Es ist kompliziert
Von Christopher Sprelzner
Es ist ein Naturgesetz: Sind die Zeiten schlecht, florieren Punk und Hardcore. Müßig, hier alle Schlechtigkeiten unserer Zeit aufzuzählen, die Seiten hier sind voll davon. Aber es lohnt sich, ein paar der vielen Offenbarungen zu teilen, die uns Punk und Hardcore in den letzten Monaten beschert haben: High Vis, Combust, Béton Armé, Silver, Slant – auch damit könnten Seiten gefüllt werden. Eine davon, das Duo Home Front aus Edmonton in Kanada, hat unlängst ein Album mit dem Titel »Watch It Die« veröffentlicht. Wie die beiden Vorgänger ist es bei dem britischen DIY-Label La Vida Es Un Mus Discos rausgekommen. Die Plattenfirma ist dezidiert internationalistisch ausgerichtet und veröffentlicht vorwiegend Bands abseits der konventionellen Zentren der Popkultur in den USA und Großbritannien. Mehr denn je ist Punk heute ein globales Phänomen.
Obwohl es Home Front erst seit Anfang der 2020er gibt, sind sie tief verwurzelt in der kanadischen Punkszene, die Legenden wie Career Suicide und Fucked Up hervorgebracht hat. Jonah Falco, Mitglied beider Bands, war an der Produktion von »Watch It Die« beteiligt. Das musikalische Grundprinzip von Home Front hat sich seit dem Debüt »Think of the Lie« kaum verändert: New-Wave-Sensibilität mit Oi!-Kante. Auf dem Papier klingt das möglicherweise unmöglich – auf Platte großartig. Die Blaupause lieferte vor mehr als vier Jahrzehnten die legendäre Punkband Blitz mit der 83er Single »New Age«: roher Punkrock mit verträumten Synthies und räudigem Gesang. »The kids don’t care«, schrien sie die Zweifler damals an.
Da die 80er nicht weniger düster waren als unsere Gegenwart, erscheint es folgerichtig, dass Home Front heute den schrägen Sound dieser Zeit aufgreifen. Im Gegensatz zum zerfahrenen Vorgängeralbum »Games of Power« wirkt die aktuelle Platte fokussiert, wie aus einem Guss. Es gibt überwiegend Midtempo-Punk-Nummern zu hören, mal mit Drumcomputer, mal ohne; dazu Synthesizer, Genöle, Sentimentalitäten, Euphorie und natürlich Crew-Shouts. Einzig ein wirklicher Hit fehlt, den die Vorgängerplatte mit »Nation« aufweisen konnte.
In den Lyrics geht es um existentielle Punkrockthemen, um Gewalt, Schlafprobleme, das Nachtleben, Anxiety, PTSD, Jeansjacken. Einige Songs beschäftigen sich mit dem Vergehen subkultureller Leichtfertigkeit angesichts handelsüblicher Zumutungen wie Arbeit, Alltag, Zeit: »Whatever happened to youth’s simplicity / It got complicated, is this how you pictured life to be?« 1983 ist lange her – auch Punker kommen in die Midlife-Crisis. Auf dem Cover ist eine blühende Rose vor einer Betonwand zu sehen. In Interviews sprechen sich Home Front für die Rechte Indigener in Kanada und die der Menschen in Palästina aus. Die Platte endet dementsprechend prophetisch, fast träumerisch, aber keineswegs versöhnlich: »Between you and me / Did you think you’d ever see / An empire start to crumble / And fall into the sea?« Darauf warten wir alle!
Home Front: »Watch It Die« (La Vida Es Un Mus Discos)
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