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Aus: Ausgabe vom 25.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Untergang des Abendlandes

Da hilft nur Persönlichkeitsspaltung

Gespenstisches Selbstgespräch: Max Otte leidet am Liebesentzug des Mainstreams
Von Michael Bittner
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Flucht in den Wahn: Der ehemalige Ökonomieprofessor Max Otte

Wenn Krisen bis in den Mittelstand durchschlagen, beginnen die Bürgerlichen an ihrer eigenen Gesellschaft zu zweifeln. In solchen Zeiten sind Intellektuelle gefragt, die den Kapitalismus verteidigen, indem sie ihn so kritisieren, dass der Zorn von ihm abgelenkt wird. Vor einhundert Jahren übernahmen nationalistische und faschistische Ideologen diese Aufgabe. Sie wird aber auch heute wieder von einigen Schriftstellern mit beachtlichem Erfolg erledigt.

Der ehemalige Ökonomieprofessor, Fondsmanager und Bestsellerautor Max Otte erlangte als »Crash-Prophet« Berühmtheit, weil er 2006 den Zusammenbruch der Aktienmärkte voraussagte, wenngleich der von ihm ebenfalls prognostizierte »Weltsystemcrash« bis heute auf sich warten lässt. Otte war für eine Weile in den Medien allgegenwärtig, sein Ruf nach einer Regulierung der Finanzmärkte und einer Finanztransaktionssteuer verschaffte ihm Zuneigung auch im linken Lager. Doch der Boom endete, als Otte sich im Gefolge der Aufnahme von Geflüchteten 2015 trotz seiner CDU-Mitgliedschaft immer offener zur AfD bekannte und sogar zum Vorsitzenden des Kuratoriums der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung abstieg.

Wie schwer es Otte fällt, jetzt ohne die Gunst des Mainstreams auszukommen, verrät er in seinem aktuellen Buch »Die Krise hält sich nicht an Regeln«. Ausführlich bemitleidet er sich selbst als Opfer eines Angriffs auf die Meinungsfreiheit: »Früher wurde ich Hunderte Male pro Jahr interviewt. Jetzt: Gar nicht mehr oder nur noch in sogenannten alternativen Kanälen.« Zum Ausgleich hat Otte seinem Buch die Form eines Dialogs mit einem ungenannten Fragesteller gegeben. Ergebnis ist ein Selbstgespräch, das mehr als einmal gespenstisch wirkt.

Ottes Versuch, sich als Kapitalismuskritiker darzustellen, scheitert schon daran, dass er den Teufel nie so ganz beim Namen nennt. Mal liegt er im Detail und heißt »Finanzlobby«, als wäre deren Prinzip Profit ohne Arbeit nicht die Maxime aller Kapitalisten. Dann wieder soll der Teufel gleich in einer neuen Gesellschaftsformation namens »neofeudale Beutewirtschaft« oder »kapitalistische Planwirtschaft« leibhaftig geworden sein. Am ehrlichsten ist Otte, wenn er den Erzfeind als »Globalismus« namhaft macht, also jenen breiigen Begriff benutzt, in den sich unterschiedliche Phänomene wie Weltmarktkonkurrenz und internationale Arbeitsteilung, aber auch Migration und grenzüberschreitende Solidarität so gut verrühren lassen wie vor hundert Jahren Kapitalismus und Kommunismus im »jüdischen Kosmopolitismus«.

Offen bekennt sich Otte zu Männern wie Werner Sombart, Carl Schmitt und Oswald Spengler, also zur Tradition des »deutschen Sozialismus«. Ganz passend dazu verläuft auch für Otte der Hauptwiderspruch nicht zwischen Klassen: »Überhaupt nicht in Erwägung gezogen wird, dass der Interessengegensatz zwischen ­international mobilen und national gebundenen Akteuren heute viel größer ist als der zwischen Arbeit und Kapital.« Was die Deutschen bedroht, ist nach Otte also der »Finanzkapitalismus angelsächsischer Prägung«, während die ehrlichen deutschen Unternehmer gemeinsam mit ihren malochenden Volksgenossen die »Spekulationswirtschaft« verschmähen und statt dessen »Realwirtschaft« treiben. Das gelte zumindest noch für den gesegneten »Mittelstand«, der »Maß und Mitte« bewahrt habe – ganz anders als »Superreiche und Empfänger von Sozialleistungen«.

Wenn das Übel nicht der Kapitalismus, sondern der Internationalismus ist, dann kann das Mittel der Rettung in Ökonomie, Politik und Kultur nur die »Wahrung nationaler Souveränität« sein. Und so preist Otte denn auch das »deutsche Modell von 1870 bis 1939«, das nach 1945 zunächst lange wieder bestens gearbeitet habe. Die Zeitangaben legen nahe, dass das »deutsche Modell« gut auch ohne Gewerkschaften, Demokratie und Juden funktioniert. Die konkreten Vorschläge des angeblichen Systemkritikers Otte zum Weg aus der Krise sind alles andere als grundstürzend, statt dessen manchmal wirr, manchmal konventionell ordoliberal oder banal wie der Ruf nach »preußischen« Tugenden.

Wer einmal auf Max Ottes Twitter-Seite schaut, ist überrascht, wieviel Hass in einem Mann steckt, der so ein freundliches Pfannkuchengesicht hat. Neben rechter Agitation findet sich dort auch Verschwörungsspinnerei von Trump bis Corona. Warum sind gerade Mittelstandsideologen so anfällig für derlei Unfug? Wer ein System liebt und doch viel von dessen Erscheinungen hasst, der muss zwanghaft nach fremden Schuldigen suchen, die das im Kern Gesunde verderben. Sonst müsste man sich ja selbst in Frage stellen. Die Flucht in den Wahn bleibt als einzige Möglichkeit, die schreienden Widersprüche im Kopf zusammenzuhalten.

Wie anders sollte sonst Max Otte überleben, ein US-amerikanischer Staatsbürger und »Atlantik-Brücke«-Lobbyist, der zugleich das »hyper­kapitalistische Friss-oder-stirb-Amerika« anprangert? Ein Fan Warren Buffetts, der die Finanzspekulation kritisiert? Ein Kapitalist, dem es vor den Folgen des Kapitalismus graust? Da hilft nur Persönlichkeitsspaltung: »Investieren und Systemkritik sind zwei Paar Schuhe«, versichert er den Lesenden, die vorm Untergang des Abendlandes schnell noch in einen Otte-Fonds investieren sollen. Und die Idee des Fortschritts, die der Klippschüler Spenglers philosophisch längst verabschiedet hat, kehrt im Glauben an das unendliche Wachstum heimlich zurück: »Aktienkurse können, wie mehrfach gesagt, schwanken, langfristig kennen sie aber nur einen Weg – und zwar den nach oben.«

Max Otte: Die Krise hält sich nicht an Regeln. 99 Antworten auf die wichtigsten Fragen nach dem Corona-Crash. Finanzbuch-Verlag, München 2021, 256 Seiten, 20 Euro

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