Gegründet 1947 Mittwoch, 25. Februar 2026, Nr. 47
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.01.2026, Seite 12 / Thema
Militarisierung

Ein fester Burgfrieden

Evangelische wie katholische Propagandisten einer deutschen Kriegsmoral räumen mit den letzten pazifistischen »Irrtümern« auf. Dagegen legen nicht nur christliche Basisinitiativen Protest ein. Ein Streiflicht
Von Andreas Buderus und Johannes Schillo
12-13neu.jpg
Eine feste Burg ist unser Gott – und unser Vaterland. Die Kirchen wollen nicht abseits stehen, wenn Deutschland wieder verteidigungsfähig wird. (Gottesdienst zum Aufstellungsappell der Panzerbrigade 45 in der St. Ignatius-Kirche im litauischen Vilnius, 22.5.2025)

In Deiner Hand, o Gott, liegt die Herrschaft über alle Reiche und Völker der Erde. Segne unser deutsches Volk in Deiner Güte und Kraft und senke uns tief ins Herz die Liebe zu unserem Vaterlande. Segne die deutsche Wehrmacht, welche dazu berufen ist, den Frieden zu wahren und den heimischen Herd zu beschützen, und gib ihren Angehörigen die Kraft zum höchsten Opfer für Führer, Volk und Vaterland. Segne besonders unseren Führer und Obersten Befehlshaber in allen Aufgaben, die ihm gestellt sind. Lass uns alle unter seiner Führung in der Hingabe an Volk und Vaterland eine heilige Aufgabe sehen, damit wir durch Glauben, Gehorsam und Treue die ewige Heimat erlangen im Reiche Deines Lichtes und Deines Friedens. Amen.«

So heißt es im »Feldgesangbuch«, veröffentlicht mit »Genehmigung des katholischen Feldbischofs der Wehrmacht vom 24. August 1939«, also rechtzeitig vor Beginn des Zweiten Kriegs am 1. September. Bereits sechs Jahre zuvor wurde durch das Reichskonkordat mit dem Vatikan – abgeschlossen vom Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der ab 1939 als Papst Pius XII. die profaschistische Linie seines Vorgängers Pius XI. fortsetzte – frühzeitig die Kriegsplanung der Nazis um die nötige militärseelsorgliche Betreuung ergänzt. Auch bei der Remilitarisierung der BRD in den 1950ern waren von den ersten Tagen an geistliche Betreuer tätig, bis dann 1957 offiziell die einschlägigen Staatskirchenverträge abgeschlossen wurden (vgl. »Mit Gottes Segen«, junge Welt, 23.10.2025).

Weltkriegstheologie

Das Segnen von Waffen ist kein Novum in der Menschheitsgeschichte. Das Ausmaß, das diese Praxis mittlerweile angenommen hat, ist allerdings beachtlich. Als vor mehr als hundert Jahren das Zeitalter der Weltkriege begann, versagten alle kosmopolitischen, humanistischen Programme. Und es verstummten die Stimmen, die sich vorher mit Warnungen vor einem drohenden Weltenbrand hervorgetan hatten. Der Internationalismus der Arbeiterbewegung verschwand zugunsten einer »Burgfriedens«-Politik der Gewerkschaften, die das jeweilige nationale Kollektiv gegen die ausländischen Klassenbrüder gnadenlos in Stellung brachte. Man kannte keine Klassen mehr, nur noch Deutsche, Franzosen, Engländer, Russen. Die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland bekannten sich – wie ihre auswärtigen Glaubensbrüder – zu ihrem nationalen Kriegsherren.

Am 4. August 1914 predigte der evangelische Oberhofprediger Ernst Dryander im Berliner Dom: »Wir ziehen in den Kampf für unsere Kultur – gegen die Unkultur. Für die deutsche Gesittung – gegen die Barbarei. Für die freie, an Gott gebundene Persönlichkeit – wider die Instinkte der ungeordneten Massen. Und Gott wird mit unseren gerechten Waffen sein.«¹ Währenddessen wurden keine 500 Meter Luftlinie entfernt im Deutschen Reichstag, auch mit den Stimmen der SPD, die Kriegskredite bewilligt. Am 15. August konnte der katholische Würzburger General-Anzeiger den Kriegsbeginn kaum erwarten: »Die Knie und Herzen gebeugt vor unserm Gott! Denn dieser Helfer macht die stärksten Feinde tot. Dann kriegt den Feind zu fassen, o fasst ihn nicht zu zart! Hurra! Den Feind erschlagen – so ist es deutsche Art.«²

Und all das kommt jetzt wieder! Seit der von Kanzler Scholz angesagten »Zeitenwende« feiert das Vaterländisch-Soldatische seine Wiederauferstehung. Kriegstheologie im Dienst an NATO und Nation findet breite Unterstützung – sogar aus der jüdischen Religionsgemeinschaft kommt Zustimmung. Da ließ sich die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) nicht lumpen und lieferte zur Debatte um die Modernisierung des Kriegsdienstes im vorauseilenden Gehorsam schon Mitte Oktober eine Erklärung ab (DBK-PM, 12.10.2025), die auch direkt aus dem Verteidigungsministerium hätte kommen können. Wenige Wochen später legte das Leitungsgremium der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit der Denkschrift »Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick« nach.

Natürlich ist das nicht das ganze Bild: Es gibt Christinnen und Christen – und sie dürfen sich teilweise auch noch öffentlich bemerkbar machen in unserer »kriegstüchtigen« Republik –, die den Kurs ihrer Kirchenleitung entschieden ablehnen. Damit sind sie in einer ähnlichen Lage wie die oppositionellen Kräfte in den DGB-Gewerkschaften, die entschiedenen Einspruch gegen den Kurs der Führung einlegen und versuchen, an der Basis Widerstand zu organisieren. Anfang 2026 erscheint in der Reihe »Edition Pace« eine Sammlung von kritischen Kommentaren, die sich vor allem der EKD-Denkschrift widmen. Zu dieser Publikation, die von Peter Bürger herausgegeben wird, hat auch die gewerkschaftliche Basisinitiative »Sagt NEIN! – Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarisierung und Burgfrieden« Überlegungen beigesteuert. Daraus im Folgenden die Kernpunkte, ergänzt um einige Anmerkungen zur katholischen Position.

Alternativlose Gewalt

Im November 2025 beschloss der Rat der EKD die Denkschrift »Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick«. Das Papier markiert nicht weniger als eine Abkehr von zentralen friedensethischen Positionen der EKD, wie sie über Jahrzehnte – nicht zuletzt seit der Friedensdenkschrift von 2007 – vertreten wurden. Mit der neuen Denkschrift verfällt die Evangelische Kirche, wie friedensbewegte Kreise bemerkten, dem »Mythos der erlösenden Gewalt«³:

– militärische Mittel werden jetzt sogar im Atomzeitalter (das bislang am Sinn von Kriegen zweifeln ließ) als »politisch notwendig« akzeptiert,

– Aufrüstung und Abschreckung (wobei sich Letztere notfalls auch präventiver Gewalteinsätze bedienen muss) sollen ethisch eingehegt und

– zivile und gewaltfreie Alternativen wie überhaupt die Vision eines gewaltfreien globalen Zusammenlebens marginalisiert werden.

Krieg erscheint so nicht mehr als Scheitern der Politik angesichts christlicher Ideale, die auch und gerade für Staatenlenker gelten sollen, sondern als legitimierbares Instrument staatlichen Handelns – je nachdem, welches Bedrohungsszenario entworfen wird, das dann die Verrichtung militärischer »Drecksarbeit« verlangt.

Dazu wollen auch kritische Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter nicht schweigen, sondern den Protest der christlichen Basis unterstützen. Wie »Sagt NEIN!« betont, erleben die DGB-Mitglieder seit der ausgerufenen »Zeitenwende« in ihren eigenen Organisationen ebenso, wie rasch sich friedenspolitische Grundsätze auflösen, wenn staatliche Machtpolitik als alternativlos gilt. Aufrüstung wird normalisiert, Militarisierung moralisch unterfüttert, soziale Kosten werden relativiert – und Kritik aus den eigenen Reihen gerät unter Druck.

Genau diesen Prozess können oppositionelle DGBler nun auch in der Evangelischen Kirche beobachten. Sie wollen das nicht als unbeteiligte Beobachter kommentieren, die von außen auf eine bedenkliche Entwicklung blicken, sondern als solidarische Kritikerinnen und Kritiker, die wissen, wovon sie sprechen. So wie sie den DGB und seine Einzelgewerkschaften an ihren eigenen Beschlüssen messen, messen sie auch die EKD an den christlichen Grundlagen.

Ordnung der Unordnung

Schon der Titel der Denkschrift verrät mehr, als er vermutlich will. Wenn von einer »Welt in Unordnung« die Rede ist, entsteht der Eindruck, als sei diese Unordnung gleichsam über uns hereingebrochen – vom Himmel gefallen, aus der Hölle gekrochen oder Ergebnis eines plötzlichen moralischen Verfalls. Das aber ist eine Verzerrung.

Die gegenwärtige gewalttätige, sozial zutiefst spaltende und den Planeten existentiell bedrohende »Unordnung« ist kein Zufall, keine Anomalie, auch nicht Ergebnis einer anonymen Entwicklung, die die Menschheit vor »Herausforderungen« stellt, wie die politischen Führer stets betonen. Sie ist auch nicht das Werk einer Handvoll Autokraten, die als Anführer von Schurkenstaaten »unsere« moralisch einwandfreie Weltordnung in Frage stellen. Sie ist im Gegenteil das konsequente, erwartbare und erklärbare Ergebnis der herrschenden Wirtschaftsordnung: eines globalisierten, kapitalistisch-imperialen Reproduktionsregimes, das auf Konkurrenz, Ausbeutung, militärischer Absicherung von Interessen und systematischer Externalisierung von Kosten beruht. Das ist eine Erkenntnis, die auch den Kirchen an anderer Stelle durchaus bekannt ist – wenn etwa die beiden letzten Päpste von der globalisierten Marktwirtschaft als einem mörderischen System sprachen: »Diese Wirtschaft tötet« (vgl. »Geliebte Armut«, junge Welt, 10.12.2025).

Die herrschenden Zustände sind eben keine »Unordnung«, sondern die Ordnung der Herrschenden. Wer aber diese Ordnung nicht als Problem benennt, sondern ihre Folgen als diffuse »Unordnung« beschreibt, entpolitisiert die Ursachen. Die Gewalt erscheint dann als tragisches Geschehen und nicht als Resultat konkreter ökonomischer, politischer und militärischer Machtverhältnisse. So wird Widerstand gegen die tatsächlichen Urheber erschwert: Das System gerät aus den Blick. Beklagt werden einzig dessen Folgen, wobei die Schuldigen woanders gesucht werden: bei den mit Deutschland konkurrierenden Staatenlenkern.

Auf Regierungskurs

Die EKD-Denkschrift markiert einen deutlichen Bruch mit früheren friedensethischen Positionen. Der »Schutz vor Gewalt« wird zum dominanten Maßstab erhoben, während militärische Mittel als »politisch notwendig« akzeptiert werden, schließlich sei militärische Überlegenheit, ergo Aufrüstung, zur Abschreckung notwendig. Zivile Konfliktbearbeitung, internationale Rechtsdurchsetzung und gewaltfreie Alternativen spielen nur noch eine untergeordnete Rolle.

Besonders problematisch ist, dass die Ächtung von Atomwaffen zwar für »ethisch geboten«, politisch aber für »unverantwortlich« gehalten wird. Damit wird der eigene erkennbare und sogar benannte ethische Widerspruch nicht aufgelöst, sondern für die Kriegstreiber politisch verwertbar gemacht. Hinzu kommt, dass der offensive militärische Anspruch, der imperialistischer Politik immanent ist, in der Denkschrift explizit den kirchlichen Segen erhält: »Wenn friedliche Mittel der Konfliktbearbeitung ausgeschöpft sind und bewaffnete Gegenwehr die einzig verbleibende Möglichkeit zur Abwehr einer existentiellen Bedrohung darstellt, kann aus ethischer wie völkerrechtlicher Perspektive eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein.« »Präventiv«, also aus dem eigenen, selbstgerechten Anspruch, die Welt in gut und böse, in willfährige Partner und unbotmäßige Gefährder einzuteilen – das darf demnach die deutsche Nation bei ihrem dritten Versuch zum »Griff nach der Weltmacht«.

Diese Entwicklung ist innerhalb der Evangelischen Kirche keineswegs unumstritten. Zahlreiche Stimmen aus der kirchlichen Friedensarbeit, aus Initiativen, Netzwerken und Stiftungen kritisieren, dass die Denkschrift militärische Logiken stabilisiert, zivile Optionen marginalisiert und sich eng an die sicherheitspolitischen Deutungen von Bundesregierung, NATO und EU anlehnt. Zu nennen sind hier insbesondere die Stellungnahmen der »Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden« (AGDF) sowie der »Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung«. Letztere attestiert dem EKD-Papier, dass es »hinter die Charta der Vereinten Nationen und hinter den aktuellen friedensethischen Diskurs« zurückfalle, dem »Mythos der erlösenden Gewalt verfällt«, und warnt vor einem neuen staatskirchlichen Anpassungsprozess.

Antimilitaristische Kritik, wie sie »Sagt NEIN!« vertritt, richtet sich bewusst an die Evangelische Kirche – nicht, weil Kirche per se friedensfähig wäre, das war und ist sie allzu häufig gerade nicht, sondern weil sie in Deutschland aus einem Bruch mit überkommener Herrschaftslegitimation hervorgegangen ist. Für diesen Bruch stand einst die Reformation, auch wenn Martin Luther mit seiner publizistischen Unterstützung der brutalen Unterdrückung aufständischer Bauern gleich die nächste Variante der Legitimation herrschaftlicher Gewalt lieferte. Später hat die »Barmer Theologische Erklärung« der Bekennenden Kirche von 1934 sich von solchen legitimatorischen Traditionen freizumachen versucht. Seitdem steht sie als Beispiel für die konsequente und mutige Einsicht, dass sich Kirche weder staatlichen Machtansprüchen unterordnen noch ihre Botschaft den jeweils herrschenden politischen Logiken anpassen muss.

An diesem Maßstab sollte man die aktuelle EKD-Denkschrift messen. Die Barmer Erklärung kann zu einer klaren Absage an die Selbstgerechtigkeit einer wertebasierten Weltordnung motivieren, in der die maßgeblichen Staaten die unmaßgeblichen mit ihrer Kommandogewalt konfrontieren und in der sie die eigene Machtpolitik von grundlegender ethischer und politischer Kritik ausnehmen wollen. Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, dass die EKD-Denkschrift sicherheits- und militärpolitische Grundannahmen der Bundesregierung weitgehend übernimmt und in eine eigene ethisch getönte Sprache übersetzt. Nicht durch offene Kriegsrhetorik, sondern durch wohlabgewogene, moralisch anspruchsvolle Scholastik wird ein Kurs mitgetragen, der Aufrüstung, Waffenlieferungen und Abschreckung (inklusive präventiver Kriegführung) als politisch notwendig erscheinen lässt. Gerade diese Form der Zustimmung wirkt im gegenwärtigen Militarisierungsprozess eskalierend – weil so staatlicher Kriegslogik zusätzliche moralische Legitimation verschafft wird.

Entscheidend ist dabei, dass durch den Leitungsgremiumsbeschluss des EKD-Rates ein offizieller Deutungsrahmen entsteht, der nach innen wie nach außen wirksam ist. Kritische Stimmen geraten dadurch unter Druck: nach außen, weil sich Befürworter von Militarisierung auf kirchliche Autorität berufen können; nach innen, weil Widerspruch nun als Abweichung von der »verantworteten Linie« erscheint. Und auch für Kriegsdienstverweigerer, die sich – im Sinne einer langen gewaltfreien Tradition – auf Jesus von Nazareth als Vorbild berufen wollen, wird es demnächst im deutschen Prüfungsverfahren zur Kriegsdienstverweigerung schwer: Sie werden bei Bedarf die kirchliche Autorität gegen sich haben.

Problematische Pazifisten

Die neue EKD-Denkschrift steht exemplarisch für einen breiteren gesellschaftlichen Trend: für den Rückzug kritischer Institutionen in einen neuen Burgfrieden, der zu politischer Unterwerfung, gesellschaftlicher Militarisierung und aktiver Kriegsvorbereitung führt.

Und wie sieht es auf katholischer Seite aktuell aus? Die Deutsche Bischofskonferenz hatte zunächst am 21. Februar 2024 während ihrer Frühjahrsvollversammlung das Friedenswort »Friede diesem Haus« vorgelegt. Der Text holt – ähnlich wie die EKD-Denkschrift – auf 175 Seiten weit aus und stellt sich in die Tradition der friedensethischen Grundlagentexte »Gerechtigkeit schafft Frieden« (1983) und »Gerechter Friede« (2000). Die erstgenannte Schrift erschien im Kontext der »Nachrüstungs«-Debatte und der damaligen Massenproteste. Die in ihr getroffene Feststellung, »dass die Strategie der nuklearen Abschreckung nur befristet und verbunden mit der Pflicht, mit aller Anstrengung nach Alternativen zur Androhung von Massenvernichtung zu suchen, ethisch tolerierbar ist, hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren«. Das hielt die DBK im Jahr 2000 fest, als sie nach dem Ende der Blockkonfrontation mit »Gerechter Friede« nachlegte; dort wurde auch noch einmal betont, dass der Rückgriff auf militärische Mittel »allenfalls am Ende jedweder Bemühungen um eine Konfliktbewältigung stehen kann, vor allem die Chancen der Gewaltprävention dadurch nicht beeinträchtigt werden dürfen«.

Das neue Bischofswort, dessen Ausarbeitung bereits vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine begann, will die zahlreichen Krisenherde auf der Welt in den Blick nehmen und nach einem Weg suchen, diese zu überwinden. Dabei fallen durchaus auch kritische Töne, etwa zur Praxis der Bundeswehr und zu deren Rolle als »Armee im Einsatz«, wie sie sich jahrzehntelang selbst verstand, bevor nach dem Afghanistan-Krieg plötzlich die Landesverteidigung wiederentdeckt wurde. Ein Beispiel mit durchaus treffenden Bemerkungen: »Die Erfahrungen der sehr unterschiedlichen Interventionen in Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Irak, Libyen und Mali sind äußerst ernüchternd. Wir sehen ein Grundproblem darin, dass es den – meist von der UN mandatierten – Interventionen nur mittelbar um das Wohl der betroffenen Menschen ging und eine klare Orientierung auf das Gemeinwohl der betroffenen Bevölkerung nicht wirklich erkennbar war und ist.«

Was den Grundtenor betrifft, zeigt sich aber der gleiche Kurs wie bei der EKD. Der katholische Theologieprofessor und Friedensforscher Egon Spiegel resümierte in einem Gastkommentar für Domradio.de (24.2.2024): »Überraschend Neues kann man den Ausführungen nicht entnehmen, eine ethische Alternative zu den im Blätterwald vertretenen Standpunkten sucht man vergebens. Rückgriffe auf die Kerninhalte der Friedensprogrammatik Jesu – Fehlanzeige. Von der Bergpredigt mit ihren Seligpreisungen jener, die auf Gewalt verzichten, keine Spur. In einem späteren historischen Rückblick wird man auch dieses Wort als bloße, nicht wirklich weiterführende, ebenso wortreiche wie blasse Rhetorik erinnern. Militärische Gewalt als Ausnahme – das vertreten, in Anlehnung an ein Zitat aus der Bergpredigt, ›sogar die Heiden, die Gott nicht kennen‹. Ins Auge sticht allerdings im Friedenswort die durchgängig defensive, implizite wie explizite, Abgrenzung von einem imaginären pazifistischen ›Lager‹ mit den dort vorausgesetzten Positionen. Reiben sich die Bischöfe an mit dem Schlagwort ›Pazifismus‹ gebündelten Überzeugungen an Stelle einer fundamentalen Beschäftigung mit der originären Friedensethik Jesu und ihren politischen Folgerungen?«

Abschreckung muss sein

Michael von der Schulenburg hat für seinen Artikel in der jungen Welt vom 15./16.11.2025 die sonst sehr rührige katholische Friedensorganisation »Pax Christi« angefragt, ob sie sich nicht vom kirchlichen »Absegnen der eigenen Kriegstüchtigkeit« distanzieren möchte. Zu einem solchen Einspruch besteht ja auch aller Grund.

Die von Spiegel gestellte Frage muss nun, da die DBK-Erklärung vom 13. Oktober »zur Debatte um den Wehrdienst« vorliegt, rundum mit »Ja« beantwortet werden. »Sie liest sich«, so Michael von der Schulenburg in einem offenen Brief an die katholische Friedensbewegung »Pax Christi«, »wie eine Rechtfertigung von Kriegsvorbereitungen. Dabei werden die Kriegsnarrative der Bundesregierung völlig unkritisch übernommen.« Alle Schuld liegt bei Russland; das Vorrücken der NATO – deren »Bellen vor den Toren Russlands« Papst Franziskus noch für die Eskalation mitverantwortlich machte – kommt nicht vor; die Lüge, dass »wir« uns immer nur verteidigen, während die anderen völkerrechtswidrig handeln, wird, ohne mit der Wimper zu zucken, aufgetischt. »Die realistischen Bedrohungsszenarien erfordern politische und militärische Antworten auf verschiedenen Ebenen.« Realistisch sind selbstverständlich die Szenarien, wie sie Kriegspropagandisten, Rüstungslobbyisten und Geheimdienste liefern – wir erinnern uns an die Lügen über die Massenvernichtungswaffen, die den Irak-Krieg 2003 begründeten. Die Erklärung fährt fort: »Dazu gehört die Gewährleistung einer angemessenen Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeit.« Auch zu den früher so beredt vorgetragenen Bedenken hinsichtlich der atomaren Bewaffnung fällt kein Wort. »Mit Blick auf den Wehrdienst empfehlen wir, sich am schwedischen Modell zu orientieren, wie es der Gesetzentwurf der Regierung grundsätzlich vorsieht. Er zielt auf die Gewinnung von freiwillig Wehrdienstleistenden. Erst im Falle, dass auf diesem Wege die erforderlichen Rekrutierungen nicht gewährleistet werden können, kann die Bundesregierung die Wehrpflicht wieder einführen.« Also genau das, was die Regierenden wollen, empfehlen auch die Bischöfe! Das Ganze soll natürlich nur dazu dienen, wie es schon im Feldgesangbuch von 1939 hieß, »den Frieden zu wahren und den heimischen Herd zu beschützen«.

Georg Auernheimer schrieb schon 2023: Der neue »Führungsanspruch« der Nation »wird zur moralischen Pflicht erklärt, begründet mit der großen Verantwortung innerhalb der Europäischen Union, aber auch gegenüber der Welt insgesamt und gegenüber der deutschen Vergangenheit«.4 Und, wie man jetzt von den christlichen Kriegstheologen erfährt, auch aus Verantwortung vor Gott.

Anmerkungen

1 Vgl. https://www.deutschlandfunk.de/erster-weltkrieg-patriotischer-aufruf-der-kirchen-zum-krieg-100.html

2 Vgl. https://schreibdasauf.info/katholische-kriegspropaganda

3 www.ohne-ruestung-leben.de, 10.11.2025

4 junge Welt vom 26.6.2023

Andreas Buderus und Johannes Schillo sind Aktivisten der Basisinitiative »Sagt NEIN! – Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarisierung und Burgfrieden«. An dieser Stelle schrieben sie zuletzt am 13. Juni 2025 eine Kritik an dem Manifest einiger SPD-Mitglieder zur Kriegsfrage: »Ein bisschen Frieden«

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Reinhard L. aus Frankfurt/Main (15. Januar 2026 um 23:26 Uhr)
    Am 15. August konnte der katholische Würzburger General-Anzeiger den Kriegsbeginn kaum erwarten. Da war nichts mehr zu erwarten. Der Erste Weltkrieg begann am 1. August, also einen Monat früher im Jahr als der Zweite. Als die Würzburger Schreiberlinge tätig wurden, standen deutsche Truppen bereits in Belgien und russische in Ostpreußen.
  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (12. Januar 2026 um 06:24 Uhr)
    Die Kirche ist als Institution primär geduldeter Teil des gesellschaftlichen Überbaus. Hier hat sie die Aufgabe, die moralisch-ethische Flanke abzudecken, die es nun einmal braucht, um die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu stabilisieren. Der unerträgliche Burgfrieden, den der Artikel so treffend beschreibt, ist der Preis dafür, dass sie mit am Tisch sitzen darf. Dass sie dabei in einer stockreaktionären Gesellschaft nur stockreaktionär sein kann: Wen kümmert’s? Sie selber kümmert es deshalb auch nicht, dass im theologischen Grundverständnis auch der gegnerische Mensch ein Geschöpf Gottes ist, und Gottes Gebot lautet: Du sollst nicht töten! Gott hat sie längst aus der Kirche ausgeschlossen.

Ähnliche:

  • Wie alles begann: Krankenhausbeschäftigte am 15. Februar in Sydn...
    01.07.2022

    Streiks im Herzland

    Australien, New South Wales und Canberra: Zehntausende Krankenhausbeschäftigte und Lehrkräfte im Ausstand. Bummelstreiks von Lokführern
  • Glaubensrichtung auf Abwegen: Kein Tarifvertrag, kein Betriebsve...
    07.06.2022

    Göttliche Sonderrolle

    Katholische Kirche: Bischöfe wollen »dritten Weg« beim Arbeitsrecht in konfessionellen Einrichtungen beibehalten. Gewerkschaften fordern Abschaffung