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Aus: Ausgabe vom 02.08.2022, Seite 7 / Ausland
Bei Arbeitsbesuch Giammatteis

Angriff im Norden Guatemalas

Hintergründe noch unklar: Attacke auf Entourage des Präsidenten nahe Grenze zu Mexiko
Von Thorben Austen, Quetzaltenango
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Mexikanische Soldaten nach der Schießerei nahe der Grenze zu Guatemala am Sonnabend

Viele Details sind weiter ungeklärt. Im Rahmen eines Arbeitsbesuchs des rechten Staatspräsidenten Alejandro Giammattei ist es am Sonnabend im guatemaltekischen Departamento Huehuetenango zu einem Schusswechsel zwischen Soldaten und mutmaßlichen Drogenhändlern gekommen. Am Sonntag (Ortszeit) bestätigte die Regierung von Guatemala den Vorfall in der Ortschaft La Laguna im Nordwesten des Landes. Demnach habe der Angriff einer Gruppe von Soldaten gegolten, die »Operationen« durchführten und »zur Entourage von Giammattei« gehörten, zitierte die spanische Nachrichtenagentur Efe.

Zuvor waren Zweifel an der Echtheit der Berichte aufgekommen. Noch am Sonnabend griffen mehrere Medien die Angaben des örtlichen Radiosenders Sonora auf, laut denen Soldaten im Rahmen der Sicherheitsmaßnahmen des Präsidentenbesuches ein Fahrzeug, in dem sich »verdächtige« Personen befanden, zum Anhalten aufgefordert hätten. Diese hätten daraufhin »eine Serie von Schüssen« auf die Militärs abgegeben, in dem darauffolgenden Gefecht wurde einer der Angreifer verletzt. Vier weitere Gangster seien über die Grenze nach Mexiko geflohen, wo sie kurz darauf von lokalen Armeeangehörigen verhaftet worden seien.

Während Sonora von einem »bestätigten Attentat« auf den Präsidenten sprach, machte die Zeitung La Hora am Samstag abend auf Widersprüche aufmerksam. In einem Video, das Sonora veröffentlichte, sei der Vorfall in einer »bergigen Umgebung« zu sehen, der Präsident habe sich jedoch in einer »städtischen Umgebung« befunden. Dies bestätigten auch die Aussagen des Armeesprechers Rúben Téllez, wobei sich La Hora auf die Journalistin Sonia Pérez bezieht. Ihr gegenüber habe Téllez versichert, dass »der Angriff auf den Tross des Präsidenten nicht bestätigt« sei. Der lateinamerikanische Nachrichtensender Telesur berichtete, der Schusswechsel habe rund zwei Kilometer vom Aufenthaltsort Giammatteis stattgefunden.

Bei seiner Arbeitsreise wurde der Präsident von der Abgeordneten der rechten Partei Unión de Cambio Nacional (UCN), Sofía Hernández, begleitet. Hernández’ Name tauchte kürzlich auf der sogenannten Engel-Liste auf, neben anderen Politikern und Unternehmern aus Guatemala, Honduras und El Salvador. Auf der »Engel-Liste« führt die US-Regierung Personen auf, die sie korrupter und »antidemokratischer« Aktivitäten verdächtigt und sanktioniert.

Die Grenzregion zu Mexiko gilt als ein Schwerpunkt des Drogenhandels in Richtung USA. Immer wieder werden Verbindungen guatemaltekischer Politiker, insbesondere des rechten Lagers, zur organisierten Kriminalität bekannt. Laut übereinstimmenden Medienberichten wurde als mutmaßlicher Anführer der Attacke vom Sonnabend Josué López Velásquez identifiziert. Velásquez, der während des Vorfalls verletzt wurde, soll Mitglied des Cártel de Ja­lisco Nueva Generación sein, einer seit 2007 bestehenden kriminellen Struktur, die insbesondere im Drogen- und Waffenhandel aktiv ist. Nach Angaben der mexikanischen Regierung hat sich das Kartell mittlerweile zur »gefährlichsten kriminellen Struktur Mexikos« entwickelt.

Auch Giammattei wird vorgeworfen, in Drogengeschäfte verwickelt zu sein. Der Rechtspolitiker gewann 2019 die Präsidentschaftswahlen und regiert das Land seit Januar 2020. Kritiker sehen während seiner Amtszeit eine zunehmende Aushöhlung des Rechtsstaates, Attacken und Einschränkungen gegen kritische Juristen haben zugenommen, ein Pakt aus organisierter Kriminalität, korrupten Politikern und Unternehmen eigne sich zudem immer mehr staatliche Strukturen an.

Erst am Freitag hatte die Festnahme des Leiters und Gründers der regierungskritischen Zeitung El Periódico, José Rubén Zamora Marroquín, für Empörung gesorgt. Zamora hatte zuvor über mehrere Korruptionsfälle in hohen Regierungskreisen berichtet. Zahlreiche Menschen demonstrierten am Sonnabend in der Hauptstadt gegen seine Festnahme und den Angriff auf die Pressefreiheit, auch Studierende gingen in verschiedenen Städten auf die Straße. Sie protestieren seit Monaten, unter anderem mit der Besetzung von Universitätsgebäuden, gegen die in ihren Augen undemokratische Wahl des neuen Universitätsrektors im Mai und Regierungspläne, die staatliche San-Carlos-Universität zu privatisieren.

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