Der Englischlehrer
Von Marc Hieronimus
Mein Englischlehrer fuhr Porsche und ließ sich mit »Herr Doktor von« anreden. Seine Expertise in schwarzer Pädagogik reichte soweit, dass viele seiner Zöglinge seit der Schule kein Wort Englisch mehr hervorgebracht haben, weil ihnen bei jedem Anlauf bis heute unwillkürlich seine hämische Kauleiste erscheint.
Herr Doktor von liebte es, sich bei der Rückgabe von Klassenarbeiten einen in seinen Augen unverzeihlichen Fehler oder nicht zu Ende gedachten Gedanken herauszupicken, ihn noch einmal mit erwartungsvollem Blick zu wiederholen, und bevor die Klasse verstand, dass sie jetzt lachen sollte, zitierte er feierlich, was er mit seinem Rotstift Ätzendes darunter geschrieben hatte.
Er war in seinem Selbstverständnis gleich dreifach adelig, nämlich neben Dieter Philipp (Dr. phil.) und »von irgendwas« (es war nicht Habsburg oder Hohenzollern) auch Wahlberliner, das heißt, er lebte und arbeitete an seinem Geburts- und Studienort Köln, aber er berlinerte, weil er dit für schick hielt, wa. Nicht bloß ein arrogantes #@%*! also, sondern im Rückblick vor allem eine arme Wurst. Ärgerlich, wenn so ein Mensch, dem man für eine Weile ausgeliefert ist, auch noch recht hat.
Mindestens einmal hat er über Huxley, Shakespeare, Arthur Miller und Muriel Sparks »The Prime of Miss Jean Brodie« hinaus etwas bleibend Kluges gesagt. Im Vorfeld der Studienfahrt nach London war der Kurs des englischen Pfunds gestiegen und die geplante Reise damit schon vor dem Antritt teurer geworden, und er sagte, ins Hochdeutsche übersetzt, das sei einer der seltenen Momente, wo die große Politik bis ins Klassenzimmer wehe. Das war Anfang der 90er, als Politik und Geschichte gerade so manches herbei- und vor allem davongeweht hatten, was bei anderen Paukern auch Unterrichtsthema gewesen war; aber im hormonverzerrten Alter von 16, 17 Jahren spürten wir den Hauch des Mantels der Geschichte in der Tat nur, wenn und erst als es ans Taschengeld ging. Ich kann nicht einmal sagen, was damals die Ursache der Kursschwankung war.
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