Luftabwehr nicht bereit oder deaktiviert?
Von Lars Lange
Als US-Spezialeinheiten Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores am 3. Januar in Caracas entführten, blieb die venezolanische Luftabwehr weitgehend ohne erkennbare Reaktion. Auffällig war insbesondere, dass tragbare Flugabwehrraketen kaum eingesetzt wurden. Noch im Oktober hatte Venezuelas Präsident erklärt, das Land verfüge über rund 5.000 »Igla«-S-Systeme, die an Schlüsselpositionen zur Landesverteidigung bereitstünden. Diese schultergestützten Waffen arbeiten mit infrarotgelenkten Zielsuchköpfen, benötigen weder Radar noch eine zentrale Kommandostruktur und gelten als hochwirksam gegen niedrig fliegende Hubschrauber. Lediglich in einem auf Video dokumentierten Fall wurde offenbar eine solche Waffe abgefeuert.
Auf dem Papier verfügt Caracas über ein gestaffeltes Luftabwehrsystem aus russischen S-300VM- und »Buk«-M2E-Flugabwehrraketen sowie chinesischen Radarsystemen. Nach einem Bericht der New York Times vom Montag waren die S-300- und »Buk«-Einheiten zum Zeitpunkt der Operation jedoch nicht aktiv in ein Radarnetz eingebunden. Der kanadische Militäranalyst Mike Mihajlovic stellte fest, dass »Buk«-M2E-Fahrzeuge an der Küste im Raum Catia La Mar in einer Anordnung standen, die eher auf Lagerung oder Bereitschaft als auf Gefechtsbetrieb hindeutet: Die Werfer waren eng beieinander positioniert und damit nicht entsprechend militärischer Einsatzdoktrin aufgestellt. Diese Beobachtungen erklären jedoch nur teilweise, weshalb die venezolanische Luftabwehr insgesamt kaum reagierte. Denn die tragbaren Flugabwehrraketen sind von solchen Großsystemen unabhängig und können auch bei gestörter Radar- und Funkanbindung eingesetzt werden.
Militäranalysten verweisen in diesem Zusammenhang häufig auf drei zentrale Faktoren der Luftverteidigung: technische Ausstattung, taktische Einsatzkonzepte und das eingesetzte Personal. Schwächen in einem dieser Bereiche können ihre Wirksamkeit erheblich einschränken. Als besonders anfällig kann dabei der menschliche Faktor gelten, etwa durch mangelnde Einsatzbereitschaft, unklare Befehlsketten oder Loyalitätsprobleme. In der militärhistorischen Forschung ist gut belegt, dass Geheimdienste versuchen, auf einzelne Schlüsselpersonen einzuwirken, um Abläufe zu stören beziehungsweise zum eigenen Vorteil zu beeinflussen. Ob solche Mechanismen im vorliegenden Fall eine Rolle spielten, lässt sich öffentlich jedoch nicht nachweisen.
Die New York Times hingegen berichtete, die venezolanische Armee sei von der Operation überrascht worden, trotz eines wochenlangen, umfangreichen US-Militäraufmarschs vor der Küste des Landes. Die US-Streitkräfte setzten nach eigenen Angaben zu Beginn umfassende Maßnahmen der elektronischen Kriegführung ein, um Radar- und Kommandoverbindungen zu stören. Ein gleichzeitiger Ausfall gleich mehrerer Radarsysteme gilt militärisch als Indikator für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff und würde regulär höchste Alarmstufen auslösen. In einem solchen Szenario hätten zumindest nichtradargestützte Abwehrmittel eingesetzt werden können. Die brasilianische Militäranalystin Patricia Marins wies zudem darauf hin, dass nur wenige militärische Ziele angegriffen wurden und auf der offiziell als bombardiert gemeldeten Luftwaffenbasis Libertador am Folgetag unbeschädigte Flugzeuge zu sehen waren.
Als erste Amtshandlung entließ Interimspräsidentin Delcy Rodríguez am 6. Januar General Javier Marcano Tábata, Kommandeur der Präsidialgarde und Direktor der militärischen Spionageabwehr (DGCIM), und ließ ihn einen Tag später festnehmen. Als seinen Nachfolger setzte Rodríguez den früheren Chef des Nachrichtendienstes SEBIN, General Gustavo González López, ein. Laut dem venezolanischen Portal Venevisión wird ihm vorgeworfen, die Luftabwehrprotokolle für das Hochsicherheitsgelände Fuerte Tiuna – wo sich Maduro und Flores in ihrer Residenz befanden – deaktiviert zu haben. Zudem deuteten Untersuchungen der neuen Führung in Caracas auf verschlüsselte Kommunikation des Generals mit ausländischen Geheimdiensten vor dem 3. Januar hin. Nicht genannte Quellen berichteten demnach außerdem, dass Geheimdienst- und Spionageabwehrbeamte der DGCIM, die Marcano unterstanden, festgenommen wurden.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Antonio Almeida aus Köln (14. Januar 2026 um 21:44 Uhr)Im Military Watch Magazine macht ein Artikel darauf aufmerksam, mit welchen elektronischen Mitteln US-Marinekampfflieger vom Typ EA-18G die venezolanische Luftabwehr neutralisiert haben: https://militarywatchmagazine.com/article/ea18g-electronic-attack-entral-venezuela Über solche Ausrüstung und Fähigkeiten sollen nur diese Kampfflugzeuge der US-Marine und diejenigen der Befreiungsarmee der VR China vom Typ J-16D (Luftwaffe) und J-15D (Marine) verfügen. Bezüglich der Radar-unabhängigen Kampfmittel Venezuelas wird über Geheimabsprachen mit dem US-Militär, also Verrat, spekuliert.
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