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Aus: Ausgabe vom 01.06.2021, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Syndikalismus

»Wir haben keine Hauptamtlichen«

Basisgewerkschaft FAU hielt jüngst 45. Bundeskongress ab. Debatte um weiteren Strukturaufbau stand im Mittelpunkt. Ein Gespräch mit Milly Mayer
Von Oliver Rast
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Sie erledigen die Arbeit, aber werden trotzdem nur Helfer genannt: Feldarbeiter vom Spargelbetrieb Ritter protestieren (Bornheim, 18.5.2020)

Es war bereits der 45. Kongress der Freien Arbeiter*innen-Union, FAU, der vom 22. bis 24. Mai über die Bühne ging, coronabedingt online. Welche Themen standen auf der Tagesordnung?

Dadurch, dass die FAU insgesamt gewachsen ist, mussten wir uns dieses Jahr viel mit unserer Struktur beschäftigen. Jedes Syndikat ist zwar autonom, aber wir sind ja doch föderativ bundesweit gemeinsam organisiert. Und je mehr wir sind, desto wichtiger ist eine gute Struktur, um uns zu koordinieren.

Wie viele Syndikate aus wie vielen Städten haben teilgenommen? Und: Wie hat sich die FAU in den zurückliegenden ein, zwei Jahren in der Coronakrise organisatorisch entwickelt?

Am Kongress haben sich Syndikate aus 26 Städten beteiligt. In den beiden Jahren der Coronakrise ist die FAU mitgliedermäßig um rund ein Drittel gewachsen. Als kämpferische Basisgewerkschaft hat bei uns das Engagement der Mitglieder einen viel höheren Stellenwert als anderswo. Das macht es aber in der Krise nicht eben einfacher für uns. Denn es ist schwieriger geworden, sich auf der Arbeit oder im Gewerkschaftslokal zu treffen, um Aktionen zu verabreden und bei Konflikten durchsetzungsfähig zu sein.

DGB-Einzelgewerkschaften zählen weiterhin Millionen Mitglieder, versuchen alle Branchen abzudecken. Was fehlt der FAU, um beispielsweise in großen Industriebetrieben in der Metall- oder Automobilbranche Fuß zu fassen?

Die FAU ist keine Gewerkschaft mit hauptamtlichen Beschäftigten. Sie besteht aus ihren Mitgliedern, die alle noch irgendwie anders an Geld zum Leben kommen müssen. Es gibt auch niemanden, der Vollzeit in einen Betrieb geht und Mitglieder wirbt. Die meisten von uns arbeiten eher in nichttarifgebundenen Firmen, in der sogenannten Gig-Economy, oder in anderen prekären Beschäftigungsverhältnissen. Also in einem Bereich, der sich stark ausdehnt, und in dem das rein auf Tarifpolitik reduzierte Agieren der sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften Arbeiterinnen und Arbeitern oft nicht weiterhilft.

Machen wir es konkret: In welchen Konflikten um Löhne oder Weiterbeschäftigung konnte die FAU in jüngster Zeit Erfolge erzielen?

Der Arbeitskampf von mehr als 100 Saisonarbeiterinnen und -arbeitern in der Spargelernte im rheinischen Bornheim im Mai vorigen Jahres hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. Mit ihnen zusammen hatten wir Lohnauszahlungen an Ort und Stelle erzwingen können. Im nachhinein gab es mittels einer Lohnklage zusätzlich Nachzahlungen im sechsstelligen Bereich.

Und was läuft aktuell?

Die Auseinandersetzung bei der Buchhandelskette Walther König in München etwa. Dort wurde ein Großteil der Belegschaft vor die Tür gesetzt, nachdem sich Beschäftigte mit Hilfe der FAU München mit konkreten Forderungen hinsichtlich Löhnen und Arbeitszeit an die Unternehmensleitung gewandt hatten. Wir sehen, die Konflikte werden zahlreicher. Erfolgreiche Lohneintreibungen, häufig begleitet von Protestaktionen vor Firmen und Geschäften, hat es während der vergangenen ein, zwei Jahre überregional von Freiburg im Breisgau bis nach Jena in Thüringen gegeben.

Ein Rückblick. Basisgewerkschaft oder anarchosyndikalistischer Kampfverbund – wie ist das: Welche Rolle spielt bei Ihnen noch der klassische Anarchosyndikalismus?

Der Anarchosyndikalismus ist zentral für die FAU. Also ein Konzept von Gewerkschaften, die zum einen helfen, die Angriffe der Bosse auf unsere Lebensbedingungen abzuwehren, und mit dem wir zum anderen eine komplett andere, nichtkapitalistische Produktionsweise und freie Gesellschaft anstreben.

Was steht in den kommenden Monaten an: der weitere bundesweite Organisationsausbau mit regionalen Schwerpunkten oder Arbeitskonflikte in bestimmten Branchen?

Sicher beides. Wir können schon sagen, dass es in den nächsten Monaten eine Reihe neuer Syndikate in weiteren Städten geben wird. Und wir hoffen und freuen uns darauf, unsere Gewerkschaftslokale bald wieder öffnen zu können. Uns erwarten spannende Dinge – und nicht zuletzt Kämpfe.

Milly Mayer ist vom Pressekomitee der Basisgewerkschaft Freie Arbeiter*innen-Union (FAU)

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