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Aus: Ausgabe vom 10.07.2021, Seite 4 / Inland
Fall Franco Albrecht

Ein leichtes Spiel

Mutmaßlicher Rechtsterrorist und Exbundeswehroffizier Franco Albrecht: Täuschung der Behörden war nicht »aufwendig«. Opposition fordert Aufklärung
Von Kristian Stemmler
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Wehrmacht als Dekoration im Aufenthaltsraum von Franco Alberts Kaserne bei Strasbourg (3.5.2017)

Mit einer abenteuerlichen Legende gelang es dem Bundeswehroffizier und mutmaßlichen Rechtsterroristen Franco Albrecht aus Offenbach, sich eine falsche Identität zuzulegen und sich 15 Monate lang als syrischer Geflüchteter auszugeben. Wie leicht es die Behörden ihm dabei gemacht haben, wurde am Donnerstag im Prozess gegen Albrecht vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt am Main deutlich. »So aufwendig, wie mancher sich das vorstellt, war das nicht«, bekannte der 32jährige, dem die Bundesanwaltschaft vorwirft, er habe mit Anschlägen als »falscher Syrer« die Flüchtlingspolitik diskreditieren wollen, freimütig.

Die Zeugenaussagen von Mitarbeitern des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) machten klar, dass die Behörde offenbar wegen Überforderung bei Albrecht nicht nachhakte. Bei der Anhörung im November 2016 im bayerischen Zirndorf hatte er sich als christlicher Syrer »David Benjamin« vorgestellt. Um seine auffällig geringen Arabischkenntnisse zu erklären, behauptete Albrecht, der tatsächlich als Offizier bei einer deutsch-französischen Einheit im Elsass diente, er sei in Syrien geboren und aufgewachsen, jedoch Nachfahre französischer Zuwanderer, die isoliert gelebt hätten. Sein Asylantrag wurde angenommen.

Leicht haben es Albrecht offenbar auch die bayerischen »Sicherheitsbehörden« gemacht, wie ebenfalls am Donnerstag bekannt wurde. Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks (BR) hatte Albrecht in Bayern unter anderem in faschistischen Kreisen für einen Aufstand geworben. Aus der Antwort des bayerischen Innenministeriums auf eine Anfrage der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, die dem BR vorliegt, gehe hervor, dass Bayerns Behörden davon wenig mitbekommen haben.

Nur wenige Wochen vor seiner Enttarnung – Albrecht wurde im Februar 2017 gefasst, als er auf einer Flughafentoilette in Wien eine geladene Pistole aus einem Versteck holen wollte – sei der Soldat im oberbayerischen Freilassing bei einem Treffen des »Jagsthausener Kreises« gewesen – ein seit den 50er Jahren bestehender rechten Zirkel, in dem sich Politiker, Militärs, Geheimdienstler, Beamte und Wirtschaftsleute treffen. An dem Treffen nahmen nach BR-Informationen Mitglieder der AfD und der österreichischen FPÖ teil. Kurz nach diesem Treffen, so die Recherchen, habe der Offizier einen Vortrag beim »Preußen-Abend« gehalten, eine ähnliche Veranstaltung zur Vernetzung von Ultrakonservativen und Neonazis. Wie der BR bereits Mitte Mai berichtete, erging sich der Referent laut seinem Redemanuskript in Weltuntergangsphantasien, rief zum Kampf gegen »das System« auf und bekannte sich als Antisemit und Rassist.

Auch mit dem Verein Uniter, in dem sich ehemalige und aktive Soldaten und Polizisten auf einen bewaffneten Umsturz vorbereiten, hatte Albrecht Kontakt. Die bayerischen Behörden hätten Uniter viel zu lange ignoriert, zitierte der BR am Donnerstag die Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze. Sie kritisierte, dass das Innenministerium keine eigenen Erkenntnisse über die Verbindungen Albrechts in Bayern habe. Da der Soldat sich »offenbar auf die Begehung von Attentaten vorbereitet hat, erwarten wir von der Söder-Regierung deutlich mehr Interesse an der Aufklärung seiner Aktivitäten in Bayern«, so Schulze.

Kritik an den »Sicherheitsbehörden« kam auch von der Fraktion Die Linke im Bundestag. Martina Renner, Sprecherin für antifaschistische Politik der Fraktion, erklärte am Freitag gegenüber jW, sie sei wenig überrascht, dass die bayerischen Behörden keine Kenntnisse von Albrechts Aktivitäten in dem Bundesland hätten. »Die Netzwerke zwischen Rechtsterror, der AfD und konservativen Zirkeln unter Beteiligung von Geheimdiensten wie der Jagsthausener Kreis sollen oder können von Behörden und offizieller Sicherheitspolitik nicht gesehen werden«, sagte Renner. Hinter der Fassade »vermeintlicher Debattierklubs« werde der Angriff auf die Demokratie »nicht nur besprochen, sondern auch bewaffnete und tatbereite Protagonisten wie Franco Albrecht bestärkt«.

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