Gaza verhungert
Von Ina Sembdner
Mindestens 71 Kinder sind durch Israels Krieg im Gazastreifen bereits an Unterernährung gestorben. 60.000 weitere Palästinenser zeigten nach Angaben der Gesundheitsbehörde in der von Israel abgeriegelten und unter Dauerbeschuss stehenden Enklave entsprechende Symptome. Am Sonntag meldete die Hilfsorganisation World Central Kitchen, dass sie nicht mehr in der Lage sei, wie bislang möglich eine Mahlzeit für medizinisches Personal sicherzustellen: Es gebe nichts mehr zu verteilen. Die in Genf sitzende Hilfsorganisation Euromed Monitor meldete am Samstag abend, ihr Feldteam habe 42 Fälle dokumentiert, vor allem Kinder, ältere Menschen und schwangere Frauen, die innerhalb von nur sechs Stunden in Krankenhäuser im Gazastreifen eingeliefert wurden. Sie waren wegen schwerer Unterernährung kollabiert.
Unterdessen geht das Töten an den Ausgabestellen der unter US- und israelischer Kontrolle stehenden »Stiftung« Gaza Humanitarian Foundation (GHF) unvermindert weiter. Aus Gaza hieß es am Sonntag, dass die Zahl der dort seit Ende Mai – dem Startzeitpunkt des Verteilmechanismus über GHF – getöteten Menschen auf 995 angestiegen ist, mehr als 6.000 Hungernde wurden in diesem Zeitraum verletzt, 45 Personen würden vermisst. Allein am Sonntag wurden mindestens 73 Palästinenser beim Versuch getötet, an Nahrung oder etwas Mehl zu kommen. Während sich die drei GHF-Freiluftzwinger zur Ausgabe von Lebensmitteln im Süden und Zentrum des Gazastreifens befinden, sind am Sonntag auch im nahezu komplett zerbombten Norden 67 Hilfesuchende getötet worden.
Mitarbeiter des Al-Schifa-Krankenhauses und die Gesundheitsbehörde teilten mit, die Palästinenser seien durch israelischen Beschuss getötet und Dutzende weitere verletzt worden. Die Zahl der Getöteten sei im Laufe des Tages gestiegen. Zunächst war von mindestens 30 die Rede gewesen. Es seien immer mehr Leichen vom Unglücksort in die Krankenhäuser gebracht worden, teilte die Behörde mit. Die Menschen hätten sich versammelt, um auf die Ankunft von Hilfslastwagen der Vereinten Nationen zu warten. Das israelische Militär erklärte wie gewohnt, es prüfe den Bericht, ohne dass Tel Aviv bislang Konsequenzen zu befürchten hätte – weder nach Angriffen auf Zivilisten, noch auf deutlich als solche gekennzeichnete Hilfsorganisationen.
Die israelische Armee ordnete am Sonntag zudem die »Evakuierung« von Gebieten im Zentrum des Gazastreifens an, in denen zahlreiche Palästinenser Zuflucht gesucht haben. Die Maßnahme könnte auf einen bevorstehenden Angriff auf Teile der Stadt Deir Al-Balah hindeuten. Das alarmierte die Familien israelischer Geiseln. Sie befürchten, dass ihre Angehörigen in diesem Gebiet festgehalten werden. »Kann uns irgend jemand garantieren, dass diese Entscheidung nicht das Leben unserer Angehörigen kostet«, fragten die Familien in einer Erklärung. Zuvor hattten am Samstag abend Zehntausende in Tel Aviv und anderen israelischen Städten für ein Ende des Krieges und die Freilassung der letzten 50 Geiseln demonstriert, von denen 20 noch am Leben sein sollen. Die Menge zog vom sogenannten Geiselplatz im Zentrum der Metropole zur Außenstelle der US-Botschaft. In Sprechchören forderten die Kundgebungsteilnehmer US-Präsident Donald Trump dazu auf, Druck auf den israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu auszuüben, damit die indirekten Waffenruhegespräche mit der Hamas erfolgreich zu einem Ende kommen. Doch danach sieht es derzeit nicht aus.
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