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Aus: Ausgabe vom 13.08.2022, Seite 8 / Ausland
Wirtschaftskrise

Verzweiflung im Libanon

Wirtschaftliche Not: Mann stürmt Bank, um Arztrechnung seines Vaters zu bezahlen, und wird als »Held« gefeiert
Von Karin Leukefeld
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Eine Menschenmenge begrüßt die freigelassenen Geiseln außerhalb der Bankfiliale am Donnerstag in Beirut

Um inmitten der schweren Wirtschaftskrise im Libanon eingefrorene Ersparnisse freizupressen, hat ein Mann in einer libanesischen Bank über Stunden mehrere Geiseln festgehalten. Am Donnerstag drang der 42jährige Bassam Al-Scheikh Hussein in Beirut in eine Filiale der Federal Bank of Lebanon ein und gab zwei Warnschüsse ab, berichtete Reuters. Demnach verlangte er die Auszahlung seiner Ersparnisse im Wert von mehr als 200.000 US-Dollar (etwa 193.000 Euro). Als die Bankangestellten sich weigerten, nahm er fünf Personen als Geisel und drohte damit, sich mit Benzin anzuzünden, sollte das Geldhaus von Einsatzkräften gestürmt werden.

Nach rund acht Stunden dauernden Verhandlungen erklärte sich die Bank schließlich bereit, dem Mann 30.000 US-Dollar auszuzahlen. Dieser gab daraufhin seine Waffe ab und ließ sich festnehmen, auch die Geiseln kamen frei. Vor der Bank feierten zahlreiche Menschen den Geiselnehmer: »Du bist ein Held, Bassam!« riefen sie, berichtete der libanesische Sender Al-Majadin. Für sie heiligt der Zweck die Mittel: Bassam habe die Bank nämlich überfallen, um die Arztrechnungen des Vaters zu bezahlen, erklärte sein Bruder Atef Al-Scheikh Hussein, der draußen vor der Bank auf Bassam wartete, gegenüber der US-Agentur AP. Das Geld werde gebraucht, Bassam sei kein Schurke, sondern ein »anständiger Mann«. »Er nimmt das, was er hat, aus seiner eigenen Tasche, um es anderen zu geben.«

Der Libanon leidet seit Jahren unter der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte: Große Teile der Bevölkerung leben in Armut, das libanesische Pfund hat mehr als 90 Prozent seines Wertes verloren, berichtete dpa. Weil die Währung einst an den US-Dollar gekoppelt war, haben viele Libanesen Konten in der US-Währung. Dem Land gehen jedoch die Devisenvorräte aus, Libanesen können seit Herbst 2019 nur noch sehr begrenzt Geld abheben. Verschlimmert wird die Lage dadurch, dass Geschäfte, Praxen und Krankenhäuser in vielen Fällen darauf bestehen, dass Rechnungen noch immer in US-Dollar bezahlt werden, obgleich der Umtauschkurs sehr niedrig ist.

Dazu kommen die zahlreichen Konflikte mit regionalen und internationalen Akteuren. So hatte die Ukraine zunächst versucht, ein russisches Getreideschiff daran zu hindern, seine Ladung im nordlibanesischen Hafen von Tripoli zu löschen. Angeblich sei das Getreide der Ukraine gestohlen worden. Und auch der Streit zwischen dem Libanon und Israel um die Seegrenze spitzt sich zu. Hintergrund ist das Karisch-Gasfeld im östlichen Mittelmeer, zu dem beide Länder Zugang beanspruchen. Israel will im September einseitig mit der Förderung des Gases beginnen und hat Beirut angeboten, den »Zugang zu den Gasmärkten« zu ermöglichen. Der Libanon lehnt das ab und will statt dessen seinen Anteil mittels Grenzziehung garantieren.

Die libanesische Hisbollah droht Israel, die Ressourcen des Landes notfalls auch mit Waffen zu verteidigen: »Die Hand, die nach unseren Reichtümern greift, wird abgehackt werden«, warnte ihr Generalsekretär Hassan Nasrallah am Dienstag. Es dürfe niemandem erlaubt sein, »das Land zu plündern«. Derzeit laufen indirekte Verhandlungen zwischen den beiden Staaten. Allerdings hätten sich diese wegen des jüngsten Angriffs Israels auf den Gazastreifen verzögert, erklärte der stellvertretende libanesische Parlamentssprecher Elias Bou Saab am Donnerstag laut der saudiarabischen Tageszeitung Al-Schark Al-Ausat. Das Angebot des Irans, Beirut Öl zu liefern, damit die Stromversorgung des Landes wiederaufgenommen werden könne, werde unterdessen geprüft.

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