Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 27. September 2022, Nr. 225
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 23.09.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Austausch und Bomben

Moskau und Kiew lassen mehr als 200 Gefangene frei. Sechs Tote bei Angriff auf Markt in Donezk
Von Reinhard Lauterbach
1.jpg
Soldaten inspizieren am Donnerstag nach dem Angriff in Donezk einen zerstörten Bus

Russland und die Ukraine haben am Mittwoch insgesamt 271 Gefangene ausgetauscht. Wie beide Seiten im Laufe des Donnerstags bestätigten, ließ Moskau 215 Ukrainer frei, Kiew 55 Russen sowie den Expolitiker Wiktor Medwedtschuk. Dieser galt als jemand, der aufgrund einer Taufpatenschaft Zugang zu Wladimir Putin hatte, auch hatte er lange eine als »prorussisch« eingestufte Oppositionspartei geleitet. In der Ukraine war er kurz nach Kriegsbeginn unter dem Vorwurf des Landesverrats festgenommen worden. Ein Sprecher des Geheimdienstes SBU sagte zu seiner Freilassung, Medwedtschuk habe für die Ermittler keinen Wert mehr. Er habe umfangreiche Aussagen gemacht.

Von den 215 freigelassenen Ukrainern sind 108 Angehörige des faschistischen »Asow«-Regiments, also ungefähr die Hälfte. Zehn »Asow«-Offiziere, die nach dem Fall des Stahlwerks von Mariupol in Gefangenschaft geraten waren, wurden in die Türkei ausgeflogen und sollen dort bis zum Ende des Krieges interniert bleiben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Austausch vermittelt.

Im Rahmen der Aktion ließ die »Volksrepublik« Donezk auch zehn ausländische Söldner frei, die auf ukrainischer Seite gekämpft hatten. Zwei von ihnen, ein Brite und ein Marokkaner, waren zuvor nach einem Prozess wegen »Terrorismus« zum Tode verurteilt worden. Die Ausländer wurden nach Saudi-Arabien ausgeflogen. Die britische Premierministerin Elizabeth Truss und US-Außenminister Antony Blinken dankten Erdogan und auch dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman für ihre Vermittlungsbemühungen. In der Ukraine erklärte die Präsidialverwaltung, sie strebe jetzt einen Austausch aller Kriegsgefangenen mit Russland an.

In den russisch besetzten Teilen der Ukraine hat unterdessen die Vorbereitung für die an diesem Freitag anlaufenden Referenden über einen Beitritt der Gebiete zu Russland begonnen. Die Donezker Behörden veröffentlichten Videos vom Druck der Wahlzettel. Der Chef der von Russland eingesetzten Verwaltung des Gebiets Saporischschja, Kirill Rogow, sagte, er schließe nicht aus, dass er den Abzug der Ukraine aus den noch von ihr kontrollierten Teilen der Region – einschließlich der Gebietshauptstadt – verlangen werde. Mit dem bevorstehenden Beitritt der Region zu Russland würden die ukrainischen Truppen zu »Okkupanten«.

Beide Seiten beschossen wieder Ziele im jeweiligen Hinterland. In Donezk wurden beim Angriff auf eine Markthalle nach Angaben der Stadtverwaltung sechs Menschen getötet. Etliche Tote und starke Gebäudeschäden gab es nach ukrainischen Angaben auch in Mikolajiw. In Charkiw trafen russische Raketen auf einen Bahnhof nach örtlichen Angaben auch Eisenbahnkühlwagen, in denen die Leichen gefallener russischer Soldaten aufbewahrt wurden.

Unterdessen bahnt sich in der EU neuer Streit um die Verlängerung der Russland-Sanktionen an. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sagte am Rande der UN-Vollversammlung in New York am Mittwoch, das Bündnis werde als Antwort auf Russlands Annexionsabsichten in der Ukraine weitere personale und sektorale Sanktionen verhängen. Dagegen forderte Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, die bestehenden Strafmaßnahmen gegen den russischen Energiesektor und die Importe von Energierohstoffen zum Jahreswechsel aufzuheben. Diese hätten nur dazu geführt, dass die Preise gestiegen seien, ohne dass sie den Krieg beendet hätten.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

  • Leserbrief von Ronald Prang aus Berlin (22. September 2022 um 21:07 Uhr)
    Der Ukraine-Krieg tritt, wie man sieht, in die nächste Eskalationsstufe. So sind Kriege, einer beginnt ihn, aus welchen Gründen immer, dann entwickelt er seine Eigendynamik. Im Ukraine-Krieg krachen zwei, in ihrem extremen Nationalismus gefangene Staaten aufeinander. Es ist müßig über die extremen Ansichten beider Seiten zu diskutieren. Russland hat diesen Krieg vom Zaun gebrochen. Die Gründe kennt jeder, sie werden ständig diskutiert. Die Ursachen jedoch liegen viel tiefer und werden kaum beachtet. Jeder, der die jW liest, kennt sie zwangsläufig. Es ist Ausdruck und Auswirkung der Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaftsform, Egoismus und Gier. Was ist denn Nationalismus im Grunde, nur Gruppenegoismus. Das – gepaart mit übersteigerten Allmachtsphantasien der agierenden Staatsführer – führt dann direkt in den Abgrund. Die hegemonialen Strategien von drei Großmächten, USA, China und Russland, sind der tiefere Grund für diesen verdammten Krieg, der eine Gefahr für die gesamte Menschheit werden könnte. Die Rolle der jeweiligen Vasallenstaaten lasse ich mal aus. Dazu kommt noch eine individuelle Komponente. Der eine »Häuptling«, Selenskij, arbeitet an seiner Karriere und der andere, Putin, an seinem Nachruf in den Geschichtsbüchern. Putin ist 70 Jahre alt und kennt seine Zukunft, Selenskij kennt seine Zukunft noch nicht und will Weltgeltung, genau das, was man Putin verweigert. Beide sind, im philosophischen Sinne, jedoch auch nur Repräsentanten der hinter ihnen stehenden Interessengruppen, o.g. Hegemonialmächte. Ich sehe, von Anfang an, eine riesige Gefahr darin, dass Putin nicht viel zu verlieren hat, aber Atomwaffen in unvorstellbaren Mengen besitzt. Das Grundübel eines Wirtschaftssystems bedroht nun wieder einmal das Überleben der gesamten Menschheit. Sogar die drohende Klimakatastrophe verblasst dagegen. Profitgier ist das Übel, Wirtschaftswachstum das Menetekel. Es gibt keinen Kapitalismus ohne Egoismus und Gier, seine Triebkräfte.

Ähnliche: