Kapitulation abgelehnt
Von Nick Brauns
In der syrischen Großstadt Aleppo setzten sich die schweren Gefechte zwischen Regierungstruppen und kurdischen Verteidigungskräften am Freitag nach einer mehrstündigen Waffenruhe fort. Kampfverbände hatten am Dienstag mit dem Artilleriebeschuss von Wohngebieten der beiden Stadtviertel Aschrafija und Scheich Maksud begonnen, in denen rund 500.000 Einwohner, vor allem Kurden, aber auch Christen leben. Dutzende Zivilisten wurden bislang getötet oder verwundet, Zehntausende sind geflohen. Das einzige Krankenhaus ist zerstört.
Nachdem es den mit Panzern vorrückenden Truppen gelungen war, am Donnerstag abend in Randgebiete der Stadtviertel einzudringen, hatte die Regierung den kurdischen Verteidigungskräften ein Ultimatum bis Freitag vormittag für einen Abzug aus Aleppo gestellt und dafür rund 50 Busse bereitgestellt. »Wir haben den klaren Entschluss gefasst, in unseren Vierteln zu bleiben und sie mit allen Mitteln zu verteidigen«, wiesen die Volksräte von Aschrafija und Scheich Maksud die geforderte Kapitulation zurück. »Wir glauben nicht, dass wir unsere Sicherheit und die Sicherheit unserer Viertel Kräften überlassen können, die unser Volk angreifen, vertreiben und ermorden.« Ziel der Angriff sei es, die demographische Struktur der Stadt durch neue Vertreibungen zu verändern.
In Aschrafija und Scheich Maksud wurde bereits vor 14 Jahren während des Bürgerkriegs eine Selbstverwaltung etabliert. »Während dieser Zeit leisteten die kurdische Bevölkerung und andere Bevölkerungsgruppen auf der Grundlage des revolutionären Volkskrieges Widerstand und verteidigten ihre Gebiete«, berichtete Emine Osê vom kurdischen Frauenverband Kongra Star in Nordsyrien am Donnerstag gegenüber junge Welt. Im April war die Eingliederung der Stadtteile in den syrischen Staat vereinbart worden – bei Wahrung ihrer Selbstverwaltung und mit eigenen Verteidigungskräften. Doch schon seit Monaten blockieren Regierungstruppen die Viertel.
Dschihadistische Kampfverbände, darunter aufgrund ihrer Kriegsverbrechen selbst von westlichen Staaten auf Sanktionslisten geführte Milizen wie Al-Amschat, Al-Hamsat und Nur Al-Din Al-Zenki, unternahmen am Freitag erneute Angriffe auf Scheich Maksud, die aber nach Angaben der kurdischen Verteidiger abgewehrt wurden.
Diese angreifenden Einheiten »unterstehen zwar nominell dem Verteidigungsministerium in Damaskus, sie erhalten ihre Befehle jedoch tatsächlich vom türkischen Staat und handeln entsprechend«, betont Emine Osê. Immer, wenn sich eine Vereinbarung zwischen der Selbstverwaltung in Nordsyrien und der Regierung in Damaskus abzeichnete, würden »durch den Druck und die direkte Intervention des türkischen Staates selbst Angriffspläne in Gang gesetzt«, meint Osê. So begannen die jetzigen Angriffe nach einem Treffen der Führung der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mit Regierungsvertretern, auf dem über die Eingliederung der SDF als Block in die syrische Armee verhandelt wurde. Ankara fordert dagegen die Entwaffnung der kurdischen Kämpfer.
»Was heute in Aleppo geschieht, ist eine humanitäre Katastrophe«, warnte Emine Osê. »Zahlreiche Verletzte, überwiegend Frauen und Kinder, dürfen nicht herausgebracht werden. Die Strom- und Wasserversorgung ist unterbrochen, das Internet abgeschaltet. Die Menschen haben in der Winterkälte keine Möglichkeiten, sich zu wärmen.«
Unbeeindruckt von der Lage in Aleppo zeigten sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa, die am Freitag in Damaskus Syriens Präsident Ahmed Al-Scharaa zusammentrafen, um über die Rückkehr von Flüchtlingen zu sprechen. »Nach Jahrzehnten der Angst und des Schweigens begannen die Syrer eine lange Reise hin zu Hoffnung und Erneuerung« verkündete von der Leyen auf X.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Karam al-Masri/REUTERS09.01.2026Ankara am Abzug
IMAGO/Anadolu Agency06.01.2026Schwierige Deeskalation in Syrien
Christoph Hardt/IMAGO/Panama Pictures31.12.2025Neujahrsbotschaft von Abdullah Öcalan
Mehr aus: Ausland
-
Es kommt auf jeden Einzelnen an
vom 10.01.2026 -
Vermittlung wird zur Komplizenschaft
vom 10.01.2026 -
Vermittlung wird zu Komplizenschaft
vom 10.01.2026 -
Geht es Washington wirklich nur ums Öl?
vom 10.01.2026 -
Ohne Kommentar
vom 10.01.2026 -
Waffenruhe mit Toten
vom 10.01.2026 -
Zionismus muss enden
vom 10.01.2026 -
Terror und Deportationen
vom 10.01.2026