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Aus: Ausgabe vom 17.01.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Nordamerikanisches Handelsabkommen

Trump droht mit USMCA-Austritt

Ökonomischer Druck auf Mexiko und Kanada, obwohl US-Kapital von Handelsabkommen profitiert
Von Kurt Terstegen
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Besonders Mexiko ist vom US-Markt abhängig, hofft auf Fortführung des Freihandels (Tijuana, August 2025)

Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit treibt US-Präsident Donald Trump seine protektionistische Agenda erneut mit Zöllen voran. Aktuell erhöht Washington den Druck auf Mexiko und Kanada, indem es offen mit dem Ausstieg aus dem nordamerikanischen Handelsabkommen USMCA droht. Einen Tag nach einem gemeinsamen Telefonat mit Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum erklärte Trump das Abkommen kurzerhand für »irrelevant«. Auch wenn es bei dem Telefonat Berichten zufolge ausschließlich um sicherheitspolitische Themen ging, wirken Trumps Aussagen wie eine gezielte Provokation. »Wir brauchen keine Autos, die in Mexiko gebaut wurden«, erklärte er bei einem Besuch im Ford-Werk in Dearborn in dieser Woche – Rhetorik, die stark an seine erste Amtszeit erinnert. Bereits damals hatte Trump mit der Aufkündigung des NAFTA-Abkommens gedroht, um anschließend einen für US-Konzerne neu zugeschnittenen Deal durchzusetzen.

Chinas Konzerne abdrängen

Im Jahr 2017 drohte Trump, das NAFTA-Abkommen auszusetzen, sollten Mexiko und Kanada nicht auf seine Forderungen eingehen. Anschließend einigten sich die Staaten auf das USMCA-Abkommen, das NAFTA ersetzte und den nordamerikanischen Handel neu regelte. Experten zufolge zielten die neuen Vertragsbedingungen darauf ab, chinesische Konzerne systematisch aus den Produktions- und Lieferketten zu drängen. Gleichzeitig hatten US-Hersteller seit Jahren erhebliche Teile ihrer Produktion nach Mexiko verlagert – darunter Konzerne wie Ford und General Motors. Entsprechend regte sich bereits im Zuge der verhängten Zölle starker Widerstand aus Teilen des US-Kapitals, das sich offen gegen die protektionistischen Vorstöße der Trump-Administration stellte.

Sowohl Einzelkonzerne wie Tesla als auch Branchenverbände wie der American Automotive Policy Council, der die »Detroit Three« repräsentiert, drängen Trump seit Wochen zu einer Verlängerung des USMCA-Abkommens, dessen Laufzeit in etwa sechs Monaten endet.

Frage von »Leben und Tod«

Doch besonders Mexiko ist stark vom US-Markt abhängig und hofft auf eine Fortführung des Freihandelsabkommens. In diesem Zusammenhang betonte der mexikanische Senator Ricardo Anaya am Mittwoch, dass rund 85 Prozent der mexikanischen Exporte in die USA gehen. Entsprechend handele es sich bei den Verhandlungen um eine Frage von »Leben und Tod«. Tatsächlich sind die mexikanischen Ausfuhren in die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Während 2020 Waren im Wert von rund 330 Milliarden US-Dollar an den nördlichen Nachbarn geliefert wurden, belief sich der Exportwert 2024 bereits auf mehr als 503 Milliarden US-Dollar.

Auch Ottawa ist stark abhängig von Exporten in die USA. Wie im Falle Mexikos sind die Exporte Kanadas in die USA zwischen 2020 und 2024 deutlich angestiegen und machten 2024 rund 77 Prozent aller Exporte des nordamerikanischen Landes aus. Diese Abhängigkeiten sind dabei äußerst einseitig ausgeprägt: Mexikos Exporte nach Kanada beliefen sich 2024 auf lediglich knapp drei Prozent, während Kanada im selben Jahr nur rund ein Prozent seiner Waren nach Mexiko lieferte. Washington nimmt in dem nordamerikanischen Handelsabkommen somit eine zentrale Rolle ein. Das US-Kapital profitiert sowohl durch die Auslagerung der Produktion als auch durch den Zugang zu zwei großen, unmittelbar angrenzenden Absatzmärkten. Entsprechend stammen 2024 etwa 50 Prozent der kanadischen Importe vom südlichen Nachbarn, während Mexiko im selben Jahr zu etwa 42 Prozent US-Waren bezog.

Im Wirtschaftskrieg gegen China setzte Washington zuletzt vor allem auf Zölle, um externen Märkten Druck aufzuerlegen. Im Falle Mexikos und Kanadas stoßen die Handelsabkommen, die Trump in seiner ersten Amtszeit selbst ausgehandelt hatte, dabei auf Hindernisse. Zwar bleibt die Wirtschaft der Nachbarländer weiterhin stark von den USA abhängig, doch haben sie zugleich ihren Handel mit China deutlich ausgeweitet: Die mexikanischen Importe aus der Volksrepublik haben sich zwischen 2014 und 2024 beinahe verdoppelt. Bereits im Wahlkampf für seine zweite Amtszeit drohte Trump öffentlich: »Ich werde nicht zulassen, dass sie eine Fabrik direkt hinter der Grenze bauen und Millionen von Autos in die Vereinigten Staaten verkaufen.«

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  • Leserbrief von Stefan Beyer aus Berlin (16. Januar 2026 um 22:21 Uhr)
    Der Artikel über den nordamerikanischen Freihandelsvertrag enthält einen weit verbreiteten Irrtum. Der von Trump und López Obrador ausgehandelte Vertrag gilt bis 2036. Er endet also erst in zehn Jahren. Im Moment wird über eine Verlängerung über 2036 hinaus verhandelt und es findet eine der periodischen bilateralen Überprüfungen des Vertragswerks statt. Das Schlimmste, was jetzt passieren kann ist, dass die periodischen Revisionen zukünftig jährlich stattfinden. Die Verhandlungen werden vom Weißen Haus mit allerlei Drohgebärden (militärische Intervention) und vermutlich auch verdeckten Regime-Change-Operationen begleitet. In Mexiko sorgt dieses imperiale Gehabe für Verunsicherung. Die sozialdemokratische Präsidentin Sheinbaum zeigt dagegen keine Angst und verweist auf die erstaunlichen Erfolge der gemeinsamen Antidrogenpolitik: Fentanylschmuggel ins nördliche Nachbarland hat sich halbiert. Des Weiteren ist das Steueraufkommen so hoch wie nie (6 Billionen Pesos), und die Autoproduktion hat jüngst diejenige Deutschlands überholt. Verbrechensstatistiken weisen steil nach unten. Die staatlichen Pogrome gegen (migrantische) Arbeiter in den USA haben jedoch eine Säule der mexikanischen Wirtschaft ins Wanken gebracht: die Überweisungen der Mexikaner in den USA an ihre Familien im armen Süden des Landes. Verständigung mit Lula und Pochen auf das Völkerrecht sollen eine militärische Aggression des wichtigsten Handelspartners verhindern. Aber der Freihandelsvertrag steht, und selbst der Imperator Donald wird Mexiko nicht ins Chaos stürzen, wenn die US-Wirtschaft dadurch ins Wanken geraten könnte. Als 1914 US-Truppen Mexiko überfielen, nachdem der US-Botschafter 1913 den Märtyrer der Demokratie Francisco I. Madero und dessen Bruder Gustavo bestialisch hatte ermorden lassen, kämpfte die Bevölkerung erbittert gegen die Eindringlinge und viele opferten ihr Leben und starben als Patrioten. Trump spielt auch hier mit dem Feuer. Die Annexion von 1846 ist noch nicht vergessen.

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