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Aus: Ausgabe vom 16.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Stand der Dinge

Hilfe ist unterwegs

Von Stefan Heidenreich
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Gibt es den großen Plan, der die Proteste im Iran, die Entführung von Maduro, die Drohungen gegen Grönland und die Piraterie auf den Weltmeeren zusammenbringt?

»HELP IS ON ITS WAY. MIGA!!!« hieß es, »Hilfe ist unterwegs«. Wie bei allem, was aus dem Mund des Wrestlingkönigs kommt, empfiehlt sich die Probe aufs Gegenteil. Einmal umgestülpt lautet die Aussage »Wir lassen euch hängen«. Und tatsächlich beschreibt das die Lage im Iran einigermaßen treffend.

Die Umkehrregel lässt sich nicht nur auf Trump, sondern auf weite Teile des politischen Infouniversums anwenden. »Immer mehr Leute bewaffnen sich«, titelte die FAZ noch, während zeitgleich die Proteste abebbten. Das MAGAfon bettelte darum, nicht aufzugeben: »Iranian Patriots, KEEP PROTESTING – TAKE OVER YOUR INSTITUTIONS!!!« Doch gleichzeitig zeigten Telegram-Kanäle schon Bilder von Hunderttausenden auf den Straßen des Landes, die offenbar für ihre Regierung demonstrierten.

Überprüfen lässt sich das alles nicht. Dass man überhaupt auf den Gedanken kommt, Nachrichten dieser Art selbst überprüfen zu wollen, weist auf einen fatalen Umstand hin. Information ist passé. Wer Glück hat, findet vertrauenswürdige Mitteilungen noch verstreut an den Rändern der großen Informationslandschaften. In Inforeservaten der Interessenlosigkeit, gefährdet und zugleich so gefährlich, dass sie gerne auch unter polizeilicher Beobachtung gehalten werden. Ansonsten gibt es nur noch Narrative, Framing und Alarmgeschrey, wie es früher einmal in Übersetzung des französischen »Cri d’alarme« hieß. 1712, nur falls jemand auf die Idee kommt, die Menschheit hätte derartige Infonotstände noch nicht erlebt. Das Geschrei hat eine lange Geschichte. Ein bekannter Vorfall fand im Jahr 1168 statt – das Berggeschrey –, als man bei Freiberg in Sachsen eine reiche Silberader gefunden hatte.

Großes Geschrei geht gern mit Aktion einher. So auch im Iran. Angefeuert von sozialen Medien hatten sich die Proteste rasch übers ganze Land ausgebreitet, auch in die Randprovinzen, wie auf Zuruf. Dann griffen die Theokraten in Teheran zu einer recht verzweifelt anmutenden Maßnahme: Sie stellten das Internet ab. Das ändert erst einmal wenig. Doch dann gelang es ihnen, offenbar mit technischer Hilfe aus China und Russland, die Signale der »Starlink«-Satelliten wirksam zu stören. In dem Moment war der Spuk vorbei.

Sollte es tatsächlich gelungen sein, durch Abstellen der Informationskanäle eine Farbrevolution abzuwürgen, wäre das bemerkenswert. Es bedeutet nämlich dreierlei: a) dass es ein effektives Gegenmittel gegen von außen gesteuerte Inforevolutionen gibt, obwohl man b) mittlerweile genügend große Teile einer Gesellschaft zielgerichtet fernsteuern kann. Und c), dass die Infosphäre über Souveränität und Selbstbestimmung entscheidet.

Damit verändert sich die gesamte Grammatik des Regierens, beziehungsweise sie hat sich bereits verändert. Noch immer geistert der Spruch eines autoritären Rechtslehrers umher, demzufolge souverän nur ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Dass Carl Schmitt diese Aussage in seiner Plettenberger Paranoia aufs Radio ausdehnte, war durchaus hellsichtig. Heute ist man noch einen Schritt weiter. Selbständig kann nur regieren, wer die »Amplifier for Idiots« zu bedienen weiß, die Verstärker für Idioten, wie Googles Eric Schmidt die sozialen Medien einmal genannt hat.

Zwingend schließt sich daran eine weitere Frage an: Gilt diese Form des Regierens nur in Ausnahmefällen, oder stellt sie längst die neue Normalität dar? Sind Aufstände wie im Iran als weithin sichtbare Ereignisse eine Ausnahme? Oder zeigen sie nur die Spitze eines Eisbergs, so dass unter der Wasserstandslinie der Aufmerksamkeit längst ohne viel Geschrei nach dem gleichen Prinzip regiert wird? Nämlich so, dass die Regierten sorgfältig in ein allgemein anerkanntes Narrativ eingewoben sind, demzufolge das Regierungshandeln als durchgehend vernünftig erscheint. Die Hartnäckigkeit, mit der gegenläufige Ansichten aus dem Meinungsspektrum verbannt werden, spricht für diese Annahme.

Bleibt noch zu erklären, was hinter der Lärmschutzwand vor sich geht. Gibt es den großen Plan, der die Proteste im Iran, die Entführung von Maduro, die Drohungen gegen Grönland und die Piraterie auf den Weltmeeren zusammenbringt? Oder hat das große Geschrei das Regieren selbst derart betäubt, dass der eine Plan längst unter einem Gewimmel anderer Vorhaben verschüttet ist, weshalb die Welt in genau das konfuse Durcheinander ausfranst, als das sie sich zeigt? Ein Hauch von Wahrheit, wenn man will. Hilfe ist unterwegs, wird aber nie eintreffen.

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