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Aus: Ausgabe vom 24.09.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Chipmangel

Das alte Europa

EU will Halbleiter der neuesten Generation bis 2030 selber bauen. Experten winken ab. Chinesische Wirtschaft vom »Westen« abhängig
Von Simon Zeise
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Je kleiner, desto besser: Mikrochips sind weltweit eine heiße Ware

Der anhaltende Mangel an Mikro­chips führt weltweit zu Produktionseinbußen. Die Fließbänder in der Automobilindustrie stehen immer wieder still. Bei VW wird etwa im Wolfsburger Stammwerk in der kommenden Woche nur auf einer Montagelinie gearbeitet werden. Die übrigen Kollegen werden in Kurzarbeit geschickt. Wegen der fehlenden Halbleiter dürften den Autokonzernen dieses Jahr Einnahmen in Höhe von 210 Milliarden US-Dollar (179 Milliarden Euro) entgehen, prognostizierte die Beratungsfirma Alix Partners in einer am Donnerstag vorgelegten Studie. In diesem Jahr würden 7,7 Millionen Fahrzeuge weniger produziert als geplant.

Die Marktführer bei Mikrochips sitzen außerhalb der EU. Um unabhängiger von Importen zu werden, fordert Wettbewerbskommissar Thierry Breton bis 2030 den Aufbau von Fabriken der modernsten Halbleitergeneration in der Wirtschaftsunion. Bis zu 20 Prozent der Weltmarktproduktion soll künftig in der EU stattfinden, bislang sind es neun Prozent. »Das Rennen um die fortschrittlichsten Chips ist das Rennen um die wirtschaftliche und technologische Vormachtstellung in der Welt«, sagte Breton. Zur Finanzierung schlägt er vor, einen »European Semiconductor Fund« aufzusetzen, der sich aus verschiedenen EU-Fonds speisen müsste. Kommissionschefin Ursula von der Leyen (CDU) kündigte in ihrer Rede zur Lage der Union am 15. September an, es solle ein »European Chips Act« ins Leben gerufen werden. Das Gesetz solle den Rahmen vorgeben, um eine umfassende Infrastruktur für die Chipindustrie aufzubauen. Die USA hatten im vergangenen Jahr ein ähnliches Gesetz auf den Weg gebracht.

Bei den Halbleitern gilt: je kleiner, desto besser. Auf den leistungsfähigsten Chips finden Transistoren Platz, die fünf Nanometer groß sind. Für ordinäre Autos werden sie nicht benötigt. Wie die Wirtschaftsberatungsfirma McKinsey in einer Studie hervorhebt, ist der Plan Bretons Unsinn. Denn in der EU – wo technisches Know-how Mangelware ist – werden die modernsten Chips gar nicht benötigt. Insbesondere in Deutschland gilt die Autobranche immer noch als Leitindustrie. Für die Blechkästen auf vier Rädern reichen Chips mit einer Größe von 20 bis 45 Nanometern. »Wir meinen, dass sich Europa auf moderne, aber nicht die fortschrittlichste Technologie konzentrieren sollte«, sagte Helmut Gassel, Vertriebsvorstand des Münchner Halbleiterherstellers Infineon, wie das Handelsblatt am 11. Juni berichtete. Die McKinsey-Manager gehen davon aus, dass 15 Jahre ins Land gehen müssten, bis EU-Konzerne dazu in der Lage wären, Chips auf der Höhe der Zeit zu produzieren.

Wegen des Mangels kaufen Konzerne derzeit so viele Chips ein, wie sie kriegen können. Michael Karagounis, Professor für Elektrotechnik an der Fachhochschule Dortmund, erklärte gegenüber jW, das Unternehmen erhalte den Zuschlag, das am meisten zahlen könne. Im Vorteil seien Unternehmen, die teure Produkte anbieten. Der US-Techriese Apple werde etwa schneller in den Genuss neuer Halbleiter kommen als die deutsche Autoindustrie, denn in der Branche herrsche ein enormer Preisdruck.

Man könnte argumentieren, der Halbleitermangel begünstige den Klimaschutz, da weniger Autos den Weg in den nächsten Stau finden. Doch in einer anderen Branche werden die Chips geradezu gefressen. In einer Studie der niederländischen Zentralbank, über die das Manager-Magazin am Mittwoch berichtete, wird der Verschleiß durch die Herstellung (Mining) von Kryptowährungen untersucht. 30.000 Tonnen Elektroschrott der dafür tauglichen Computer, die in der Regel keine zwei Jahre lang genutzt werden, entstünden pro Jahr. »Um den Bedarf der Bitcoin-Miner zu decken, könnte bis zu ein Viertel der Jahreskapazität von Samsung und TSMC in Beschlag genommen werden«, heißt es in der Studie. Samsung (Südkorea) und TSMC (Taiwan) sind die führenden Halbleiterproduzenten. Die Bitcoin-Blase verschärft den Ressourcenmangel der Industrie also erheblich.

Bei der Chipfertigung hat bislang der »Westen« die Nase vorn. China ist auf die wenigen Global Player angewiesen, die die Feinstrukturen produzieren können, sagte Karagounis zu jW. Bei kleineren Modellen, die für Hochleistungscomputer und programmierbare Bausteine benötigt werden, ist die Volksrepublik aber noch von Importen abhängig. »Wenn aus den USA auch hier ein Embargo verhängt würde, müsste China sich mit älteren Modellen begnügen.« Gröbere Strukturgrößen wie 65 Nanometer werden zwar bereits in der Volksrepublik hergestellt, erklärte Karagounis. Er warnte jedoch, dass eine weitere Eskalationsstufe im Handelskrieg noch bevorstehen könnte: Die Software, mit der man Chips entwickelt, stellen US-Firmen bereit. »Wenn Washington China untersagen würde, diese Software zu nutzen, würde die chinesische Wirtschaft schwer getroffen.« Die Software mache bei der Entwicklung der Microchips einen Großteil der Kosten aus.

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