Welche Probleme haben die Bauern?
Interview: Gudrun Giese
Am Sonnabend demonstrieren Sie mit vielen anderen in Berlin unter dem Motto »Wir haben es satt!« gegen industrielle Landwirtschaft und die Agrarpolitik des Bundes. Was sind die zentralen Probleme der bäuerlichen Betriebe?
Es ist vieles, was gleichzeitig auf uns einwirkt und verändert werden müsste. Die Förderung des tierwohlgerechten Stallumbaus ist so abrupt gestoppt worden, dass Landwirte auf den Kosten sitzen bleiben. Agrarland wird immer mehr zum Spekulationsgeschäft für landwirtschaftsferne Konzerne und Fonds. Bäuerliche Betriebe, die auf Pachtland angewiesen sind, können zum Teil die hohen Pachtzinsen nicht mehr erwirtschaften. Die Konzentration bei den Verarbeitern wie Molkereien und Schlachtereien setzt vielen zu. Regionale Wertschöpfungsketten werden zerstört, wie zuletzt der Fall der Eberswalder Wurstfabrik gezeigt hat, die vom Großkonzern Tönnies wohl nur übernommen wurde, um sie schnell zu schließen.
Ein zentrales Problem, das eigentlich alle Landwirte betrifft, ist die Preisgestaltung. Wir können, anders als die meisten Berufsgruppen, unsere Verträge nicht vor der Lieferung der Produkte abschließen. Die Preise schwanken mit den Mengen wie derzeit bei der Milch, ohne dass die Erzeuger Einfluss darauf haben. Das, was die vier großen Konzerne des Lebensmitteleinzelhandels am Ende im Supermarkt auf das Preisschild schreiben, hat damit jedenfalls nichts zu tun. Deren Preisbildung ist intransparent und müsste dringend offengelegt werden!
Agrarpolitik ist doch vor allem Sache der Europäischen Union?
Dort hat sich in letzter Zeit einiges hinsichtlich einer gemeinsamen Marktorganisation mit verbindlichen Vertragspflichten getan. Wenn es die schon gäbe, könnten zum Beispiel die Übermengen an Milch gesenkt und Preisabstürze gemildert werden. Aber der bundesdeutsche Landwirtschaftsminister Alois Rainer von der CSU blockiert beim Thema verpflichtende Verträge. Generell muss die GAP – die »Gemeinsame Agrarpolitik« der EU – die gesellschaftlichen Leistungen für Klima-, Umwelt- und Tierschutz einer bäuerlichen Landwirtschaft honorieren. Tatsächlich ist für die Förderung immer noch der Flächenbesitz ausschlaggebend, und ab 2027 sollen die GAP-Gelder wieder bedingungslos nach Flächengröße ausgezahlt werden. Das gilt es unbedingt zu verhindern. Denn die Vielfalt bäuerlicher Betriebe ist entscheidend für den Erhalt lebendiger ländlicher Räume. Die Realität dort ist oft eine andere: Menschen ziehen weg, Verarbeitungsbetriebe gehen pleite, Dörfer und Kleinstädte veröden. Wie sehr diese Entwicklung die Demokratie gefährdet, sehen wir in Sachsen-Anhalt deutlich.
Steigen die Erzeugerpreise für Agrarprodukte, wirkt sich das wieder auf die Verbraucher aus, die bereits unter der Inflation bei Lebensmittelpreisen leiden.
Deshalb brauchen wir dringend Transparenz bei der Preisbildung im Handel. Wir als bäuerliche Landwirte und die Verbraucher sollten uns nicht auseinanderdividieren lassen. Aus Gesprächen ist mir die Bereitschaft zu leicht erhöhten Preisen für Agrarprodukte bekannt, sofern die Erlöse den Landwirten zugutekommen. Die Preisanstiege der letzten Jahre bei vielen Produkten sind schwer nachvollziehbar, und Landwirte hatten gar nichts davon. Im Bündnis »Wir haben es satt!« wollen wir mit den unterschiedlichen Organisationen der Zivilgesellschaft nach gemeinsamen Lösungen suchen. Es geht eben nicht um Einzelinteressen.
Ihre und andere Organisationen kritisieren das kürzlich abgeschlossene Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten. Warum?
Auf beiden Seiten des Atlantiks muss die Ernährungsunabhängigkeit geschützt werden. Soziale und ökologische Aspekte müssten in ein Abkommen einbezogen werden. Bäuerinnen und Bauern dürfen nicht der Unsicherheit instabiler Weltmärkte und dem unfairen Wettbewerb ausgesetzt werden. Wir stehen für einen qualifizierten Marktzugang und die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten. Agrarminister Rainer heizt dagegen mit seiner »Exportstrategie« die Ausweitung von Dumpingpreisen an. Das ist grundfalsch.
Claudia Gerster ist Landwirtin im südlichen Sachsen-Anhalt und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL)
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