Gegründet 1947 Donnerstag, 26. Februar 2026, Nr. 48
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.01.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Infrabel

VIP-Sause auf Kosten der Belgier

Trotz rigider Haushaltskürzungen feiern Staatsbedienstete mit Freitickets bei Lady Gagas Konzert
Von Gerrit Hoekman
Lady Gaga bricht mit kostenloser Mega-Show in Rio Rekord.jpg
Dieses Konzert war für alle kostenlos: Lady Gaga in Rio De Janeiro am 3. Mai 2025

Die belgische Regierung von Ministerpräsident Bart De Wever fährt einen hammerharten Kürzungskurs. Alle sollen den Gürtel enger schnallen. Doch es betrifft nur fast alle, denn das staatliche Unternehmen Infrabel gönnte seinen 200 Managern im November eine teure Maßnahme unter der Überschrift »Teambuilding«: Sie durften auf Firmenkosten ein Konzert von Lady Gaga besuchen. Nicht im Fangedränge unten im Saal wie das gemeine Volk, sondern standesgemäß gemütlich in der VIP-Lounge. Berichte über die Sause sorgen nun in Belgiens Bevölkerung für Empörung.

»Unzufriedene Reisende, Züge mit Verspätung, Bahnhöfe, die von Schließung bedroht sind … Und was tut der CEO von Infrabel? Er verteilt an 200 Infrabel-Manager VIP-Tickets für Lady Gaga«, machte die marxistische PTB/PVDA (Partei der Arbeit) den Ausflug am Donnerstag auf ihrer Homepage öffentlich. Infrabel beschäftigt rund 10.000 Mitarbeitende, die dafür sorgen, die Infrastruktur der belgischen Bahn in Schuss zu halten. »Dem Bahnpersonal fehlen die Ressourcen, um einen guten Service zu bieten und unter angemessenen Bedingungen zu arbeiten, während sich das Management von Infrabel teure Teambuilding-Maßnahmen gönnt«, kritisiert Farah Jacquet, eine von 15 Abgeordneten der Marxisten im Parlament, auf der Internetseite ihrer Partei.

Das Konzert des US-amerikanischen Popstars am 11. November im Afas Dome, dem Sportpaleis von Antwerpen, war innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft. Die normalen Karten kosteten zwischen 70 und 200 Euro. Für die Manager soll Infrabel pro Nase inklusive Catering 600 Euro bezahlt haben. Insgesamt kostete das also wohl über 100.000 Euro, die aus dem Budget für »Unternehmenskultur« beglichen wurden. »Ist es angesichts der angespannten Lage der öffentlichen Dienste und der hohen Anforderungen der Regierung an die Bahnmitarbeiter vertretbar, solche Ressourcen für VIP-Veranstaltungen auszugeben?« fragt die PVDA-PTB. Schließlich handele es sich um Steuergeld. Jeder Euro müsse »fair und transparent zum Wohle aller Mitarbeiter und Fahrgäste eingesetzt« werden und nicht »für Prestigeprojekte, die einer kleinen Minderheit der Unternehmensleitung vorbehalten sind«, fordert Jacquet, die selbst als Zugbegleiterin gearbeitet hat.

Die sozialistische Eisenbahnergewerkschaft ACOD Spoor, ist ebenfalls erbost: »Die verschiedenen Regierungsstellen erhalten von der Regierung De Wever ständig Signale, dass die Budgets äußerst sparsam eingesetzt werden müssen. Für uns geht es hier eher um übermäßige Ausgaben«, so Gewerkschaftsfunktionär Tony Fonteyne gegenüber der Tageszeitung De Standaard. Nach seinen Informationen hätten auch mehrere Manager den Betriebsausflug kritisiert. »Ein Lady-Gaga-Konzert, Bowling oder Gokart fahren – das ist kein Teambuilding. Insofern sind solche Veranstaltungen wertlos«, beurteilte Eventmanager Johnny Machiels am Donnerstag in der Tageszeitung Het Laatste Nieuws den Konzertbesuch. »Wie soll man da irgend etwas lernen, das einem anschließend bei der Zusammenarbeit mit den Kollegen hilft?«

Von der Abgeordneten Jacquet im Parlament danach gefragt, antwortete der zuständige Minister für Mobilität, Jean-Luc Crucke, kurz und knapp: »Wäre ich eingeladen worden, wäre ich ganz sicher nicht hingegangen.« Infrabel müsse, so der Minister, seine Firmenveranstaltungen deutlich reduzieren. »Ich habe ernsthafte Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung«, zitierte ihn die Tageszeitung De Standaard am Donnerstag. »Ein solches Ereignis erscheint mir nicht der geeignetste Weg zu sein, die Ziele des inneren Zusammenhalts zu erreichen. Insbesondere nicht in einem Kontext, in dem die Vorbildfunktion der Staatsausgaben von entscheidender Bedeutung ist.«

Bei Infrabel kann man die Aufregung nicht verstehen. Der Ausflug zu Lady Gaga habe nicht mehr gekostet als ähnliche Teambuilding-Maßnahmen in der Vergangenheit, zum Beispiel der Besuch einer Vorstellung der berühmten Artisten von »Cirque du Soleil«. Außerdem sei Lady Gaga ganz bewusst ausgewählt worden: »Die Künstlerin ist bekannt für ihr Engagement für Inklusion, Respekt für Vielfalt, Innovation und Offenheit – Werte, die auch Infrabel vertritt. Diese Werte sind unerlässlich für ein Arbeitsumfeld, in dem sich jeder respektiert fühlt und zu Höchstleistungen angespornt wird«, so Infrabel laut De Standaard. Eine Rechtfertigung, die nur ein weiterer Beleg für die Abgehobenheit des Managements ist.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit