Dekolonisierung wird kommen
Von Helga Baumgarten
In die offene Diskussion über die Zukunft der Menschen im Lande »between the river and the sea« mischt sich der israelische Historiker Ilan Pappe ganz bewusst als Akademiker ein. Was ihn antreibt, ist die schlichte Hoffnung auf bessere Zeiten. Der Anlass ist seine Diagnose über den Zustand des zionistischen Israel. Sie zeigt ihm deutlich, dass sich vor unser aller Augen ein politisches Erdbeben vollzieht – auch wenn sich die Tagespresse und die Mächtigen der Welt noch davor verschließen: Das zionistische Projekt ist gescheitert, und Israel, wie wir es kennen, ist am Ende.
Der Völkermord, den das Land an den Palästinensern in Gaza verübt, muss, so schließt Pappe, zwangsläufig zu einem Prozess der Dekolonisierung führen. Beispiele dafür aus der Geschichte zeigen, dass diese Transformationen meist sehr brutal und unter extremer Gewalt vor sich gehen. Unter eben dieser brutalen und extremen Gewalt in Form des Völkermordes leiden derzeit die Menschen im Gazastreifen. In Ostjerusalem und in der Westbank spitzt sich die Gewalt des Siedlerkolonialismus immer mehr zu. Viele sprechen inzwischen von einem schleichenden Völkermord.
Entscheidend für die Beendigung von Genozid und Siedlerkolonialismus ist für Pappe »Gerechtigkeit als grundlegendes Paradigma des internationalen Rechts«. Diese Gerechtigkeit muss durchgesetzt werden durch zwei eng miteinander verknüpfte Prozesse: »transitional justice«, also Gerechtigkeit im Prozess der Veränderung des politischen Systems, und »restorative justice«, Gerechtigkeit, die wiederherstellt und zurückbringt. Die israelischen Verbrechen an den Palästinensern müssen gesühnt und rückgängig gemacht werden. In einem ersten grundlegenden Schritt verlangt das vom israelischen System, seinen Vertretern und Unterstützern, dass sie ihre Verbrechen erkennen, anerkennen und nicht zuletzt akzeptieren, was ihnen von ihren Opfern vorgeworfen wird. Sie müssen bereit sein, dafür Verantwortung zu tragen.
Das Beispiel Südafrika ist dabei relevant. Im besonderen Falle Israels müssen der Staat und seine Bürger in einem ersten Schritt aufhören, die Nakba von 1948 zu leugnen. Sie müssen anerkennen, dass die Nakba bis heute andauert. Pappe verweist auf zwei Initiativen, eine lokale, Zochrot, und eine internationale, das Russell-Tribunal. Zochrot, eine israelisch-palästinensische NGO, versucht, israelische Bürger über die Nakba aufzuklären, und ermöglicht vertriebenen Palästinensern, ihre 1948 zerstörten Dörfer wenigstens kurz zu besuchen. 2015 bildete Zochrot eine »Truth Commission«, eine Wahrheitskommission. In einem ersten Bericht analysierte sie im Detail die israelische Politik der ethnischen Säuberung in der Negev, arabisch Nakab, von 1948 bis 1960. Das Russell-Tribunal zu Palästina publizierte Berichte über die israelischen Kriegsverbrechen in den Kriegen gegen Gaza 2008/9 und 2014. Außerdem muss auf das Gazatribunal im Oktober 2025 in Istanbul verwiesen werden. Dort wurde der Völkermord in Gaza angeklagt und gefordert, dass Israel zur Verantwortung gezogen und bestraft wird.
Für Pappe können es nur die Palästinenser sein, die den Prozess der Dekolonisierung einleiten und die notwendigen Schritte zur Transformation anstoßen. Dazu müsste sich die palästinensische Nationalbewegung neu konstituieren und eine zukunftsgewandte Strategie für das Land zwischen Jordan und Mittelmeer entwickeln. Pappe setzt seine Hoffnung auf die palästinensische Jugend, die schon in der ersten Intifada ab 1987 die Führung übernommen hatte. Geklärt werden muss von ihr, ob die alte PLO reformiert und Hamas und »Islamischer Dschihad« integriert werden können. Alternativ müssten die Palästinenser eine völlig neue PLO aufbauen, anstelle der Kollaborateure in Ramallah, die sich selbst auf den Scheiterhaufen der Geschichte manövriert haben.
Wie lange aber, so die besorgte Frage, wird die brutale Gewalt der Transformation andauern, und erlaubt eben diese Gewalt es den Palästinensern überhaupt, ihre Nationalbewegung neu zu konstituieren?
Ilan Pappe: Israel on the Brink. Eight Steps for a Better Future. London 2025, Oneworld Publications
Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«
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