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Aus: Ausgabe vom 15.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Schmerz und Beruf

Von der Sozialarbeiterin zur Domina: Alexe Poukines Spielfilm »Madame Kika«
Von Wolfgang Nierlin
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Schon Mamma wusste: »Wer sich weigert zu leiden, weigert sich zu leben«

Auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz im Sozialamt muss sich Kika (Manon Clavel) zuerst einmal durch einen langen Flur winden, wo die Hilfsbedürftigen bereits dicht gedrängt auf sie warten. Die gestresste Mutter einer halbwüchsigen Tochter steckt fest. Ihr nervenaufreibender Job ist ein Fass ohne Boden und vermittelt ihr ein trostloses Bild von den sozialen Rändern der Gesellschaft. Die Beziehung zu ihrem Mann Paul (Thomas Coumans) ist in Gewohnheit erstarrt. Und so wird ihre unfreiwillige Begegnung mit dem Fahrradhändler David (Makita Samba), in den sie sich spontan verliebt, zum unverhofften Glück. Im engen Bildformat, in das die Getriebene eingesperrt scheint, entsteht plötzlich eine Ruhe. Die zärtliche Annäherung der beiden Verliebten führt zu regelmäßigen Treffen, die aus Ermangelung eines anderen Ortes im rot schimmernden Licht eines Stundenhotels stattfinden.

Für den sozialen Realismus ihres Filmes »Madame Kika« hat die französisch-belgische Regisseurin ­Alexe Poukine einen dokumentarischen Stil gewählt. Verbunden mit markanten Ellipsen innerhalb der Erzählung entsteht eine Konzentration auf die Titelheldin, was andere dramatische Konflikte auffallend ausspart. So wird auch Kikas relativ kurzes Liebesglück durch einen Schicksalsschlag abrupt beendet. Plötzlich ist diejenige, die sonst anderen durch ihren prekären Alltag hilft, selbst auf sich allein gestellt und hilfsbedürftig. Schwanger, ohne Wohnung und nahezu mittellos, muss sie zusammen mit ihrer Tochter Louison (Suzanne Elbaz) wieder bei ihren neurotischen Eltern einziehen, was der Film im Hinblick auf die schwelenden Konflikte genau und differenziert zeigt. Sie nimmt kurzfristig einen zweiten Job als Fischverkäuferin an und landet schließlich eher zufällig im Milieu der Sexarbeiterinnen, wo sie sich dann zunächst eher unbeholfen als Domina verdingt.

Kika verdrängt ihr Trauma, weil sie keine Zeit und keine materiellen Ressourcen hat und sie ihren Stolz als starke, unabhängige Frau behaupten will. Einmal mahnt ihre Mutter: »Wer sich weigert zu leiden, weigert sich zu leben.« Nur langsam und mit Hilfe ihrer neuen Kolleginnen, die sich auf andere Art ebenfalls als »Sozialarbeiterinnen« definieren, findet Kika einen Weg aus der neuerlichen Abhängigkeit. Dafür muss sie nicht nur lernen, den Schmerz ihrer masochistischen Klienten zu verstehen, sondern auch, sich dem eigenen zu stellen. In emotional intensiven Rollenspielen sowie im selbst erfahrenen Schmerz der Unterwerfung durchlebt Kika schließlich einen Prozess der Heilung.

»Madame Kika«, Regie: Alexe Poukine, Belgien/Frankreich 2025, 104 Min., Kinostart: heute

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