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Aus: Ausgabe vom 17.01.2026, Seite 3 / Kapital & Arbeit
»Wir haben es satt«

Werden Frauen in der Landwirtschaft benachteiligt?

Die Doppelbelastung ist noch ausgeprägter als in anderen Berufen, kritisiert Stephanie Strotdrees
Interview: Gitta Düperthal
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In jedem Beruf haben Frauen eine Doppelbelastung, in der Landwirtschaft ist sie besonders ausgeprägt

Die UNO hat 2026 zum »Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft« aufgerufen. Sind Frauen in der Branche immer noch benachteiligt – auch in Deutschland?

In der Tat. Wir sind froh, dass dieses Thema jetzt endlich im Fokus der Öffentlichkeit ist. Bei unserer Demo des Bündnisses »Wir haben es satt« am Sonnabend werden auf unserer Bühne nun überwiegend Frauen reden. Dass Frauen plötzlich im Mittelpunkt stehen, ist in der Landwirtschaft neu. Nicht nur die Bioverbände werden so aktiv. Auch der Landfrauenverband und der Deutsche Bauernverband sehen, dass sich etwas ändern muss, und achten bei Messeständen darauf, dass Frauen präsent sind.

Es ist ja ein »Internationales Jahr« ausgerufen.

Genau. In vielen Ländern, etwa auf dem afrikanischen Kontinent oder in Lateinamerika, wird Landwirtschaft schon lange hauptsächlich von Frauen betrieben. In Deutschland sind Betriebe meist familiengeführt. Erschreckend, dass noch im Jahr 2026 Frauen einen Hauptanteil der Arbeit verrichten, aber als Betriebsleiterinnen offiziell kaum auftauchen! Knapp über zehn Prozent führen einen Betrieb, davon aber haben nur knapp 13 Prozent einen Bruder. Umkehrschluss: Die Tochter erbt oft nur, falls es keinen Sohn in der Familie gibt.

In Ihrer Erklärung heißt es: »Nicht nur ackern, sondern auch entscheiden.« Das aber ist von gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen abhängig. Was schränkt Landwirtinnen ein?

Paare auf kleineren Höfen können es sich meist nicht leisten, dass beide in Leitungsfunktion arbeiten. Sonst müssten sich beide als Selbständige versichern. Also ist die Frau meist auf Minijobbasis angestellt. Es muss möglich sein, sich als Paar gleichberechtigt zu betätigen, mit Sozialversicherung etc.

Sie fordern also, soziale Absicherung zu garantieren?

Ja. Landwirtinnen sind Unternehmerinnen, die voll auf die Arbeit ihrer Hände angewiesen sind: Was aber passiert im Krankheitsfall? Können Sie in Mutterschutz gehen? Die Rente reicht nicht, um im Alter davon selbständig leben zu können. Die vorherige Generation verbleibt, von der nächsten abhängig, auf dem Hof.

Sie fordern auch, Care-Arbeit anzuerkennen und gerecht umzuverteilen – wie denn?

In jedem Beruf haben Frauen eine Doppelbelastung, in der Landwirtschaft ist sie besonders ausgeprägt. Der gesellschaftliche Druck ist größer als in urbanen Verhältnissen. Das Soziale wird erwartet. In Erbverträgen ist in der Regel geregelt, dass die Alten zu versorgen sind. Weil die Frau Kinder betreuen, sich der Altenpflege widmen, das Catering für Erntehelfer und Mitarbeiter leisten muss, kommt sie nicht vom Hof. Weshalb Frauen im politischen Kontext nahezu gar nicht auftauchen.

Und Sie fordern, Daseinsfürsorge im ländlichen Raum zu sichern.

Für Frauen ist das ein Riesenthema, sie sind die Taxiunternehmen der Familie: Sind Schulangebote vor Ort, gibt es Einkaufsmöglichkeiten? Wie weit sind Ärzte und Krankenhäuser entfernt? Wieviel Zeit brauchen sie, um Kinder zur Kita oder Ältere zur medizinischen Versorgung zu bringen? Fehlende Infrastruktur schränkt ihr Leben ein.

Wie ist all das politisch durchzusetzen angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks und einer von der Union geführten Bundesregierung, die Frauenemanzipation nicht auf der Agenda hat?

Thema beim »BioFrauennetzwerk« ist und war, dass es frauenfeindliche Politik gibt: Wie viele Rechte werden den Frauen genommen? Für Selbstbestimmung bleibt kaum Raum. Damit unser Bündnis Breite behält und wir viele Verbände im Boot halten, sind wir aber zahmer. Wir wollen Frauen aus der klassischen Landwirtschaft und von Ökohöfen zusammenbringen, aus dem Angestelltenbereich, der Lebensmittelbranche und der oft männerdominierten Wissenschaft. Unsere Forderungen, bessere Rahmenbedingungen für die Familien zu schaffen, gehen nicht nur an zuständige Ministerinnen oder Minister. Wir sorgen für Aufmerksamkeit in der Gesellschaft, damit sich beim Frauenbild etwas ändert. Wir wollen Frauen miteinander vernetzen und ermutigen – und Männer einbeziehen. Denn sonst bewegt sich nichts.

Stephanie Strotdrees ist Landwirtin und Vertreterin des »BioFrauennetzwerkes«

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