Alle für eigenen Ukraine-Frieden
Von Arnold Schölzel
Alle am Ukraine-Krieg beteiligten Seiten – die USA, die NATO, die EU, die Regierungen in Kiew und in Moskau – zeigten am Dienstag mehr oder weniger Optimismus, dass ein Friedensschluss bevorsteht. Gemeint waren allerdings höchst unterschiedliche, im Fall der EU mit dem US-Friedensplan unvereinbare Friedensarten.
In Moskau sollte nach 17 Uhr Ortszeit (nach 15 Uhr MEZ) ein Gespräch zwischen Präsident Wladimir Putin, dem US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, stattfinden. Außer einem Dolmetscher werde niemand an der Unterredung teilnehmen, kündigte der Pressesprecher der russischen Präsidialverwaltung, Dmitri Peskow, vorab an. Er erklärte zudem, der Staatsbesuch Putins am 4. und 5. Dezember in Indien habe für ihn und seine Kollegen »oberste Priorität«. Das Dreiergespräch im Kreml endete nach jW-Redaktionsschluss.
Putin hatte am Sonntag abend einen Gefechtsstand der russischen Truppen im Donbass besucht und dort die Meldung erhalten, dass die seit Mitte 2024 umkämpfte Stadt Pokrowsk nach Einschließung von 2.000 bis 3.000 ukrainischen Soldaten unter russischer Kontrolle sei. Putin erklärte laut einem am Montag abend veröffentlichten Video: »Dadurch werden wir schrittweise alle wichtigen Ziele erreichen, die wir uns zu Beginn der Militäroperation gesetzt haben.« Am Dienstag stritt der Generalstab in Kiew den Fall von Pokrowsk und anderer Städte ab.
Am selben Tag meldete sich der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij von einem Staatsbesuch in Irland zu Wort: Er wolle von den US-Unterhändlern informiert werden, sobald deren Gespräche in Moskau beendet seien. Zuvor hatte er auf der Plattform X geschrieben, die Ukraine und die USA hätten bei den Gesprächen in Florida am Sonntag den in Genf am 23. November entwickelten Rahmen für ein Friedensabkommen »verfeinert«. Er habe Anweisungen gegeben, sowohl mit dem Team Trumps als auch »mit unseren europäischen Partnern« »höchst konstruktiv zusammenzuarbeiten«. Russland habe aber im Vorfeld des Treffens mit Witkoff und Kushner »Desinformationskampagnen« gestartet.
Optimistisch äußerten sich am selben Tag NATO-Generalsekretär Mark Rutte und der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU). Rutte erklärte auf seiner Pressekonferenz vor dem NATO-Außenministertreffen am Mittwoch und Donnerstag: »Für einen NATO-Beitritt der Ukraine ist ein Konsens aller Bündnispartner erforderlich«, den es aber im Moment nicht gebe. Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Bemühungen Trumps letztlich »den Frieden in Europa wiederherstellen« würden.
Die USA zeigten ihm und den anderen NATO-Mitgliedern allerdings die kalte Schulter. In der Nacht zum Dienstag bestätigte das US-Außenministerium, dass US-Außenminister Marco Rubio nicht zu dem Treffen in Brüssel reist, sondern sein Stellvertreter Christopher Landau.
Unbeeindruckt von Tatsachen freute sich Wadephul über die enge Zusammenarbeit mit den USA. Er erklärte in Berlin vor Journalisten: »Wir lesen vollkommen von einem Blatt. Es gibt eine hohe Übereinstimmung der Einschätzung zwischen Marco Rubio und mir.« Wadephul weiter: »Wir sind der Meinung, dass es jetzt Zeit ist, dass es zu einem Waffenstillstand kommt.« Die »Kernfrage« sei weiterhin, ob der russische Präsident Wladimir Putin bereit sei, »an den Verhandlungstisch zu kommen« und einen Waffenstillstand einzuhalten. Putin müsse wissen, dass »Europa« und Deutschland klar an der Seite der Ukraine bleiben würden: »Wir werden unsere Anstrengungen weiter verstärken, die Ukraine zu unterstützen.«
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Leserbrief von Reinhold Schramm aus Berlin (4. Dezember 2025 um 06:50 Uhr)Wer erarbeitet und finanziert den künftigen wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau der Ukraine? Wadephul: »Wir werden unsere Anstrengungen weiter verstärken, die Ukraine zu unterstützen.« Die wirtschaftliche Anpassung der vormaligen Gesellschaft der DDR hat für Westdeutschland etwa 1500 Mrd. DM/USD gekostet. Die Kosten für den Aufbau der Ukraine dürften deutlich höher sein, als 3 Billionen USD/Euro; mehr als 3000 Mal eine Milliarde Euro. Zudem werden sich zum Kriegsende weitere Millionen nach Westeuropa und Deutschland absetzen! Zumal bspw. eine Krankenpflegerin in Deutschland das 10-fache Monatseinkommen erhält. Wer möchte schon zwanzig Jahre Aufbauarbeit für einen Monatslohn von weniger als 20 Prozent arbeiten?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (3. Dezember 2025 um 13:36 Uhr)Vielen Dank für die klarstellende Reihenfolge im ersten Satz! Zbigniew Brzezinski (»Die einzige Weltmacht« - unbedingt lesen!), stellte bereits vor 30 Jahren klar: 1. USA (= woher sonst wohl der Titel des schmalen Buchs/Pamphlets?); 2. und 3. NATO und EU (Reihenfolge der Vasallen bleibt beliebig); 4. Ukraine. Erst dann kamen die Regierenden der Russländischen Föderation ins Spiel. Der Herr Präsidentensicherheitsberater der USA legte vor drei Jahrzehnten vor. Er, der diejenigen, die sich heute noch als Partner sehen/ansehen/verstehen wollen möchten/können, haben Don Trump die späte Einsicht zu verdanken: Die einzige Weltmacht meint auch die einzige Weltmacht. Wollen wir davon ausgehen, dass erdrückende Zollstreits auch erdrückend, erniedrigend und beleidigend/herabwürdigend orientiert sind? Noch besser: Schluss mit Gas und Öl aus der Russländischen Föderation wegen kaputter Leitungen. Dafür Ersatz aus vor allem aus … Mit Knebelverträgen, die Hunderte Milliarden wegen des Schadens vertraglich gebunden festschreiben? Um es deutlich zu machen: Das Konzept Einzige Weltmacht steht im Raum. Wie Herr Daniel Dratanavic auch bestens nachweist, war diese Orientierung seit Jahren sonnenklar. – Schon schillernd, wenn aus der EU-Branche nur zwei neben Frau Magherini ins Blickfeld geraten sind. Stellt sich die Frage, ob und was und wann?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (4. Dezember 2025 um 00:16 Uhr)Schon interessant, welche Zufälle es geben kann und einem die KI auf die Sprünge hilft. Der Suchbegriff »Daniel Dratanavic« führt einen ziemlich flott auf https://www.buchkomplizen.de/daniel-bratanovic.html. Wie es scheint, sollte man sich mit Losurdo beschäftigen. Denn, ein derart miserabler Artikel, wie ihn die Rosa Luxemburg Stiftung im Utopie Kreativ Heft 118 August 2000 (https://www.rosalux.de/publikation/id/3290/auf-zum-letzten-gefecht-zur-kritik-an-domenico-losurdos-neostalinismus) veröffentlicht hat, muss einen veranlassen, nachzuforschen. Wer nicht gleich das Buch von Bratanovic kaufen will, kann hier zum Nullheimer einen informativen Beitrag finden: Domenico Losurdo, Über Staat und Demokratie, Kommunismus und Geschichte (https://www.praxisphilosophie.de/losurdo_ighm.pdf). Auf 16, 17 Seiten ist eine geballte Themenmenge zu finden, lohnende Lektüre!
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (4. Dezember 2025 um 13:47 Uhr)Zu losurdo_ighm.pdf, dass Sie als »geballte Themenmenge« und »lohnende Lektüre!« bejubeln: Zunächst fällt auf, dass sowohl Sabine Kebir und Andreas Wehr als auch der Interviewte Losurdo immer nur von »Realsozialismus« sprechen. Ein Sprachgebrauch von Leuten, die dem Sozialismus distanziert oder sogar leugnend gegenüberstehen. Im übrigen empfiehlt sich als »lohnende Lektüre« Kurt Gossweilers »Genosse Domenico Losurdos ›Flucht aus der Geschichte‹«. Dort sind die vielen Irrtümer des italienischen Professors für Philosophie aufgedeckt. Leseprobe: »(…) Losurdo stört sich nicht im mindesten daran, die Formulierungen zu übernehmen, mit denen die imperialistischen und revisionistischen Antikommunisten die Sowjetunion, und ihre Führer zu belegen pflegen: ›Die Diktatur Lenins und Stalins‹; ›die Barbarei (ein enormer Gulag) der Stalinperiode‹; ›die dunkelsten Jahre des Stalinismus‹; ›die Verbrechen Lenins und Stalins‹. Er stellt nicht klar, dass diese Formulierungen das Wesen des Sowjetstaates, der Diktatur des Proletariats verleumderisch entstellen, sondern er verteidigt die Sowjetunion und ihre Führer wie ein Anwalt, der etwa so argumentiert: ›Aber bedenken Sie, dass die Gegenseite mindestens ebenso schlimm, wenn nicht noch schlimmer ist, und bedenken Sie ferner, wievielt Gutes meine Mandanten vollbracht haben!‹ (…) Losurdos große Entdeckung: Schuld am Untergang der Sowjetunion ist letzten Endes die Kommunismus-Theorie von Marx und Engels (…) Wir müssen zu unserem großen Kummer feststellen: Losurdos Vorschlag zur Verbesserung des Marxismus durch Eliminierung seiner vermeintlich utopischen, halbreligiösen Bestandteile ist leider in Wahrheit eine massive Revision des Marxismus, seiner Staatslehre; und zwar nicht etwa nur eines Teil von ihr, das Absterben des Staates betreffend, sondern ihres Kernstücks: der Einschätzung des Wesens des Staates. (…) Wer vom Revisionismus nicht reden will, soll auch über die Ursachen des Untergangs der Sowjetunion schweigen.«
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (3. Dezember 2025 um 12:59 Uhr)Der Wertewesten scheint weiterhin nicht anzuerkennen, dass Russland seine formulierten Forderungen notfalls auch mit militärischen Mitteln durchsetzen wird, während er selbst keinen Plan B hat. Was passiert, wenn die Ukraine letztlich wirtschaftlich, militärisch und gesellschaftlich gezwungen sein sollte, zu kapitulieren? Die Zeit dafür könnte näher sein, als viele denken, insbesondere angesichts der Lage an der Front und der personellen Ressourcen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, warum Frankreich als Garantiemacht des Minsker Abkommens damals nicht seine Rolle ernsthaft militärisch wahrgenommen hat, als die Ukraine die Vereinbarungen nicht einhielt. Hätte Frankreich seinerzeit entsprechend gehandelt, hätte ein russischer Einmarsch womöglich verhindert werden können. Vor diesem Hintergrund bleibt unklar, welche konkreten Ziele Präsident Macron heute mit seinen Initiativen und Gesprächen mit Präsident Selenskij verfolgt.
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