Im Zwiespalt
Von Wolfgang Nierlin
»Ich bin jetzt obdachlos«, sagt Rose (Marie Bloching) in einer Mischung aus Galgenhumor und Enttäuschung zu Samuel (Anton Weil). Von ihrer Freundin verlassen, steht sie mitten in der Nacht im Schlafzimmer ihres älteren Bruders, um schließlich am Fußende seines Bettes zu schlafen. In den folgenden Tagen richtet sich die junge Arzthelferin provisorisch auf dem Sofa im Wohnzimmer ein, was sich sehr selbstverständlich anfühlt. Denn Samuel, der als Koch arbeitet, und Rose haben eine vertraute, enge Beziehung. Zusammen schwimmen sie im See oder hängen mit Freunden am Bolzplatz ab. Rose wirkt offen, kommunikativ und flirtet gern, was auch eine Rolle spielt in dem Aktzeichenkurs, den sie besucht. Doch dann wird sie eines Nachts von Geräuschen geweckt, die aus Samuels Zimmer kommen. Offensichtlich ist er nicht allein.
In Sarah Miro Fischers verhalten erzähltem Debütfilm »Schwesterherz«, der mit großer Intimität seine Heldin begleitet, verändert sich daraufhin das geschwisterliche Verhältnis. Als Rose eine polizeiliche Vorladung erhält, weil Samuel in besagter Nacht seine Begleiterin vergewaltigt haben soll, beginnt sie, an ihrem Bruder zu zweifeln. Misstrauen schleicht sich bei ihr ein. Trotzdem versucht sie, bei der konzentriert inszenierten Vernehmung Samuel zu schützen, und lügt, obgleich die Sprache ihres Körpers etwas anderes sagt. Immer öfter gerät die sonst so kommunikative Rose ins Stocken, bis für sie der Konflikt zwischen Loyalität, Schuld und Gerechtigkeit kaum noch auszuhalten ist. Rose stellt sich schließlich der eigenen Verantwortung, um ihr Selbstbewusstsein zurückzugewinnen.
In stark gedehnten Szenen, die das Geschehen außerhalb des Bildrahmens oft indirekt über den Ton vermitteln, folgt der Film dem schwelenden, zunehmend schmerzlichen Bewusstwerdungsprozess seiner Protagonistin. Die anfangs dynamische Kamera wird immer ruhiger, statischer, schließt die Verunsicherte in den Bildern ein, bis sie handelt.
Nicht alles ist schlüssig in diesem Film, etliches ungereimt und plakativ. Etwa wenn sich Samuel nach seiner Tat von der Schwester in einem symbolischen Akt die Haare rasieren lässt. Oder wenn sich Rose in einer besonders spekulativen Szene in die Täterrolle einzufühlen sucht. Trotzdem bietet der Film Ansatzpunkte für eine Diskussion, in der neben dem geschwisterlichen Loyalitätskonflikt auch die vermeintliche »Normalität« von Tätern hinterfragt werden könnte.
»Schwesterherz«, Regie: Sarah Miro Fischer, Deutschland/Spanien 2025, 96 Min., Kinostart: heute
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