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Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 5 / Inland
Finanzbetrug

Waffenhändler Wirecard

Lobbyisten des pleite gegangenen Skandalunternehmens halfen Investor bei Übernahme von Rüstungsschmiede Heckler & Koch
Von Steffen Stierle
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Auch vor dem Geschäft mit Kriegsgeräten schreckte der nun insolvente Zahlungsdienstleister nicht zurück

Der Rüstungskonzern Heckler & Koch (H & K) gilt offiziell als relevant für die nationale Sicherheit. Daher darf kein ausländischer Investor mehr als zehn Prozent der Anteile erwerben, ohne dass die Bundesregierung dies ausdrücklich genehmigt. Bevor der französische Fondsmanager Nicolas Walewski im vergangenen Jahr die Aktienmehrheit übernehmen konnte, mussten daher viele Strippen gezogen werden. Hier kommt Wirecard ins Spiel, und der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister bekommt eine neue Dimension.

Denn es waren offenbar vor allem der frühere Wirecard-Vorstand Burkhard Ley und der bestens vernetzte Wirecard-Lobbyist und frühere Geheimdienstkoordinator des Kanzleramts, Klaus-Dieter Fritsche, die mithalfen, die Übernahme entgegen politischer Vorbehalte einzutüten. Eingebunden wurden die beiden, nachdem in einem intensiven Austausch Walewskis mit dem Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) in den Jahren 2018/19 kein Durchbruch gelingen wollte. Das geht aus vertraulichen E-Mails hervor, über die das Handelsblatt am Dienstag berichtete.

Walewski und Ley waren zu diesem Zeitpunkt bereits durch eine langjährige, fruchtbare Geschäftsbeziehung verbunden. So war Walewski schon 2006 als einer der ersten Großinvestoren bei Wirecard eingestiegen. Offenbar hatte Ley daher zugesagt, sich bei der Übernahme von H & K nützlich zu machen. Den besagten E-Mails ist laut Handelsblatt zu entnehmen, dass Walewski im Juni 2019 eine Zusammenfassung der Korrespondenz mit dem BMWi sowie Listen mit relevanten Ministeriumsmitarbeitern und Verteidigungspolitikern an Ley weitergegeben hatte. Wenig später wurde auch der konkrete Übernahmeplan an Ley übermittelt. Demnach wollte sich Walewski finanzielle Engpässe des damaligen Hauptaktionärs des Rüstungskonzerns, Andreas Heeschen, zunutze machen. Heeschen hatte H-&-K-Aktien im Wert von 15 Millionen Euro an die luxemburgische Holdinggesellschaft CDE verpfändet. Die Eigentümerstruktur der CDE wiederum ist ausgesprochen komplex und undurchsichtig. Letztlich ist es aber wohl Walewski, der dort das Sagen hat. Als Heeschen seinen Kredit nicht bedienen konnte, sollte das Pfand ausgelöst werden.

Doch die Vorbehalte des BMWi gründeten vor allem auf den fragwürdigen Eigentümerstrukturen der CDE. Deshalb wurde ein Alternativplan für den Fall geschmiedet, dass die Regierung ihre Zustimmung verweigert. So entstand unter dem Titel »Project Y« ein Plan, demzufolge ein komplexes Firmenkonstrukt mit Ley als Geschäftsführer aufgebaut werden könnte. Dieser hätte die Aktien und damit die Stimmrechte bekommen. Walewskis CDE wäre als »Limited Partner« mit im Boot gewesen. Fritsche, dessen Rolle einmal mehr schwer zu durchschauen ist, hätte einen Posten im H-&-K-Aufsichtsrat bekommen. Die CDE hatte später laut Handelsblatt betont, es sei nie darum gegangen, »die Vorschriften für ausländische Investitionen zu umgehen«. Letztlich war das auch nicht erforderlich. Offenbar konnten die beteiligten Lobbyisten ein Umdenken im BMWi bewirken. Bevor »Project Y« umgesetzt wurde, signalisierten die zuständigen Beamten, dass die Übernahme zeitnah doch noch genehmigt werden würde. Dazu kam es im Juli 2020.

Im September teilte die Waffenschmiede dann mit, dass Fritsche als Aufsichtsrat benannt werde, wegen seiner Kompetenz in »Governance and Compliance«. Den 50.000-Euro-Job hatte er sich offenbar im Zuge der Übernahme verdient. Zu seiner konkreten Rolle wollte er sich gegenüber Medien nicht äußern. Nachgewiesen ist allerdings, dass er an entscheidenden Treffen mit Walewski und Ley teilnahm, in Berlin als einflussreicher Strippenzieher gilt und Ley sowie seinen Nachfolger im Wirecard-Vorstand, Alexander von Knopp, direkt zu einem Gespräch mit dem Leiter der Wirtschaftsabteilung im Kanzleramt führte.

Aus dem Aufsichtsratsposten wurde trotzdem nichts: Nachdem der Bilanzbetrug des Zahlungsdienstleisters aufgeflogen war, wurde die ganze Sache den Beteiligten im Kanzleramt wohl zu heiß. So hieß es dort im Oktober bezüglich des früheren Kollegen Fritsche: »Gegen die Tätigkeit als Mitglied des Aufsichtsrats der H & K AG bestanden Einwände. Sie wurde untersagt.«

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