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Aus: Ausgabe vom 23.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Comic

Whiskey, Kunst und Auftragsmorde

Actionfilme auf Papier: Zwei neu übersetzte Frühwerke des Mangagroßmeisters Jiro Taniguchi
Von Michael Streitberg
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In New York schläft man nicht – man trinkt

Der Mangazeichner und -autor Jiro Taniguchi (1947–2017) ist einer der wenigen Vertreter seiner Zunft, der auch in Deutschland Erfolge bei einem erwachsenen Publikum feiert. Der Literaturkritiker Dennis Scheck etwa bemühte sich vor einigen Jahren nach Tokio, um Taniguchi dem Publikum seiner ARD-Sendung »Druckfrisch« vorzustellen.

Längst sind noch nicht alle Werke des Zeichners übersetzt. Während sich der Carlsen-Verlag hauptsächlich seinem späteren Schaffen widmet, fokussiert sich der Verlag Schreiber & Leser auf das Frühwerk. Nicht nur stilistisch, auch inhaltlich bewegt man sich dabei in teils sehr unterschiedlichen Welten. Als ein exemplarisches Werk der späteren Schaffensphase kann etwa das in Japan 1998 erschienene und 2008 übersetzte »Vertraute Fremde« gelten. Hier reist ein Mann mittleren Alters durch die Zeit und erlebt einen Teil seiner Oberschuljahre mit dem Bewusstsein des Erwachsenen noch einmal. Taniguchi lässt seinen Helden in der Erinnerung schwelgen und wirft die Frage auf, ob man die eigene Vergangenheit verändern (können) sollte. Sein Szenario, in dem sich psychologisches Gespür mit herausragender Zeichenkunst vereint, wurde in Frankreich mit dem renommierten Preis des Comicfestivals von Angoulême ausgezeichnet. Die Ruhe, die solch reifere Werke ausstrahlen, lässt häufig eher an den europäischen bzw. franko-belgischen Comic denken als an Titel, die im Westen als typische Mangas gelten.

Viele Veröffentlichungen Taniguchis aus den 80er Jahren atmen einen anderen Geist: Sie sind Genrewerke, deren Machart sich an den seinerzeit typischen Konventionen des Erwachsenenmangas für ein primär männliches Publikum orientiert. Man trifft auf harte Kerle und (halb-)nackte Frauen; die Handlung ist actionreich und dynamisch. Auch hier zeigt sich Taniguchi bereits als brillanter Zeichner; sein 80er-Jahre-Stil ist im schönsten Sinne rauher und kantiger als das gesetzte Spätwerk. Bildfluss und Seitenlayout wirken, dem Inhalt folgend, dynamischer. Rasante Szenenfolgen lassen schnell den Wusch nach einer Verfilmung der Krimis und Sci-Fi-Abenteuer jener Schaffensperiode aufkommen. Während die Werke grafisch und handwerklich über jeden Zweifel erhaben sind, wirken Handlung und Szenario jedoch mitunter durchwachsen. Dies gilt auch für die beiden in diesem Jahr bei Schreiber & Leser erschienenen Titel, den Hardboiled-Thriller »Benkei in New York« und das Boxerdrama »Blue Fighter«.

Im Mittelpunkt des gemeinsam mit dem Szenaristen Jinpachi Mori entworfenen Bandes »Benkei in New York« steht der Profikiller bzw. Rachemörder Benkei. Sein Name bezieht sich auf eine bekannte Figur der japanischen Folklore: den Kriegermönch Musashibo Benkei, der laut Überlieferung von 1155 bis 1189 lebte und für seine Treue und Ergebenheit gegenüber dem Feldherrn Minamoto no Yoshitsune gerühmt wird. Der moderne Benkei folgt seinem ganz eigenen Moral- und Ehrenkodex: Hält er Rache für geboten, führt er sie im Sinne seiner Auftraggeber aus. Nebenher ist Benkei auch noch ein genialer Maler (und Kunstfälscher), ein begnadeter Koch und Whiskey-Kenner sowie ein guter Liebhaber. Das mitunter ziemlich pulpige Szenario bietet Anlass für Fechtduelle im Museum, Schießereien aus fahrenden Autos und schmerzhafte Begegnungen mit einem Schwertfischkopf. Letzteren setzt Benkei, der auch bezüglich der richtigen Bewaffnung immer eine passende Lebensweisheit auf Lager hat, in einem Krieg unter Gangsterbossen ein.

All das ist optisch brillant umgesetzt und wird auf eine geradezu formvollendet filmische Weise erzählt. Mangatypische Speedlines (»Geschwindigkeitslinien«) verleihen Szenen wie dem Kampf im Museum eine phantastische Dynamik; das niemals schlafende New York bietet eine Kulisse, die wohl kein einheimischer Comiczeichner besser zu Papier gebracht hätte. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob man diesem Helden gerne folgt: Wo sind etwa Ehre und Moral, wenn man einem Mann die Leber und das Herz seiner (an dessen Verbrechen unbeteiligten) Tochter serviert? Was wohl besonders tough und rough wirken soll, mag nicht wenige Leser abstoßen.

Auch das in Zusammenarbeit mit dem Szenaristen Caribu Marley entstandene »Blue Fighter« ist optisch hervorragend gelungen und flott erzählt. Die Geschichte, in der sich ein dauerbesoffener japanischer Leichtgewichtsboxer mit dem Spitznamen »Reggae« an die Spitze kämpft, atmet den Geist von »Rocky« und Co. Gleichwohl fordern auch hier der Pulp und die teils als Selbstzweck erscheinende Drastik ihren Tribut – etwa dann, wenn Reggae auf Geheiß seines aus den USA eingereisten neuen Managers scheinbar schulterzuckend einen regellosen Kampf auf Leben und Tod bestreitet. Man kann sich nun sagen, dass viele (aber keineswegs alle) Genrewerke der 80er Jahre eben so sind bzw. waren und sich einfach an großer Mangazeichenkunst erfreuen. Wer gerade den nachdenklichen und humanistischen Taniguchi schätzt, dessen Stärken sich in anderen bei Schreiber & Leser veröffentlichten Frühwerken wie etwa »Der Wanderer im Eis« bereits voll entfalten, könnte jedoch enttäuscht sein.

Jiro Taniguchi/Jinpachi Mori: Benkei in New York. Schreiber & Leser, Hamburg 2020, 224 Seiten, 16,95 Euro

Jiro Taniguchi/Caribu Marley: Blue Fighter. Schreiber & Leser, Hamburg 2020, 304 Seiten, 16,95 Euro

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