Gegründet 1947 Freitag, 30. Januar 2026, Nr. 25
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.12.2025, Seite 3 / Ansichten

Verzocker des Tages: Berliner Zahnärzte

Von Oliver Rast
3_portrait.jpg
Drohkulisse auf dem Dentalstuhl: Fotzenspängler am Werk

Komm, ein Kalauer zum Auftakt: Dentalklempner sind welche, die Löcher finden, wo vorher keine waren. Patientenpfusch, schmerzlich bekannt. Weniger bekannt: Murks zulasten des Berufsstands – oder: Wie schaffe ich ein Rentenloch bei der eigenen Klientel? Das klappt.

Denn das Versorgungswerk Zahnärztekammer Berlin (VZB) hat sich munter verzockt beim Geldanlegen am sogenannten Kapitalmarkt, berichtete das Handelsblatt am Montag. Wirtschaftsprüfer haben sich das Renditeroulette und Börsenbingo mit den eingezahlten Beiträgen aus der hauptstädtischen Zahnärzteschaft näher angeschaut. Ergebnis: Bis zu 1,4 Milliarden Euro haben die VZB-Finanzjongleure »fehlinvestiert« – weniger vornehm ausgedrückt: verbrannt. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelt inzwischen. Verdachtsmomente: Korruption und Untreue.

Okay, für Berlins Zahnärzte ist das VZB alternativlos, es ist die berufsständische Pflichtversicherung. Und die funktioniert nach dem Risikoprinzip der Kapitaldeckung. Aber: Die Quittung für den Standesdünkel war längst überfällig. Wer etwa in die heimische Garnelenzucht investiert, verwechselt die Krebstierfarm mit einer stabilen Anlage für die Altersvorsorge. Allein in den Shrimpsbecken der pleite gegangenen Hanse Garnelen AG im schleswig-holsteinischen Glückstadt versickerten wohl rund 15 Millionen Euro.

Die Facharztpraxis mit Dentalstuhl als Spielcasino also. Der erspielte Wertverlust dürfte die Altersbezüge von rund 11.000 Zahnärzten um Hunderte Euro schmälern. »Es wird zu Einschnitten bei künftigen Rentenzusagen und voraussichtlich auch bei Renten kommen müssen«, so ein VZB-Vertreter. Weil die Hälfte der Rücklagen nun futsch ist.

Übrigens, blamiert hat sich auch die Senatsverwaltung für Wirtschaft. Die behördliche Aufpasserin hat das VZB Rentengelder mopsfidel verprassen lassen. Devise: Löcher schaffen, wo vorher keine waren.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (16. Dezember 2025 um 12:54 Uhr)
    Geradezu ein Referenz-Modell als Ersatz für die GRV. Na, da kommt Freude auf im Alter!
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (16. Dezember 2025 um 09:56 Uhr)
    Die Zahnärzte zocken die Patienten ab, das Versorgungswerk verzockt die Zahnärzte – so funktioniert nun mal die höchste Form des Kapitalismus.

Mehr aus: Ansichten