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Aus: Ausgabe vom 05.05.2022, Seite 15 / Medien
Medienschaffende in Haft

Festgehalten im Irak

Marlene Förster und Matej Kavcic weiter in Haft. Kundgebung für Freilassung der Journalisten
Von Annuschka Eckhardt
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Am Tag der Pressefreiheit: Kundgebung für gefangene Journalisten (Berlin, 3.5.2022)

Ungeachtet des Frühlingswetters war am Dienstag ein düsterer Tag. Düster für Medienschaffende. Am Internationalen Tag der Pressefreiheit hatten sich vor dem Auswärtigen Amt in Berlin um die 20 Personen versammelt. »Freiheit für Marlene und Matej«, skandierten sie lautstark. Gemeinsam hielten sie ein großes Banner mit der Aufschrift »Free Marlene & Matej« in Richtung der Fenster des grauen Betonbaus.

Die beiden Journalisten Marlene Förster und Matej Kavcic sind vor zwei Wochen in der nordirakischen Region Sengal von irakischen Einsatzkräften festgenommen worden. Marlene Förster hat einen deutschen Pass, Matej Kavcic einen slowenischen. Die beiden arbeiteten an einem Filmprojekt über die Selbstverwaltungsstrukturen der jesidischen Bevölkerung, an der 2014 unter Herrschaft des IS ein Genozid verübt worden war. Nach einer Woche wurde bekannt, dass Marlene in ein Geheimdienstgefängnis in die irakische Hauptstadt Bagdad überführt wurde. Die Verhaftung der beiden fand einige Tage vor den Angriffen der irakischen Armee auf Stellungen der jesidischen Selbstverteidigungskräfte in der Region Sengal statt. Den internationalen Journalisten wurde damit die Möglichkeit der Berichterstattung über die Angriffe genommen.

»Ich hoffe, dass Marlene das durchsteht. Die beiden sitzen seit 14 Tagen in Einzelhaft, ohne Außenkontakt, außer dem einen Kontakt mit der deutschen Botschaft in Bagdad, ohne Bücher, ohne eigene Kleidung«, sagte Lydia Förster, Marlenes Mutter, am Dienstag im Telefongespräch mit junge Welt. »Tagsüber kann ich mich mit der Öffentlichkeitsarbeit etwas ablenken, aber abends werden die Sorgen schlimm.«

Am Montag hätte die deutsche Botschaft im Irak ihr zum wiederholten Mal geschrieben, dass sie die Gründe der Verhaftung noch nicht kenne und es auch noch keine Anklage gäbe. Sie bemühten sich, einen weiteren Kontakt – den bislang einzigen gab es vor einer Woche – zu den beiden herzustellen. Die deutsche Botschaft verträte Matej nun auch, da Slowenien keine diplomatische Vertretung im Irak hat. Förster sei in Kontakt zu Matejs Mutter, die sich ebenfalls große Sorgen mache.

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es am Dienstag gegenüber jW, dass der Fall dem Ministerium bekannt sei. Die deutsche Botschaft Bagdad stehe in Kontakt mit den zuständigen irakischen Stellen und betreue die Betroffene konsularisch. Weitere Auskünfte zu konsularischen Einzelfällen könnten nicht gegeben werden.

Marlenes Mutter, Lydia Förster, sagte gegenüber jW, sie habe der Botschaft Geld für Kleidung, Hygieneartikel und Bücher geschickt. Diese Woche wolle die Botschaft die Sachen besorgen. »Es ist alles unglaublich zäh«, so Förster. Sie befürchtet eine Kriminalisierung der Arbeit von Marlene und Matej. Trotz der Sorge um ihre Tochter plädiert Förster für die Wichtigkeit kritischer Berichterstattung von vor Ort: »Die Türkei greift seit Wochen völkerrechtswidrig Gebiete in Nordsyrien, Südkurdistan und in Sengal im Irak an, und man hört in der Öffentlichkeit kaum etwas darüber«. Sie hoffe inständig, dass Marlene ihr Video- und Fotomaterial bei der Verhaftung nicht mit dabeigehabt hat, »sonst wäre ihre ganze Arbeit verloren«.

Außenministerin Annalena ­Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) bezeichnete sich selbst einst als Unterstützerin der jesidischen Bevölkerung. Auf einen offenen Brief an sie, der das Auswärtige Amt im Fall der inhaftierten Journalisten zu einem engagierten Auftreten aufforderte, gab es keine Antwort. Solidarische Kundgebungen fanden in zehn Städten statt. »Am Tag der Pressefreiheit sind diese Kundgebungen besonders wichtig«, sagt Gisela Rhein aus der Koordinationsgruppe der Solidarität mit Marlene und Matej am Dienstag vor dem Auswärtigen Amt gegenüber jW. »Die beiden, die für eine Langzeitrecherche im Sengal waren, wurden genau jetzt, kurz vor den Angriffen der irakischen Armee auf die Region, festgenommen.« Das sei ein klassisches Beispiel aus der Praxis für einen Angriff auf die Pressefreiheit.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris ( 4. Mai 2022 um 21:45 Uhr)
    Der spanische Journalist Pablo Gonzalez wird seit Anfang März in einem polnischen Hochsicherheitsgefängnis mit Kontaktsperre festgehalten, weil er aus dem Donbass berichtete und angeblich für Russland spionierte. Vom spanischen Staat gibt es bisher kaum Unterstützung; genauso wenig von Deutschland für die inhaftierte Marlene Förster im Irak. Das erinnert mich daran, als westeuropäische oder gar USA-JournalistInnen in lateinamerikanischen Diktaturen verhaftet, gefoltert und z. T. ermordet wurden. Die jeweiligen Regierungen haben keinen Finger für ihre StaatsbürgerInnen gerührt … Siehe auch den beeindruckenden Film »Missing« von Costa-Gavras mit Jack Lemmon und Sissy Spacek zu diesem Thema.

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