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Aus: Ausgabe vom 01.03.2021, Seite 16 / Sport
Linke Sportkultur

»Unsere Abneigung gegen Rechte ist unser Konsens«

Über den besonderen Charakter des Arbeitersportvereins (ASV) Mannheim. Ein Gespräch mit Anne Sagner
Von Andreas Müller
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»Die Grundidee war: Training, damit sich unsere Mitglieder verteidigen können« (Antifademo in Brandis, 2010)

Arbeitersportverein Mannheim, dieser Name klingt, als hätte der ASV mindestens schon 150 Jahre oder noch mehr auf dem Buckel …

Nein, haben wir nicht. Unsere Gründungssitzung fand 1989 statt in einer Zeit, als auf der Straße die Gefährdung von rechts zugenommen hatte und sich im Verein hier Leute aus der linken Szene zusammenfanden, die potentiell gefährdet waren oder schon persönlich schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Die Grundidee damals war: Training und sportliche Betätigung anbieten, damit unsere Mitglieder besser reagieren und sich verteidigen können. In die Praxis umgesetzt wurde das Konzept ab 1990, als der Verein eine alte vergammelte Industriehalle anmietete und in Eigeninitiative in Schuss brachte. Im Erdgeschoss entstand eine Sporthalle und in der ersten Etage Räumlichkeiten als Treffpunkt für politische Diskussionen und die entsprechenden thematischen Veranstaltungen. Wir haben dort außerdem eine geräumige Küche und Möglichkeiten für Partys. Am Anfang befand sich die Partyzone im Keller, das war keine besonders gute Idee.

Das klingt insgesamt nach einer Mischung aus politischem Bildungsverein und Sportverein?

Genauso ist es. Wir sind ein Verein, in dem sich Sport und Politik treffen. Unten in der großen Halle trainieren zum Beispiel unsere Boxer. Wir haben auch Sportarten wie Tischtennis, Taekwondo, Stock- und sogar den historischen Schwertkampf Hema im Repertoire. Diese verschiedenen Gruppen haben ihre festen Trainingszeiten. Sie sind aber im Prinzip offen für alle unserer insgesamt knapp einhundert Mitglieder, deren Alter reicht von Anfang 20 bis über 60. Alles erwachsene Menschen also, die in der Mehrzahl zugleich politisch interessiert und antifaschistisch engagiert sind. Unsere Abneigung gegen Rechte steht bei uns im Zentrum, das ist der Konsens. Wobei im ASV ganz verschiedene linke Strömungen wie Kommunisten oder Anarchisten koexistieren und der Verein politisch nicht engstirnig auf eine ganz bestimmte Richtung festgelegt ist oder seine Mitglieder darauf festlegen will. Das ist uns in der Satzung besonders wichtig, genau wie die komplette Selbstverwaltung.

Wie muss man sich die Struktur vorstellen?

Nach der Rechtsform sind wir ein nichteingetragener Verein, womit uns einerseits Zuschüsse oder Übungsleiterpauschalen nicht zur Verfügung stehen, wie sie normale Sportvereine bekommen, wir aber auf der anderen Seite in unserer Existenz vollkommen autark sind. Wir leben ausschließlich von den Beiträgen der Mitglieder und Förderer sowie von Einnahmen zum Beispiel aus Festen oder Veranstaltungen. Wir haben auch keinen klassischen Vorstand, sondern zwischen fünf und zehn Leute bilden unser Organisationskomitee. Das trifft sich jeden Monat einmal, wobei jedes Vereinsmitglied an den OK-Beratungen teilnehmen kann, wo vom Putzen bis zu dringend nötigen Reparaturen alles besprochen wird.

Wie sieht die Brücke zum klassischen Arbeitersport aus?

Im 19. Jahrhundert haben die Arbeiter ihre politische Arbeit bekanntlich teils gezwungenermaßen unter dem Dach von Sportvereinen ausgeübt. Der Name passte also, weil Ende der 80er Jahre linkes und antifaschistisches Engagement nicht überall gern gesehen war. Also wählten die ASV-Gründer keinen Namen mit ganz direktem Antifabezug und haben sich für Arbeitersportverein entschieden. Natürlich gibt es bei uns auch Arbeiterinnen und Arbeiter. Aber unter den Mitgliedern sind auch Studierende, Menschen, die von Hartz IV leben, oder Leute mit einem akademischen Titel. Wir sind ein kunterbuntes Völkchen und, obwohl die meisten von uns nicht im Stadtteil Jungbusch leben, durch den Verein hier zu Hause, in einem Stadtteil, in dem etwa 80 Prozent der Menschen, die jetzt hier leben, in erster oder zweiter Generation nicht in Deutschland geboren wurden. Toleranz zu leben und sich für andere Kulturen zu interessieren, das gehört für uns zum Alltag. Diese Themen haben wir ständig im Fokus, und unsere Türen sind für jeden offen, egal woher jemand kommt oder woher jemand stammt.

»Kultur gegen rechts« lautete 2015 eine kommunale Initiative in Mannheim. Bringt sich der ASV in solche Projekte ein? Wie wird dieser sehr spezielle Verein in seiner Heimatstadt wahrgenommen?

Medial wahrgenommen werden wir in der Stadt kaum, und ehrlich gesagt, wir sind auch nicht besonders erpicht darauf. Bei kommunalen Projekten gegen rechts oder anderen Veranstaltungen treten wir nicht als Gesamtverein auf, sondern dort bringen sich unsere Mitglieder oder einzelne Gruppen ein und reichen zum Beispiel Informationen an den ASV weiter. Gern helfen wir auch mit Equipment aus oder stellen anderen unsere Halle für ihre Veranstaltungen zur Verfügung.

Wie ist der ASV bisher durch den Lockdown gekommen?

Wirtschaftlich hilft uns sehr, dass wir uns momentan nur über die Mitgliedsbeiträge finanzieren, wobei natürlich auch Spenden gerne gesehen sind. Am wichtigsten ist immer, dass wir die Miete für unsere Halle stemmen können. Im Lockdown versuchen wir, was uns im Vereinsleben möglich ist. Leider ist das Training momentan verboten. Sobald es Lockerungen gibt, können wir uns endlich auch wieder in unserer Küche auf einen Kaffee treffen oder abends auf ein Bier. Wir können das kaum erwarten und es wird sicherlich sehr vielen Menschen genauso gehen.

Anne Sagner ist 49 Jahre alt, promovierte Biologin, seit 1993 Mitglied beim Arbeitersportverein Mannheim und gehört dem Organisationskomitee des ASV an

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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