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Aus: Ausgabe vom 15.12.2020, Seite 12 / Thema
Sucht und Rassismus in den USA

Good Pill, bad Stuff

Die Opioidkrise in den USA ist auch auf ein rassistisch kodiertes Verständnis von Sucht zurückzuführen. Die Unterscheidung von »Dope« und Medizin trennte immer auch die Konsumenten in verschiedene Klassen und »Rassen«
Von Donna Murch
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Narrativ der Doppelmoral: Die »guten Pillen« gibt es bei Pharmakonzernen, das »schlechte Zeug« verticken Schwarze auf der Straße (Filiale der größten US-Apothekenkette CVS in New York, 25.4.2020)

Am 9. Januar wird Donna Murch auf der XXVI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz zum Thema »Faschismus und Rassismus in den USA« sprechen. Donna Murch ist Professorin an der »Rutgers School of Arts and Sciences« in New Jersey und Autorin des Buchs »Living for the City: Migration, Education and the Rise of the Black Panther Party in Oakland, California«. Der vorliegende, leicht gekürzte Beitrag erschien Ende August 2019 im englischsprachigen Original in der Zeitschrift Boston Review unter dem Titel »How Race Made the Opioid Crisis«.

Im März 2018 hielt Präsident Donald Trump in New Hampshire eine vierzigminütige Rede über die Suchtkrise und das Problem der Überdosierung. Trump stand vor einer Wand mit den Worten »Opioide: Die Krise von nebenan« und nannte ausdruckslos die vielen Verantwortlichen der aktuellen Drogenepidemie, darunter Ärzte, Verkäufer und Hersteller. Er sprach mechanisch weiter, bis er mit giftigem Crescendo auf die Beschlagnahmung von 1.500 Pfund Fentanyl durch Zoll und Grenzschutz zu sprechen kam. Da hellte sich sein Gesicht auf, denn er konnte sich auf seine drei meistgehassten Feinde konzentrieren. Zuerst beschuldigte er China und Mexiko, die Vereinigten Staaten mit tödlichen synthetischen Opioiden überschwemmt zu haben, und ging dann nahtlos zu einer der nach seiner Ansicht größten internen Bedrohung über: »Meine Regierung tritt den sogenannten Sanctuary Cities¹ entgegen«, erklärte Trump. »Das Ende der Sanctuary Cities wird entscheidend, um die Drogenkrise zu stoppen.« Wie so viele von Trumps Erklärungen war diese Rhetorik reine politische Phantasie.

Seit Ende der neunziger Jahre haben die jährlichen Todesfälle durch Überdosierung von legalen Opioiden, erworben auf dem »weißen Markt«, jene infolge von Heroinmissbrauch konstant überschritten. Nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention starben zwischen 1999 und 2017 fast 400.000 Menschen an Opioidüberdosierungen, wobei 68 Prozent der Todesfälle auf verschreibungspflichtige Medikamente zurückzuführen waren. Als die Aufsichtsbehörden und Pharmaunternehmen nach 2010 die Vergabekontrollen verschärften, stellte die American Society of Addiction Medicine fest, dass wenigstens 80 Prozent der »neuen Heroinkonsumenten zuvor verschreibungspflichtige Schmerzmittel missbraucht hatten«. In einer Umfrage von 2014 unter Menschen, die sich einer Behandlung gegen Opioidabhängigkeit unterziehen, gaben 94 Prozent der Befragten an, auf Heroin zurückzugreifen, weil verschreibungspflichtige Opioide »weitaus teurer und schwerer zu bekommen« seien.

Angesichts dieser Statistiken ist die Behauptung, dass die Opioidkrise die Folge von Migration aus Mexiko und anderen zentralamerikanischen Ländern sei und nicht so sehr das Ergebnis der Deregulierung von »Big Pharma« und des Versagens eines privaten Gesundheitssystems, nicht nur absurd, sondern auch verlogen. Sie nimmt den rassistischen Mythos für voll und rationalisiert damit die beständig wachsende Strafmaschinerie, während einer der lukrativsten und politisch einflussreichsten US-Wirtschaftslobbys die Absolution erteilt wird. Diese paradoxe Beziehung zwischen einem rassistisch konnotierten Regime des Drogenverbots und einem hochkommerziellen Laisser-faire-Ansatz für verschreibungspflichtige Arzneimittel lässt sich nicht verstehen, wenn man nicht berücksichtigt, wie der rassistisch grundierte Kapitalismus in der Geschichte der USA die Pharmamärkte strukturiert hat. Bereits die sprachliche Konvention der »weißen« und »schwarzen« Märkte zeigt, wie tief unsere Vorstellungen von legal und illegal in der Metasprache von »Rasse« verwurzelt sind.

Geschichte der Diskriminierung

Historisch gesehen, erfolgte die grundlegende Trennung zwischen »Dope« und Medizin entlang von »Rasse« und Klasse der Benutzer. Die frühesten Rechtsmittel im Krieg gegen die Drogen kamen mit den Anti-Opium-Verordnungen im Kalifornien des späten 19. Jahrhunderts zum Einsatz, als chinesische Arbeiter während des Eisenbahnbaubooms in den Bundesstaat strömten. 1914 verabschiedete die Bundesregierung den Harrison Narcotics Act, der Opiate und Kokaprodukte besteuerte und regulierte. In ähnlicher Absicht verabschiedete der Kongress 1937, als nach der mexikanischen Revolution die Einwanderungsrate gestiegen war, den Marihuana Tax Act, der auf die Bräuche und die Kultur der neu angesiedelten Migranten abzielte. Obwohl Cannabis in den USA bekannt war – es wurde in zahlreichen Tinkturen und Medikamenten verwendet –, erfasste das Land eine rassistische Kampagne: »Marihuana« wecke bei farbigen Männern heftige Lust auf weiße Frauen.

So schlimm diese Panikmache auch war, sie verblasst im Vergleich zu dem Knastregime, das in den Jahren nach der Bürgerrechtsbewegung errichtet wurde. In den 1980er und 1990er Jahren wurden Massenverhaftungen und der Krieg gegen Drogen und Banden de facto zum Alltag für die verarmten nichtweißen Communities in den Großstädten der USA. Die Gesetzgebung erweiterte die einzel- und bundesstaatlichen Befugnisse bei Drogendelikten, verweigerte ganzen Familien den Bezug staatlicher Wohnungen, wenn auch nur ein Mitglied der Drogenkriminalität bloß verdächtigt wurde, verlängerte die Liste der Straftaten, für die der Bund die Todesstrafe verhängen konnte, und schränkte die Möglichkeit der Bewährungsstrafe dramatisch ein.

Ein Großteil der Rhetorik der Trump-Regierung mit seiner Wiederbelebung des Krieges gegen die Banden stammt aus den vergangenen Jahrzehnten des Inhaftierungswahnsinns, einschließlich der Androhung der Todesstrafe für den Drogenhandel durch William »Bill« Clinton. Auch die Just-Say-No-Kampagne Ronald Reagans klingt in ihr nach. »Wir alle sind mit einem tödlich lukrativen internationalen Drogenhandel konfrontiert«, warnte Trumps damaliger Generalstaatsanwalt und Justizminister Jeff Sessions. Als er im Herbst 2017 vor der International Association of Chiefs of Police sprach, legte Sessions ein Law-and-Order-Konzept vor, das Rückendeckung für die Polizei, die Reduzierung der Kriminalität sowie die Zerstörung »transnationaler krimineller Organisationen« versprach.

Die Opioidkrise mit dem Krieg gegen die Drogen zusammenzuführen wirft Fragen auf, die über bekannte Narrative und politische Diskurse hinausgehen. Die Opioidkrise wäre ohne den Rassismus, der seit langem die illegalen wie auch die legalen Arten des Konsums strukturiert, nicht möglich gewesen. Die Dämonisierung städtischer, nichtweißer Drogenkonsumenten spielte in den 1990er Jahren eine entscheidende Rolle bei der Öffnung der »weißen« Pharmamärkte, die sich für Unternehmen wie Purdue Pharma als enorm profitabel erwiesen und den Weg für die gegenwärtige Krise der öffentlichen Gesundheit ebneten.

In den 1990er Jahren führte Purdue aggressive Marketingkampagnen, um Ärzte und Aufsichtsbehörden von der Sicherheit eines neuen Typs opioidbasierter Analgetika zu überzeugen. Angesichts ihrer Listung als Substanzen mit hohem Suchtpotential hätte Purdue heftiger Gegenwind gedroht, zumal zu jener Zeit die Zahl der wegen Drogendelikten inhaftierten Personen ein Allzeithoch erreichte. Ein Jahrzehnt zuvor hatte jedoch eine tiefgreifende Verschiebung in der Regulierungspolitik stattgefunden. In den 1980er Jahren initiierte Reagan ein radikales Programm zur Deregulierung von Unternehmen, das der massenhaften Vermarktung von Pharmazeutika den Weg ebnete. Reagans »zweite amerikanische Revolution« hat die Regierungsaufsicht auf ein Minimum reduziert, beschleunigte Prüfverfahren der Food and Drug Administration (FDA) durchgesetzt und zum ersten Mal überhaupt direkt an den Konsumenten gerichtete Werbung für Arzneimittel zugelassen.

Erstaunlicherweise erfolgte die Deregulierung von »Big Pharma« zur selben Zeit, als die Reagan-Regierung einen bombastischen »zweiten« Krieg gegen die Drogen ankündigte, den seine Nachfolger George H. W. Bush und Clinton sogar noch verschärften. Diese potente Mischung aus rassistischer Strafverfolgung bei Drogendelikten und Unternehmensermächtigung schuf das Umfeld, in dem Purdue und andere Unternehmen nach neuen kommerziellen Strategien für die Vermarktung von Opioiden suchten.

Drogen vermarkten

Als Purdue 1996 das langwirkende Opioid Oxycontin einführte, war sich das Unternehmen der Chancen wie der möglichen Fallstricke bewusst. Das Unternehmen entwickelte eine Reihe von Marketingstrategien, um den Umsatz zu steigern und sich auf dem Gebiet des Substanzenkonsums ein Terrain abzustecken. Um Oxycontin, das den Wirkstoff Oxycodon enthält, auf den Markt zu bringen, baute Purdue ein ausgedehntes Netzwerk von Vertriebsmitarbeitern auf und verdoppelte deren Zahl von 318 im Jahr 1996 auf 671 im Jahr 2000. Mit Hilfe von ausgefeilten Datenerhebungsmethoden ermittelte das Unternehmen die Arztpraxen mit der größten Anzahl an Schmerzpatienten. Vertriebsmitarbeiter erhielten für die gestiegenen Opioidverschreibungen in ihren jeweiligen Operationsgebieten Prämien zwischen 15.000 und 240.000 US-Dollar pro Jahr. Sie besuchten wiederholt Ärzte und setzten eine aufwendige Informationsmarketingkampagne um. Purdue bot den Ärzten Fortbildungskurse in Strandhotels, vergab Patientengutscheine, verschenkte Oxycontin-Stofftiere und sogar CDs mit dem Marketingjingle »Get in the Swing of Oxycontin«.

Die aggressive Verkaufstaktik überzeugte Hausärzte, viel häufiger Rezepte für Opioide bei einer Vielzahl von Patientenbeschwerden, einschließlich Rückenschmerzen und Arthritis, auszustellen. Bis 2003 verschrieben die Hausärzte fast die Hälfte des verkauften Oxycontins. Einige Experten sorgten sich damals, dass die Mediziner keine unabhängige Ausbildung in chronischer Schmerzbehandlung und Suchtgefahren erhalten hatten. Der Verkaufswachstum von Oxycontin – von 48 Millionen US-Dollar nach seiner Einführung auf 1,1 Milliarden US-Dollar vier Jahre später – zeigt die enorme Größe der Unternehmung an.

Laut den Gesundheitswissenschaftlerinnen Helena Hansen und Julie Netherland hing Purdues Erfolg nicht nur von der aggressiven Verkaufskampagne ab, sondern auch von einem zweigeteilten Verständnis von Sucht. Die entsprechende Werbung zielte überwiegend auf die weißen Vorstädte und auf ländliche Gebiete. Mit der künstlichen Erzeugung einer geographisch klar abgegrenzten weißen Konsumentenschicht, zu verstehen als Antithese zu den städtischen (nichtweißen) Drogenkonsumenten, gegen die sich die »Wars on Drugs and Gangs« richteten, profitierte das Unternehmen von der Rassenideologie und befeuerte sie gleichzeitig.

Es überrascht nicht, dass in jenen Regionen, die Anfang der 2000er Jahre die höchsten Raten an Opioidmissbrauch aufwiesen – darunter die ländlich geprägten Bundesstaaten Maine, West Virginia, Kentucky und das westliche Pennsylvania –, mehrheitlich eine weiße Bevölkerung lebt. Obwohl die Presse Oxycontin als »Hinterwäldlerheroin« und als bevorzugte Droge für arme Weiße bezeichnete, haben Forscher gezeigt, dass es auch unter zahlungskräftigen Vorstädtern hohe Missbrauchsraten gab. Der ungleiche Zugang zur Gesundheitsversorgung, diskriminierende Verschreibungsmuster unter Ärzten und eine skrupellose Strategie der Pharmaunternehmen, die jene »seriösen« weißen Verbrauchermärkte schufen, haben zur spezifischen Demographie der Opioidkrise beigetragen.

Der Pharmahistoriker David Herzberg, Autor von »Happy Pills in America: From Miltown to Prozac« (2009), stellt die Opioidkrise in den größeren Kontext der US-amerikanischen Geschichte. Laut Herzberg gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen verschreibungspflichtigen und illegalen Drogen. Beide haben physische und psychoaktive Wirkungen, aber die ihnen zugeschriebene soziale Bedeutung hat mehr mit »Rasse«, Klasse und der differenzierten Anwendung staatlicher Macht zu tun als mit Pharmakologie. Die gegenwärtige Ungleichheit zwischen legal und illegal hat ihren Ursprung in der sogenannten Jim-Crow-Ära, als der Oberste Gerichtshof das Prinzip »Getrennt, aber gleich« sanktionierte. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die Bürgerrechtsbewegung die Rassendiskriminierung auf den Verbrauchermärkten in Frage und sorgte dafür, dass die offensten Formen der Diskriminierung wie getrennte Verkehrsmittel und getrennte Wohnblöcke verboten wurden. Aber die rassistische Trennung zwischen legalen und illegalen Drogenmärkten blieb bestehen. Das war die maßgebliche Voraussetzung für die Kriege gegen Drogen und Kriminalität, die auf den Voting Rights Act von 1965 folgten. Heute sind 80 Prozent der wegen Drogenverbrechen in Bundesgefängnissen und 60 Prozent der deswegen in Staatsgefängnissen inhaftierten Personen Afroamerikaner und Latinos.

Einer der überzeugendsten Aspekte von Herzbergs Analyse ist seine historische Untersuchung, wie sich weiße Pharmazeutikakonsumenten, rassistisch kodiert, gegen städtische Drogenkonsumenten abgegrenzt haben, indem sie die pharmazeutischen Helferlein einfach als eine ihnen zustehende Berechtigung definiert haben. In der gleichen Zeit, in der Richard Nixon den ersten Krieg gegen die Drogen vom Zaun brach, forderten weiße Konsumenten den Zugang zu Arzneimitteln als Staatsbürgerschaftsrecht. Dieser problematische »soziale Anspruch« bildete die Kehrseite der weitaus bekannteren Geschichte der Kriminalisierung und Ausgrenzung nichtweißer Bevölkerungsgruppen im Kontext der »Wars on Drugs and Gangs«. Die Bekämpfung der urbanen Laster verlangte umgekehrt eine »Absolution der Weißen«, die eine profitable Massenvermarktung zugelassener Arzneimittel ermöglichte. »Mit dem Fokus auf die weißen Arzneimittelmärkte ergibt sich eine ganz andere Geschichte: die von einem zweigeteilten System der Drogenkontrolle, entworfen, um einen segregierten Markt für psychoaktive Substanzen zu ermöglichen und zu fördern«, schreibt Herzberg. »Dieses Regime hat ein Privileg geschaffen – maximale Freiheit der rationalen Entscheidung auf einem relativ sicheren Drogenmarkt – (…) und verband dieses Privileg sowohl institutionell als auch kulturell mit sozialen Faktoren wie ökonomischem Status und Weißsein.«

Zweierlei Maß

Die kulturelle Logik wie auch die Strafrechtspolitik haben die rassistische Abgrenzung zwischen »akzeptiertem Bedürfnis nach Gesundheit« und »unzulässiger Vergnügungssucht« in der populären Darstellung verstärkt. Kultfilme über Drogen wie »Traffic« (2000) und »Requiem for a Dream« (2000) haben die Tragödie des Abstiegs weißer Frauen in den illegalen Drogenkonsum mittels pornographischer Narrative in Szene gesetzt, in denen »unschuldige« junge weiße Mädchen von schwarzen männlichen Dealern zu Sex gezwungen werden. In Anlehnung an filmische Motive aus D. W. Griffiths klassischem Ku-Klux-Klan-Propagandastreifen »Birth of a Nation« (1915) wird hier zugleich die Ideologie der »White supremacy« nachgespielt, die seinerzeit die Rassentrennung verstärkt hatte.

Die Bedeutung einer Absolution der Weißen wird noch klarer, wenn man die unterschiedlichen Konsequenzen für den illegalen Drogenkonsum nach Hautfarbe betrachtet. Nichts zeigt deutlicher, dass der Staat künstlich getrennte Drogenmärkte aufgebaut hat, als die bundesstaatliche Strafverfolgung wegen Crackkonsums. Nur wenige wissen, dass Weiße fast nie von den Bundesbehörden wegen Crackvergehen angeklagt wurden – obwohl die Daten des National Institute of Drug Abuse belegen, dass mehr als zwei Drittel der Crackkonsumenten weiß waren. Zwischen 1986, als der Kongress den Anti-Drug Abuse Act unterzeichnete, und 1994, als Clintons »Crime Bill« verabschiedet wurde, ist in Miami, Boston, Denver, Chicago, Dallas oder Los Angeles nicht eine einzige weiße Person wegen eines Crackvergehens von den Bundesinstanzen verurteilt worden. »Unter Hunderten von Fällen wurden in Kalifornien nur ein Weißer, in Texas zwei, in New York drei und in Pennsylvania zwei verurteilt«, bemerkte Dan Weikel, Reporter der Los Angeles Times. Statt dessen haben die Staatsanwälte ihre Fälle auf die einzelstaatliche Ebene abgeschoben, wo die Rate der Verurteilungen niedriger und die Strafen kürzer waren.

Im Zentrum dieser Ungleichheit steht das paradoxe Verhältnis von Verbot und Verfügbarkeit. Einige der schärfsten Befürworter der Bestrafung und Kriminalisierung des illegalen Drogenkonsums haben zugleich die Deregulierung von Arzneimitteln und den erleichterten Zugang zu Opioiden enthusiastisch unterstützt und verteidigt. Wenn es irgendeinen Zweifel an Trumps Duldung von Big Pharma geben sollte, reicht es, an die Ernennung von Alex Azar II., dem ehemaligen Präsidenten der US-Tochter des Pharmagiganten Eli Lilly and Co., zum Gesundheitsminister zu erinnern.

Die Karriere von Rudolph Giuliani ist eines der besten Beispiele für diese kognitive Dissonanz in bezug auf die Drogenpolitik, die nur als Ausfluss des rassistisch grundierten Kapitalismus richtig verstanden werden kann. Als Bürgermeister von New York (1994–2001) war Giuliani zusammen mit seinem Polizeichef William Bratton verantwortlich für eine Null-Toleranz-Politik, die geringfügige Vergehen wie Bettelei und Graffiti sowie den Verkauf und den Besitz kleinster Cannabismengen scharf verfolgte. Die Giuliani-Administration verantwortete jährlich etwa 40.000 Festnahmen wegen Marihuanabesitzes, fast vierzigmal mehr als in vorangegangenen Jahrzehnten. Mit 51.267 Verhaftungen im Jahr 2000 wurde während seiner Amtszeit die höchste Zahl erreicht, die jemals in New York City verzeichnet wurde.

Zwei Jahre nach diesem Allzeithoch vertrat der ehemalige New Yorker Bürgermeister, inzwischen abgewählt und wieder als Rechtsanwalt tätig, Purdue Pharma gegen bundesstaatliche Ermittlungen wegen unsachgemäßer Vermarktung von OxyContin. »Es gibt zig Millionen Amerikaner, die unter anhaltenden Schmerzen leiden«, argumentierte Giuliani. »Wir müssen einen Weg finden, um den Zugang zu geeigneten verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln für diejenigen zu gewährleisten, die unter den hinderlichen Auswirkungen von Schmerzen leiden, und gleichzeitig den Missbrauch dieser lebenswichtigen Medikamente zu verhindern.«

John Brownlee, ein Anwalt aus Virginia, leitete diese Untersuchungen gegen Purdue Pharma, um auf die explodierende Zahl von Opioidüberdosierungen in seiner Region zu reagieren. »Die höchsten Etagen der Firma drängten auf eine illegale Vermarktung. Das machte sie nach meiner Ansicht zu einem kriminellen Unternehmen«, erklärte Brownlee. In diesem Fall aus Viriginia leistete Giuliani Purdue juristischen Beistand und vermittelte politische Kontakte nach Washington. Er erreichte, dass leitende Angestellte keine Gefängnisstrafen verbüßen mussten, und versuchte, die Möglichkeit zukünftiger Ermittlungen gegen Purdue einzuschränken. Laut dem Guardian hat Giulianis Intervention verhindert, dass »den Geschäften, die Purdue mit der Bundesregierung macht, ein Riegel vorgeschoben wurde, was einen großen Teil des milliardenschweren Marktes für das Medikament zerstört hätte«.

Tödlicher Markt

Aktivisten, investigative Journalisten und Anwälte haben umfangreich das Verschulden von Pharmaunternehmen in der gegenwärtigen Opioidkrise dokumentiert. Doch das ist in der öffentlichen Meinung lange Zeit nicht durchgedrungen. Oftmals ging es da bloß um unethische Praktiken einzelner Ärzte und um die »Pillenmühlen«, anstatt herauszustellen, wie Purdue und andere Unternehmen eine Werbemaschinerie aufgebaut hatten, um die sozialen Kosten des Verkaufs ihrer Betäubungsmittel abzuwälzen. Die Jungen waren am härtesten betroffen. Die New York Times schätzte, dass fast 400.000 Menschen, die von verschreibungspflichtigen Opioiden oder Heroin abhängig sind, zwischen 18 und 25 Jahre alt sind. Noch besorgniserregender ist, dass in Staaten wie Ohio und West Virginia, die die höchsten Raten am Konsum verschreibungspflichtiger Opioide aufweisen, 50 bis 80 Prozent der Pflegeunterbringungen auf den häuslichen Substanzenmissbrauch zurückgehen. In den Fragen von Gesundheit und Schmerzbekämpfung hat sich der Fundamentalismus des freien Marktes als ziemlich tödlich erwiesen.

Im Februar 2018 erklärte der Stanforder Psychologe Keith Humphreys vor dem Rechtsausschuss des Repräsentantenhauses für Einwanderung und Grenzsicherheit: »West Virginia ist emblematisch für die Gegenden, wo diese Epidemie am zerstörerischsten ist – ländliche Gebiete, in denen es keine Sanctuary Cities gibt, ja in der Regel überhaupt keine Städte. Neueinwanderer sind selten, aber die Opioidabhängigkeit wuchert ungezügelt. Das liegt daran, dass die Opioidepidemie in den USA verursacht wurde, nicht in Mexiko, China oder irgendeinem anderen Land. Das bemerkenswerte Anwachsen der Opioidverschreibungen, die auf ihrem Höhepunkt fast eine Viertelmilliarde Rezepte pro Jahr erreichten, hat unsere Opioidepidemie ausgelöst und hält sie immer noch am Laufen.«

Die rassistische Logik, die seit langem die Verbotsbemühungen untermauert, aber umgekehrt das Bestreben der Pharmaindustrie, ihre Reichweite zu vergrößern, verschleiert oder gar befördert, muss zurückgedrängt werden. Phantasieangaben über Drogenverkauf und -konsum nähren weiterhin das zutiefst internalisierte nationale Narrativ, wonach die Grenze zwischen Weiß und Schwarz, einheimisch und fremd, unschuldig und schuldig, Medizin und Vergnügen, verdient und unverdient, Rechtmäßigkeit und Illegalität verläuft. Die Trump-Regierung hat sich wie ihre demokratischen und republikanischen Vorgänger einiger der zerstörerischsten Symbole des rassistischen Geistes aus dem Repertoire des »War on Drugs« bedient. Eine der wichtigsten Lehren, die sich aus der Betrachtung der Opioidkrise und des »War on Drugs« unter dem Gesichtspunkt eines rassistisch grundierten Kapitalismus ziehen lässt, ist, dass die Privilegien des Weißseins hohe gesellschaftliche Kosten verursachen, nicht nur für diejenigen, die von ihnen ausgeschlossen sind, sondern auch für diejenigen, die sie besitzen.

Anmerkung

1 Sanctuary Cities (Zufluchtsstädte) ist ein Sammelbegriff für Städte und Gemeinden, die Regelungen eingeführt haben, mit denen sie die Zusammenarbeit mit ihrer jeweiligen Staatsregierung bei Fällen illegaler Einwanderung reduziert haben. Manche gewähren dabei allen Bewohnern Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und weigern sich beispielsweise, an Abschiebungen mitzuwirken.

Übersetzung aus dem Englischen: Daniel Bratanovic

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