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Aus: Ausgabe vom 06.01.2026, Seite 16 / Sport
Eisstockschießen

Guten Rutsch

Geht auch auf Asphalt: Eisstockschießen. Gerade waren Deutsche Meisterschaften
Von Gabriel Kuhn
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Mal zählt Weite, mal Präzision: Bundesligaspiel im Stocksport

Am vorigen Wochenende fanden die Deutschen Meisterschaften im Weitenwettbewerb des Eisstockschießens statt. Allerdings nicht auf Eis, sondern auf Asphalt. Genauer: auf einem Parkplatz gegenüber der Campushalle, die den Handballern des SG Flensburg-Handewitt als Heimatstätte dient. Dass Eisstockschießen auf Asphalt stattfindet, ist vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber nicht ungewöhnlich. So wird das Vergnügen zu einem Ganzjahressport und vom Klimawandel unabhängig.

Erstmals sammelte sich die deutsche Elite im Norden des Landes. Der Veranstalter, der Sportverein Adelby, präsentiert sich auf seiner Website stolz als »Deutschlands nördlichste Eissportsparte«. Der Verein bietet knapp 20 Sportarten an. Das Eisstockschießen kam 1984 dazu, nachdem sich Vereinsmitglieder beim Alpenurlaub hatten inspirieren lassen. »Der Eisstocksport – eine urbayerische Sportart« heißt eine am Karl-von-Closen-Gymnasium in Eggenfelden (Landkreis Rottal-Inn) verfasste Facharbeit. Des Schülers Schluss: »Er ist neben einer tollen Sportart auch ein Stück gelebte Heimat und somit ein Anker in unserer globalisierten und rasanten Welt.«

Der erste Verein für Eisstockschützen wurde allerdings nicht in Bayern gegründet, sondern 1875 im steirischen Eisenerz. Im deutschsprachigen Alpenraum entwickelte sich das Eisstockschießen zum Volkssport. Zweimal stand es gar bei Olympischen Spielen auf dem Programm: 1936 in Garmisch-Partenkirchen und 1964 in Innsbruck, jeweils als Demonstrationswettbewerb. Die Welt ließ sich nicht überzeugen. In die Liste der offiziellen olympischen Disziplinen schaffte es der Eisstocksport nie.

Freilich hat er Tradition. Schon 1936 wurden in Garmisch-Partenkirchen die Wettbewerbe ausgetragen, die es auch heute noch gibt. Da wäre also zunächst das Weitschießen, in dem man sich am Wochenende in Flensburg maß. Hier muss, nun ja, der Eisstock so weit wie möglich geschossen werden. Die dabei erzielten Weiten unterscheiden sich stark, viel hängt von der Unterlage und den Witterungsbedingungen ab. Auf dem Asphalt von Flensburg blieb der längste Wurf nach genau 100 Metern stehen– länger war die Bahn nicht. Gewissermaßen ausgeschossen hatte sie der Sieger bei den Herren, Markus Schätzl vom SV Oberbergkirchen. Der Weltrekord liegt bei sagenhaften 566,53 Metern, aufgestellt von Manfred Zieglgruber (SV Unterneukirchen) bei den bayerischen Kreismeisterschaften 1989 am Seeoner See bei perfekten Natureisbedingungen.

Fairness wird im Eisstocksport großgeschrieben: Alle Schützen verwenden den gleichen Stockkörper und die gleichen Laufsohlen (der Boden der Stöcke, der je nach Unterlage angepasst wird). Der individuelle Touch kommt mit den Stielen, die die Schützen selbst gestalten dürfen, vorausgesetzt, sie halten sich an die Vorgaben für Länge und Gewicht.

Neben dem Weitschießen gibt es auch ein Zielschießen, bei dem mit mehreren Übungen die präzisesten Schützen ermittelt werden. Der Mannschaftswettbewerb schließlich ist eine Kombination aus Boule und Curling, allerdings ohne Besen. Das ist die Variante, die man bei Spaziergängen in winterlichen Alpendörfern auf gefrorenen Eisflächen beobachten konnte, als es noch gefrorene Eisflächen gab.

Europameisterschaften im Eisstocksport finden seit 1951 statt, Weltmeisterschaften seit 1983. Die Medaillen gehen praktisch immer an Österreich, Deutschland (Bayern) und Italien (Südtirol). Deutschland dominiert im allgemeinen, Österreich hat im Weitschießen die Nase vorne. Als Medaillengewinner angeschrieben haben aber auch Athleten aus der Schweiz, Slowenien oder Tschechien, sogar aus Brasilien. Aushängeschild des dortigen Teams ist der begabte Geiger Luis Kaufmann. Bei der Eröffnungsfeier für die WM 2025 gab er in der Kapfenberger Eishalle Lieder von Queen und Coldplay zum besten.

Zurück nach Flensburg: »Alle Titel werden nach Bayern gehen«, meinte Heiko Kaletta, Vorsitzender des SV Adelby und selbst Eisstockschütze, vor dem Wochenende gegenüber schleswig-holsteinischen Journalisten. Er sollte recht behalten. Die Bayern räumten ab, bei Erwachsenen wie bei Jugendlichen. Wer nicht vor Ort war, konnte das Geschehen im Privatradiosender foecki.live verfolgen, moderiert in charmantem Niederbayerisch von Thomas Foeckersperger.

Die erfolgreichsten Athleten des Wochenendes werden sich bei den Europameisterschaften im März wiedersehen. Diese werden im bayerischen Eissportmekka Inzell stattfinden. Dort bestimmt auf Eis, denn das lässt sich dort künstlich herstellen.

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