswechsel vor ein paar Jahren – die Rhythmusgruppe kennt man von Von Spar, die Keyboarderin Dyan Valdés ist bereits zum zweiten Mal dabei – hat sich das geändert.
Experimente gibt es auch: Der letzte Song »Immer noch sprachlos« klingt nach der Krautband Neu!. Gut, auf die beiden Sprechstücke von Valdés hätte man verzichten können, eine neue Platte von Dry Cleaning erscheint dieser Tage schließlich auch.
Und klar, Texter Frank Spilker kann genau das: Lieder betexten. Er findet griffige Formulierungen, greift alles Mögliche auf, verteilt Seitenhiebe nach links und rechts. Ob man das noch braucht? Oder wieder mal? Oder immer wieder? Aber gut, wenn das die Liebe ist, dann will ich nichts gesagt haben.
Die Sterne: »Wenn es Liebe ist« (PIAS)
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Leserbrief von B. Krumm (21. Januar 2026 um 11:32 Uhr)Aahhh, die Sterne, das tut gut, das tröstet. Zuletzt hab ich sie im Conne Island in Leipzig gesehen. Grandios. So möcht’ ich auch alt werden. Gut,ich leb’ nich in Hamburg, sondern in sächsischer Prärie, aber nu. Tellerwäscher eben. Darum brauch ich Trost. Andere müssen in Berlin oder München leben. Auch hart. Und natürlich auch langweilig. Ich warte täglich auf den Knall, aber der Germane der Gegenwart hat Angst und Phlegma dermaßen kultiviert, dass die Sache ruhig und mit sauberem Schlüppi zu Ende gebracht wird. Selbst das linke Pack hat längst rechte Ränder integriert und das Schlimmste – in Führungspositionen gebracht. In In Berlin hat Genosse Jan jetzt tatsächlich festgestellt, dass zur Kenntnis genommen werden muss, dass auf der anderen Seite des Atlantiks keine Freunde mehr agieren. Wegen dem bösen Donald? Tja und in Thüringen haust Ballerbodo zwischen Wölfen und Nabu-Fachkräften. Und darf nicht schießen. Und das hab ich schon immer so an den Sternen geschätzt. Die haben das immer regelrecht unpolitisch auf den Punkt gebracht. Funk aus Germanien, das muss man erstmal schaffen! Das Ticket kostet dieses Mal stramme 30 euro. Da staunen die Schwaben aus Berlin. So günschtich. Wollten die nicht Millionär werden?
Regio:
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