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Aus: Ausgabe vom 02.05.2022, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

Noch nicht auf Kurs

Der DOSB will im Sommer einen nationalen »Bewegungsgipfel« und erst danach eine Mitgliederstatistik für 2021 vorlegen
Von Andreas Müller
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Der Nachwuchs bleibt am Ball und erprobt seine motorischen Fähigkeiten

Als Kinderärztin weiß Kerstin Holze bestens, wie es um die motorischen Fähigkeiten des Nachwuchses nach den Einschränkungen in der Pandemie steht. Was Wunder, dass die Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gleich mehrfach mit dramatischen Appellen aufwartete. Die Reduzierung des Bewegungsmangels solle als »nationales Gesundheitsziel« ausgerufen werden. »Wir werden alle immer unbeweglicher, unsere Kinder und auch Erwachsene verlernen elementare Fähigkeiten wie Laufen, Springen, Werfen, Klettern oder Schwimmen«, konstatierte Kerstin Holze am 27. April vor dem Sportausschuss des Bundestags. Ein Gremium, dem es derzeit wichtiger ist, seinen mit Dopingvorwürfen belasteten Vorsitzenden, den Biathlonolympiasieger von 1980, Frank Ullrich (SPD), aus dieser Position zu entfernen, als sich dem wohl wichtigsten sportlichen Thema der Gegenwart zu widmen.

Ein neuer Kurs für den Breiten- und Gesundheitssport ist Holze zufolge unerlässlich, um die Folgen der Coronamaßnahmen in der Bevölkerung aufzufangen: »Wir müssen dieses Land in einer gemeinsamen Kraftanstrengung wieder in Bewegung versetzen. Wir brauchen einen gemeinsamen Sport- und Bewegungsgipfel. Einberufen durch die Bundesregierung, auf Einladung und unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzleramtes. Wir müssen uns gemeinsam an einen Tisch setzen, damit allen Verantwortlichen klar wird: Bewegung geht uns alle an.«

Bereits anlässlich des Weltgesundheitstages zwei Wochen zuvor hatte die DOSB-Vizepräsidentin gemahnt, Bewegung und aktives Sporttreiben seien als »unverzichtbarer Baustein für das körperliche und geistige Wohlbefinden jedes Einzelnen« zu betrachten. »Das gemeinsame Ziel von organisiertem Sport und Politik muss jetzt sein, die Angebote des Sports allen zugänglich zu machen und Deutschland in Bewegung zu bringen. Dafür haben unsere Sportvereine und Verbände und ihre Mitglieder richtungsweisende Vorschläge wie den Hamburger Bewegungsgutschein entwickelt.« Thomas Weikert, Präsident des Dachverbandes mit seinen rund 27 Millionen Mitgliedern in zirka 90.000 Vereinen, hatte gar von einem »Kulturwandel« gesprochen, den es in der Gesellschaft zu vollbringen gelte. Endlich müsse anerkannt werden, dass Bewegung und Sport von unschätzbarem Wert seien, sowohl für die Entwicklung von Kindern und jungen Menschen als auch für das Wohlbefinden und die Gesunderhaltung der erwachsenen Bevölkerung.

Dumm nur, dass die hehren Worte der DOSB-Spitze nicht mit Analysen unterlegt werden können, wie sehr die Einschränkungen infolge von Lockdown und Sportverboten an der Basis zum Beispiel auch die Mitgliederzahlen berührt haben. Die letzte statistische Gesamtübersicht, die für 2020 bundesweit einen Verlust von rund 800.000 Vereinssportlerinnen und -sportlern konstatiert, stammt aus dem vorigen Oktober. Eine Bilanz für 2021 ist erst im Herbst zu erwarten, wie aus der Sportzentrale in Frankfurt am Main auf jW-Nachfrage zu erfahren war. Offiziell hätten die 16 Landessportbünde (LSB) noch bis zum 30. Juni Zeit, ihre Mitgliederstatistiken aus dem Vorjahr zu melden. Erst danach könne eine Gesamtschau vorgenommen werden, obwohl deren Ergebnisse gerade jetzt als sportpolitische Trümpfe gegenüber der Politik wichtig wären.

Statt überzeugend mit aktuellem Datenmaterial aufzuwarten, bleibt es vorerst beim Stückwerk. Brandenburg zum Beispiel meldete zum Stichtag am 1. Januar 2022 insgesamt 345.219 in Vereinen organisierte Aktive. Dies sind zwar 1.467 mehr als im Vorjahr, aber immer noch gut 10.000 Sportlerinnen und Sportler weniger als vor der Pandemie. Der LSB Berlin mit derzeit knapp 685.000 Mitgliedern vermeldet, dass von den 33.000 Sporttreibenden, die im ersten Pandemiejahr die Vereine verlassen haben, 2021 etwa zwei Drittel wieder zurückgekehrt sind. Auch Thüringen und Sachsen haben schon ihre Hausaufgaben gemacht. Zwischen Eisenach und Gera sind derzeit fast 348.000 Menschen sportlich organisiert. Zum Rückgang von mehr als 15.000 im ersten Pandemiejahr kamen im Vorjahr nochmals über 2.200 hinzu. Auch in Sachsen hielt der Abwärtstrend zwei Jahre in Folge an und kostete den dortigen LSB mehr als 26.000 Mitglieder, davon fast 9.500 Kinder und Teenager.

Als »alarmierendes Zeichen« bezeichnet Ulrich Franzen, Präsident des LSB Sachsen, den Trend in der Altersklasse »U 18«, der vermutlich für die Mehrheit der Länder gilt. »Die anhaltende Pandemie hat leider auch im Jahr 2021 wieder für drastische Einschränkungen im organisierten Sport gesorgt. Das zweite Jahr in Folge wurden unsere Mitgliedsvereine sowie alle sportbegeisterten Menschen in Sachsen vor eine enorme Herausforderung gestellt. Die zum Teil vollständige Aussetzung des organisierten Sportsystems im Freistaat haben die Vereine leiden und notwendige Perspektiven vermissen lassen«, konstatiert Franzen.

Angesichts dessen hat die Deutsche Sportjugend gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie ein »Aufholpaket« geschnürt, das unter anderem 700 Maßnahmen wie spezielle Schnupperangebote oder besondere Aktionstage für den Sport enthält. Die meisten davon wird es am 25. und 26. Juni in Berlin im Rahmen der Finals 2022 und rund ums Olympiastadion geben. Erklärtes Ziel ist es, auf diese Weise im Laufe des Jahres etwa 200.000 Kinder und Jugendliche in Bewegung zu bringen.

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