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Aus: Ausgabe vom 09.01.2026, Seite 4 / Inland
Brandanschlag auf Berlins Stromnetz

»Vulkangruppe« vs. »Vulkangruppe«

Nach Brandanschlag in Berlin: Verwirrung um Bekennerschreiben und Kampf um Deutungshoheit
Von Philip Tassev
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Der Südwesten Berlins lag nach dem Kabelbrand tagelang im Dunkeln (5.1.2026)

Die Geschichte rund um den großen Stromausfall, der den Südwesten Berlins in tagelange Kälte und Dunkelheit gestürzt hatte, wird immer absurder. Während die Berliner Politik darüber streitet, ob es angebracht war, dass Bürgermeister Kai Wegner (CDU) am Sonnabend Tennis spielte, obwohl zur gleichen Zeit 50.000 Haushalte ohne Strom und Heizung waren, findet im Internet ein Schlagabtausch der ganz anderen Art statt. Mit mehreren »Bekennerschreiben« kämpfen bislang Unbekannte um die Deutungshoheit über den Brandanschlag, der zum Stromausfall geführt hatte – und um den Anspruch, die originale »Vulkangruppe« zu repräsentieren.

Das erste Schreiben, in dem sich eine »Vulkangruppe« zu dem Anschlag bekannt hatte, war bereits kurz nach der Aktion am 4. Januar an diverse Medien verschickt worden. In dem Text wurde das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde als das Ziel des Anschlags genannt. »Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft«, hieß es. Die Gefährdung von Menschenleben sei »zu jedem Zeitpunkt« ausgeschlossen gewesen.

Nachdem Politiker und Journalisten über eine mögliche russische Spur spekuliert hatten, meldete sich am 6. Januar wieder eine »Vulkangruppe« zu Wort, diesmal auf dem Nachrichtenportal Knack.news. Dort wurde zurückgewiesen, dass hinter der Aktion ein »fremder Geheimdienst« steht, und noch einmal betont: »Unser Handeln richtete sich nicht gegen Menschen, sondern gegen eine Infrastruktur, die tagtäglich Menschen, Umwelt und Zukunft zerstört.« Für die betroffenen »Menschen vor Ort« hatten die Verfasser diese Botschaft: »Niemand von uns ignoriert, dass der Ausfall von Strom für viele eine reale Belastung bedeutet – insbesondere für Alte, Kranke, Kinder und all jene, die ohnehin am Rand dieser Gesellschaft stehen. Diese Härten sind nicht zufällig, sondern Ergebnis eines Systems, das kritische Versorgung zentralisiert, profitorientiert organisiert und bewusst verwundbar macht.«

Daraufhin tauchte einen Tag später, am 7. Januar, auf der Plattform Indymedia ein weiteres Schreiben auf, in dem sich die »Vulkangruppe der Jahre 2011« sowohl von dem Anschlag am Sonnabend als auch »von allen Aktionen der letzten Jahre, die unter unserem Namen oder mit Bezug auf uns durchgeführt wurden« distanziert. Der oder die Autoren machen deutlich: »Unser Ziel waren Bundeswehreinsätze, deutsche Kriegsbeteiligung und Waffenexporte. Infrastruktur war für uns kein Selbstzweck und kein Spielfeld, sondern Symbol und Träger militärischer Gewalt nach außen. Unsere Interventionen richteten sich gegen Kriegspolitik, nicht gegen gesellschaftliche Grundversorgung, nicht gegen Menschen im Alltag.«

Die ursprüngliche »Vulkangruppe« habe immer einen defensiven Ansatz gehabt. »Wir wollten Unterbrechung, nicht Eskalation. Störung von Normalität, nicht ihre Zerstörung.« Allerdings habe sich »mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2014« der Kontext »verschoben«. Man habe Abstand von militanten Aktionen genommen, weil man in einer Welt, »in der alte und neue autoritäre Staaten offen Grenzen verschieben«, kein »Teil einer Dynamik« sein wollte, »in der Kritik an Militarismus mit der faktischen Schwächung von Gesellschaften zusammenfällt«.

Am Donnerstag kurz nach Mitternacht erschien dann auf Indymedia ein weiterer absurder Text mit dem Aufruf »Den Reichen den Strom wegnehmen«, in dem beklagt wurde, die Presse differenziere nicht zwischen den verschiedenen »Vulkangruppen«, dabei stehe dahinter mittlerweile eine ganze »Bewegung«. Aktionen seien »nicht weniger links, nur weil du ihnen nicht zustimmst«. »Aus diesem Grund« habe man Zeitzünder an der »Stromzufuhr« für das nicht gerade als Bonzenviertel bekannte Marzahn-Hellersdorf angebracht.

Am Donnerstag mittag wurde schließlich das bisher letzte Schreiben aus der Reihe »Vulkangruppe« veröffentlicht, eine »Antwort auf die Distanzierung der ehemaligen Vulkangruppe«. Den »Ehemaligen« wird darin »Defätismus« und Burgfriedenspolitik vorgeworfen, Angriffe auf zivile Infrastruktur werden prinzipiell gerechtfertigt und weitere Aktionen angekündigt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (9. Januar 2026 um 01:13 Uhr)
    »Dort wurde zurückgewiesen, dass hinter der Aktion ein ›fremder Geheimdienst‹ steht«. Diesen Satz sollte man so nehmen, wie er dasteht. Wer könnte das denn wissen?

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