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Aus: Ausgabe vom 17.01.2026, Seite 1 / Titel
Landwirtschaftspolitik

Saustark und widerborstig

»Wir haben es satt!«-Demo in Berlin: Höfesterben und Ernährungsarmut. Bauern in existentieller Not, Verbraucher in Kostenfalle an der Kasse
Von Oliver Rast
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Agrarkonzerne machen Milliardengewinne, spekulieren mit Acker- und Weideland, patentieren Saatgut und Gentechfraß

Es stimmt wohl: »Eier sind knapp«, berichtete das Fachportal Geflügelnews am Freitag. Aber es ist längst nicht das einzige Agrarproblem, wissen die Organisatoren der »Wir haben es satt!«-Demo am Sonnabend in Berlins Mitte. Agrochemiekonzerne machen Milliardengewinne, spekulieren mit Acker- und Weideland, patentieren Saatgut, forcieren den Absatz von Gentechfraß und fordern »unbürokratische« Pestizidzulassungen. Kurz: Die Landwirtschaft samt natürlichen Lebensgrundlagen ist ein Eldorado für die Agrarindustrie samt Interessenverbänden.

Eine Profitlogik mit Folgen: Jährlich schließen hierzulande rund 2.600 bäuerliche Betriebe – und das Höfesterben hält unvermindert an. Ähnlich dramatisch ist die Lage im Lebensmittelhandwerk, besonders bei Bäckereien. Zugleich drehen die vier Lebensmittelgiganten Aldi, Lidl, Edeka und Rewe kräftig an der Preisschraube. Hierzulande kosten Esswaren an der Supermarktkasse rund ein Drittel mehr als noch vor fünf Jahren. Gesunde Ernährung? Für Millionen Verbraucher nicht leistbar. Ausgabestellen wie die Tafeln verhängen Aufnahmestopps, die Schlangen sind zu lang, der Bedarf ist zu hoch. Ernährungsarmut – auch in der BRD. Und: Weltweit können sich 2,3 Milliarden Menschen nicht ausreichend ernähren – und mehr als 670 Millionen Menschen haben akuten Hunger. Oder: Hungertod als »systemischer Kollateralschaden«. Zum Kotzen.

Übel stößt auch das auf: das Bohei um die »Grüne Woche«, ihre hundertste Ausgabe in diesem Jahr. Das Stelldichein von Agrarbusiness und -lobby öffnete am Freitag seine Pforten für Besucher. Ein Branchenschaulaufen bis kommenden Sonntag. Ein PR-Highlight: Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) und ein »Starkoch« bitten zu Tisch. Zum Gaumenschmaus mit geretteten Lebensmitteln. Essbares, was nicht in der Tonne, sondern auf dem Teller landet. Ein Fototermin für die Galerie, sonst nichts.

Aber nicht nur Verbraucher sind im Würgegriff der Multis, auch die Erzeuger. Bauern machen Bambule, machen mobil: mit Traktorkolonnen in Innenstädten, mit Straßenblockaden auf Autobahnen – teils militant. Wiederholt und seit Wochen und EU-weit. Reizwort: EU-Mercosur-»Freihandelsabkommen«. Denn es wäre ein politischer Irrweg, die heimische Landwirtschaft einem globalen Dumpingwettbewerb mit laschen Umwelt- und Sozialstandards auszuliefern. Europas Ernährungssicherheit dürfe nicht durch ferne Billigimporte aufs Spiel gesetzt werden, betonen Bauernvertreter. Eines ist ihnen dabei wichtig: Es gehe nicht um höhere Agrarsubventionen. Worum dann? Schlicht um faire und gleiche Handelsbedingungen für die bäuerliche Landwirtschaft.

Davon unbeeindruckt wirkt Ursula von der Leyen. Die EU-Kommissionspräsidentin will das Abkommen am Sonnabend mit den südamerikanischen Staatschefs von Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay unterzeichnen. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Verhandlungsmarathon. Aber Bauernorganisationen wollen weiter widerstehen, nicht klein beigeben.

Marcel Bauer (Die Linke) unterstützt das. Und die »heile Welt« der »Grünen Woche« könne über agrarpolitische Dauerkonflikte nicht hinwegtäuschen, so der Obmann seiner Bundestagsfraktion im Landwirtschaftsausschuss am Freitag in einem Statement. Mehr noch, Einzelhandelsriesen knechteten hiesige Bauernbetriebe. Das ruinöse Prinzip »Wachse oder weiche!« müsse ein Ende haben. Folglich »muss die Marktmacht der Konzerne gebrochen werden«. Stimmt – und dafür braucht man wohl eines: Eier.

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