Pharmaindustrie sorgt sich um Umsätze
Von Dominic Iten
Die Schweiz als Pharmastandort stehe an einem Scheideweg. Auf der Jahreskonferenz des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen, Interpharma, zeichnete Präsident Jörg-Michael Rupp am 8. Januar ein düsteres Bild: Die Schweiz verliere »schleichend« ihre »führende Stellung«. Der internationale Wettbewerb habe sich verändert, sei politischer geworden. Der Zugang zu Schlüsselmärkten werde zunehmend über Investitionsversprechen, Produktionsstandorte und Gegengeschäfte abgesichert.
Spätestens seit Trumps zweiter Amtszeit gilt: Wer in den USA verkaufen will, muss in den USA investieren. Gegenwärtig werden dort rund 46 Prozent der globalen Pharmaumsätze erzielt – in der Schweiz gerade mal 0,5 Prozent. Das ist mehr als eine Marktstatistik: Es ist ein Machtverhältnis. Wer diesen Absatzmarkt nicht gefährden will, muss auf dessen Bedingungen reagieren.
Obwohl die beiden Schweizer Pharmariesen Novartis und Roche auf Druck der Trump-Administration bereits umfangreiche US-Investitionen angekündigt hatten (Roche 50 Milliarden Dollar, Novartis 23 Milliarden Dollar), bleibt die Lage angespannt. Vieles deutet darauf hin, dass Kapital, Anlagen und auch Forschung näher an die großen Märkte rücken. Der Standort Schweiz kann sich dabei nicht länger auf seine führende Stellung berufen, sondern muss sich zunehmend um Attraktivität im globalen Konzernvergleich bemühen.
In der Schweiz hängen Wertschöpfung, Steuererträge und qualifizierte Jobs wesentlich an der Pharmaindustrie: Auf sie entfallen über die Hälfte der Schweizer Exporte. Gleichzeitig ist in der Schweiz laut der Gewerkschaftszeitung Work jedes vierzehnte rezeptpflichtige Medikament nicht erhältlich. Grund dafür ist das Geschäftsmodell selbst: Die Schweizer Pharma ist ausgerichtet auf globale Märkte – nicht für die stabile Versorgung eines kleinen Heimmarkts. Wer 0,5 Prozent Weltumsatz abbildet, hat aus Konzernsicht keine Priorität.
Zusätzlichen Druck erzeugt das sogenannte Most-Favored-Nation-Regime, demzufolge sich US-Arzneimittelpreise stärker an Preisen in Referenzländern orientieren sollen – darunter die Schweiz. Fällt der Schweizer Preis niedrig aus, könnte er in den USA als Maßstab die Einnahmen drücken. Damit entsteht ein Anreiz, Produkte in der Schweiz später einzuführen oder Preissenkungen abzuwehren. Verfügbarkeit und Preisniveau könnten sich dadurch in der Schweiz weiter zu Lasten der Patienten verschlechtern.
Die Branche nutzt die aufziehenden Gefahren als Argument für die Forderung günstigerer Standortbedingungen. Interpharma verlangt von der Politik »moderne, kaufkraftbereinigte Preisbildungsmodelle«, einen »attraktiven Rahmen für die schnelle Lancierung neuer Produkte« sowie eine »konstruktive Zusammenarbeit aller relevanten Akteure«, um den »Forschungs- und Produktionsstandort zu sichern und weiterzuentwickeln«.
Hinter diesen abstrakten Formulierungen steht der Wunsch nach kapitalfreundlichen Reformen, um die Schweiz als Profit- und Steuerstandort im Konzernvergleich konkurrenzfähiger zu machen. Parallel dazu wird im Parlament über eine »Pharma-Strategie« diskutiert: Der Ständerat hat eine entsprechende Motion angenommen, im Nationalrat steht die Debatte noch aus. Ziel: Firmen sollen in der Schweiz bleiben und investieren.
Unterdessen schaffen die Unternehmen bereits Fakten. Novartis will die Tabletten- und Kapselfabrik in Stein bis Ende 2027 schließen und laut Work rund 700 Personen entlassen. Kurz vor Jahreswechsel kündigte Janssen (Johnson & Johnson) an, die Fabrik in Bern-Bümpliz zu schließen und die Produktion in die Niederlande zu verlagern – 300 Festangestellte und 200 Befristete verlieren ihre Arbeit.
Während die Branche nach staatlicher Unterstützung verlangt, werden die Lasten also bereits auf die Beschäftigten abgewälzt. Corinne Schärer, Branchenleiterin bei der Gewerkschaft Unia, betonte am 9. Januar gegenüber Work: Die Produktion werde »nur wegen der hohen Lohnkosten« eingestellt. Entscheidend sei die Gewinnsteigerung – selbst wenn damit Risiken für die Versorgungssicherheit in Kauf genommen würden.
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