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Aus: Ausgabe vom 09.01.2026, Seite 15 / Feminismus
»Regretting Motherhood«

Kind ja, Mutterrolle nein

»Regretting Motherhood«: Frauen äußern sich zunehmend öffentlich, Studien zu Hintergründen noch Mangelware. Männer bereuen ebenso oft
Von Claudia Wrobel
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Symbolbild für die Empfindungen bereuender Mütter: Eingesperrt im Alltag mit Kind

Die Erwartungshaltung ist klar: gut erzogene Kinder, die in der Gesellschaft nicht auffallen; Mütter, die so viele Stunden wie möglich arbeiten und dabei Karriere machen, deren Nachwuchs gleichzeitig so kurz wie möglich fremdbetreut ist. Dabei bleiben diese Frauen natürlich absolut vorzeigbar und in Form, während die Kinder bestmöglich gefördert werden. Die Anforderungen an Eltern, und dabei im besonderen Maße an Mütter, sind nicht nur widersprüchlich, sie steigen auch in allen Bereichen.

Da verwundert es kaum, dass der etwa zehn Jahre alte Terminus »Regretting Motherhood«, also die »bereute Mutterschaft« gerade wieder im Aufwind ist. Dabei geht es den Frauen vor allem darum, aufzuzeigen, dass sie es bereuen, mit den gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert zu sein – also der patriarchal geprägten Mutterrolle. Betroffene, die sich in den sogenannten sozialen Medien oder frisch erschienen Büchern dazu zu Wort melden, stellen klar, dass sie ihre Kinder lieben.

Auffällig ist dabei, dass sich trotz eines sich verändernden Rollenverständnisses fast ausschließlich Mütter entsprechend öffentlich äußern. Orna Donath sieht dafür vor allem kulturelle Überzeugungen verantwortlich, wonach Frauen durch Mutterschaft ihre Daseinsberechtigung erfüllen und ein heteronormativer Lebensweg die Mutterschaft als wichtigen Entwicklungsschritt betrachtet. Die israelische Soziologin prägte den Begriff »Regretting Motherhood« mit einer 2015 erschienenen Studie. Von daher ist es kein Wunder, dass Väter in diesem Bereich kaum eine Rolle spielen. Ergebnisse einer deutschen Untersuchung aus dem vergangenen Jahr legen allerdings nahe, dass es nur geringe Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, wenn Menschen ihre Elternschaft bereuen.

Professorin Doris Erbe von der FH Dortmund hat Daten des deutschen Beziehungs- und Familienpanels Pairfam von 2020 ausgewertet, in denen Menschen angeben, dass sie ihre Elternschaft bereuen. Elf Prozent von ihnen erklärten, dass sie sich nicht wieder für Kinder entscheiden würden, mit dem Wissen, das sie durch ihre Elternschaft haben. Eine Zahl, die sich mit anderen Studien aus beispielsweise Polen oder den USA deckt. Im Ergebnis war die bereute Elternschaft mit einem niedrigeren Lebensalter der Eltern, ausgeprägteren depressiven Symptomen, einem höheren Alter des jüngsten Kindes, höheren wahrgenommenen psychosozialen Kosten durch die Kinder sowie einem geringeren sozioökonomischen Status assoziiert. So sind Elternpaare mit drei Kindern in Deutschland beispielsweise dreimal stärker armutsgefährdet als Personen mit bis zu zwei Kindern; und nahezu jede zweite alleinerziehende Person ist in Deutschland armutsgefährdet.

Kein signifikanter Zusammenhang zeigte sich demnach zwischen Beziehungsstatus und bereuter Elternschaft. Das weise darauf hin, dass andere Variablen wie Depressivität oder finanzielle Zufriedenheit relevanter sind, heißt es in der Auswertung. Die Forderungen, die Erbe aus den Ergebnissen für die Praxis ableitet, gehen jedoch nicht in Richtung einer umfassenderen materiellen Absicherung für Eltern und niedrigschwelliger Unterstützung bei Kinderbetreuung und -erziehung. Mit Blick auf die Bedeutung des Alters wird nahegelegt, junge Menschen vor einer Familiengründung »über den optimalen Zeitpunkt und die idealen Rahmenbedingungen« zu informieren, um »somit bereuter Elternschaft entgegenzuwirken«.

Eine aktuell laufende Studie (»Beyond the ­Picture-Perfect: Who Regrets Becoming a Parent?«) an der Health and Medical University Potsdam verweist in der Beschreibung des Projekts zudem auf Aussagen Betroffener, die in Onlineforen geäußert wurden. Wiederkehrende Themen seien demnach unerfüllte Erwartungen an die Elternschaft, eingeschränkte Autonomie, übermäßige Opferbereitschaft und Identitätsverlust bei Eltern, die bereuen. Allerdings sei die quantitative Forschung zu den Ursachen bislang begrenzt. Auch hier wird aus den vorliegenden Analysen der Schluss gezogen, dass das Bereuen bei beiden Geschlechtern gleichermaßen vorkomme und es einen engen Zusammenhang zwischen geringerer Bildung und finanziellen Schwierigkeiten gibt. Aus feministischer Perspektive interessant ist das, was (nichtrepräsentative) Untersuchungen unter Vätern ergeben haben: Hier wurde bislang kein Zusammenhang zwischen dem Bedauern über die Vaterschaft und finanziellen Belastungen, geringerem Bildungsniveau und beruflicher Unsicherheit festgestellt.

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  • Leserbrief von Holger (9. Januar 2026 um 00:39 Uhr)
    Das ist leider von der falschen Seite betrachtet: Wenn das Kind erst einmal in der Welt ist, dann müssen eigene Befindlichkeiten in den Hintergrund treten. Hier von Depressionen, »unerfüllten Erwartungen an die Elternschaft« usw. zu sprechen, ist fehlgeleitet. Dieser neue Mensch kann doch nichts dafür, wenn man mit dem Leben hadert. Er braucht Hilfe, um sich in diesem, seinen eigenen Leben zurecht zu finden, in der Lage zu sein, Entscheidungen zum eigenen Wohle zu treffen. Diese Verantwortung hat man als Eltern und darf sie nicht in Frage stellen. Dazu gehört leider auch, diesem neuen Menschen Normen beizubringen, denen man selbst eventuell nicht voll zustimmt. Aber sie sind notwendig, damit er später nicht verzweifelt. Wir sind alle Teil einer Gesellschaft, ob uns das nun passt oder nicht. Die von der Mehrheit dieser Gesellschaft anerkannten Regeln zumindest zu kennen, ist unerlässlich. Sie zu hinterfragen und für sich neu zu definieren, das hat bisher noch jede Generation getan, meistens in ihrem Jugendalter. Auch dessen muss man sich als Elternteil bewusst sein und diese Entwicklung mindestens tolerieren, idealerweise aber mitgehen. – Da gibt es nichts zu bereuen. Eltern zu werden (egal ob gewollt oder zufällig), ist ein Schritt, der nicht rückgängig gemacht werden kann. Also muss man ihn annehmen und das Beste daraus machen.

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