Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
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Der Schwarze Kanal: »Barmherzige Mutti«
Aus: Ausgabe vom 18.07.2020, Seite 12 / Thema
Journalismus

Ein langer Abschied

Ein in der DDR ausgebildeter Journalist entfremdet sich von seiner Redaktion in München. Über Birk Meinhardts Buch »Wie ich meine Zeitung verlor«
Von Stefan Siegert
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Hier verabschieden sich deutsche Soldaten zur Besetzung und Kontrolle des mittels NATO-Bomben abgespaltenen Kosovo. Der Journalist Birk Meinhardt nennt diesen Krieg einen »kriminellen staatlichen Akt«. So etwas hörte man in seiner Zeitung ungern (Pressetermin mit Bundeswehr, 4.3.1999 in Munster)

Da schreibt einer: »Es war die schönste Jahreszeit auf Island, der Winter war gegangen, und silbriges Wasser strömte aus den Bergen übers schwarze Gestein meerwärts, Sonne und Mond erhellten die Insel, die ich in einer Nacht quer durchfuhr, manchmal stieg ich aus, lehnte mich an den Wagen und tat minutenlang nichts als in die pergamentene Landschaft zu sehen und dem unaufhörlichen Flüstern der vom Schmelzwasser bewegten Kiesel zu lauschen.« Kann man Schönes schöner beschreiben? Das Buch, in dem sich die kleine Kostbarkeit findet, fühlt sich sonst für Poesie nicht zuständig, ein »Jahrebuch«, wie es im Untertitel heißt. Erzählt wird nicht tageweise, erzählt werden die Jahre seit Öffnung der Mauer, in denen unterm Strich dem Autor etwas widerfuhr, was er vom Ende her, der Gegenwart, als Buchtitel wählte: »Wie ich meine Zeitung verlor«.

Es handelt sich um die Süddeutsche. Der Autor, Birk Meinhardt, hat sie nicht in der Bahn oder in einem Café liegengelassen. Er war von 1992 bis 2012 bei der Süddeutschen Zeitung beschäftigt, zunächst als »Sportmann«, die meiste Zeit als Reporter, er kann schreiben, zweimal bekam er den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Lesend stellt man fest, es geht in diesem Buch weniger ums Verlieren, es geht um einen Verlust. Die Zeitung ist die Metapher dafür.

Als der Staat DDR sich preisgab, war Meinhardt dreißig, ein hoffnungsvoller Sportjournalist bei Junge Welt und Wochenpost. »Mein erstes Leben«, nennt er den Lebensabschnitt »in unserem kleinen Land«. Zweimal, hält er sachlich fest, hätte er trotz seiner Jugend stellvertretender Chefredakteur werden können. Beim ersten Mal wird es nichts, weil er weder Lust hat, sich für ein Vorbereitungsjahr – »ich wollte nur einfach weiter schreiben« – der »Berieselung« einer Parteischule zu unterwerfen. Noch ist er willens, das, was ihm dort eingetrichtert würde, per demokratisch-zentralistischem Top-Down-Management ans »Fußvolk« weiterzugeben (alles außerhalb der Anführungszeichen gezielt von mir, St. S.).

Glück und Knacks

Als dann die Konterrevolution triumphiert und seine Wochenzeitung vom Hochhaus in der Kochstraße übernommen wird, bekommt er von da noch einmal das Angebot, zweiter Mann zu werden. Sympathisch naiv wie nur die Leute vom 4. November meint er, nun endlich »tabulos Zeitung machen« zu können, »ohne Beschränkungen« – »tiefgründiger sollte es werden, fundierter, kritischer, so hatten wir es uns in der kurzen Zeit, da wir bei uns gewesen waren, doch vorgenommen«. Dieses »bei uns«, typisch für den Sprachgebrauch in der DDR – ich habe es in siebzig Jahren BRD auf den Westen angewendet nie gehört – verwendet Meinhardt so authentisch, wie es die Enttäuschung ist, als er erkennen muss, dass »seine« Zeitung im Sumpf des Boulevards versinken wird, er fängt gar nicht erst damit an. Als er, die Qualität seines Schreibens hat sich herumgesprochen, bei der FAZ vorgeladen ist, beantwortet er die für freiheitlich-westliches Denken offenbar unvermeidliche Frage des ihn begutachtenden Herausgebers, ob er in der Partei gewesen sei, mit ja. Aber doch sicher nur, lautet die Goldene-Brücke-Frage, um besser voranzukommen? Nein, er habe etwas verändern wollen. Damit war auch das erledigt.

Vor lauter Glück, bei der SZ nun endlich machen zu können, wovon jeder schreibende Solist träumt, zu reisen, die Welt zu sehen, interessante Menschen in das Wissen erweiternden Zusammenhängen zu erleben, sieht es aus, als verlöre er die Gesellschaft ein wenig aus den Augen, in der er lebt. Immerhin, in den 1990er Jahren ist die Welt, soweit man sie, von der Bundesrepublik aus betrachtet, erkennen kann, noch leidlich in Ordnung. Aber dann mehren sich die Zeichen. Eines davon die zum V gespreizten Finger des Deutsche Bank-Chefs Josef Ackermann vor Gericht. Es veranlasst 2004 seine Zeitung, den Reporter Meinhardt mit einer Geschichte über die Deutsche Bank zu betrauen. Er ist nicht vom Fach? Umso besser. Er kann exzellent recherchieren. Soll er es tun, solange es ihm nötig erscheint.

Drei Monate später ist der Text fertig. Er ist im neuen Buch abgedruckt. Es fehlt nichts. Nicht die Rolle der Bank bei Finanzierung und Verwertung der kriegerischen Weltmachtträume des deutschen Kaiserreichs, nicht die Rolle der ehrbaren Banker erst bei der »Arisierung«, dann der überfallartigen Unterwerfung der europäischen Konkurrenz bis hin zu den Extraprofiten durch »Fremdarbeiter« und KZ-Häftlinge. Es fallen Sätze wie der, dass die »Globalisierung in Wahrheit eine Neuordnung der Besitzverhältnisse« sei. Meinhardt beschreibt anschaulich und unterhaltsam, wie die gute alte Deutsche Bank, zum Schaden des deutschen Mittelstands, von den fiesfitten Finanzjungs aus London gekapert wird, sie ist erledigt, die letzten Reste bürgerlicher Ethik auch. Diese »Geschichte über den Spätkapitalismus« wäre für Medien wie die junge Welt oder den Freitag wahrscheinlich nur etwas zu lang, sonst mit Kusshand genommen worden. In der Süddeutschen Zeitung erschien sie nie. Der Chef des Wirtschaftsressorts war dagegen, so stelle sich Klein Fritzchen die Finanzwelt vor, meinte er, eine »Verschwörungsgeschichte«. Meinhardts Gegenargumente, er gibt Teile des redaktionellen Mailwechsels wieder, sind stichhaltig, sie stellen Zusammenhänge her, die man im freien Westen einfach nicht gern hergestellt sieht. Und er bemerkt, »dass da etwas Grundsätzliches im argen liegt«. Aber am Ende lässt er sich tatsächlich einreden, der Text wäre »locker in Druck gegangen«, wäre nur der Autor zum Zeitpunkt der Diskussion zu seiner Arbeit nicht gerade weit weg in Urlaub gewesen. Zack. Der alte Trick. Selber schuld. Aber alles in Ordnung. An fehlender Meinungsfreiheit hat es jedenfalls auf gar keinen Fall gelegen.

Trotzdem. Wahrscheinlich ein erster Knacks im Westgefühl, sonst hätte Meinhardt den Text über die Deutsche Bank im neuen Buch wohl nicht abgedruckt. In ihm wach bleibt unerschütterlich der Glaube ans Leitbild kühler journalistischer Unabhängigkeit, Modell Hanns Joachim Friedrichs. Was hätte der gute Hajo, hätte er sich dreißig Jahre überlebt, wohl zum Schicksal Julian Assanges gesagt? Hätte er sich auch mit ihm nicht »gemein« machen wollen? Zum möglichen Verlust dieses Glaubens trägt der zweite Knacks, vielleicht schon der Bruch bei, den Meinhardt beschreibt.

Zweite Enttäuschung

Die Geschichte passiert 2010. Die Solidargemeinschaft imperialer Oligopole hatte im September 2008 Lehman Brothers pleite gehen lassen: Die erste große Finanzkrise im Leben des Autors aus der DDR. Er hatte sie theoretisch in seiner Deutsche-Bank-Arbeit ja schon vorausgeahnt. Praktisch aber schwirren ihm da plötzlich Gedanken durch den Kopf, die man dort nicht erwartet hätte. Gut, nicht jeder, der in der SED war, war darum gleich Kommunist. Nicht für alle ist die historisch-materialistische Dialektik als Erkenntnismethode etwas fürs Leben. Aber muss man, nur weil ein Justizirrtum, eine auf falschen Behauptungen basierende Hetzkampagne – davon erzählt anhand zweier Fälle eine von Meinhardt für seine Zeitung verfasste Reportage – auch schon mal einen Rechten treffen kann, gleich die bundesrepublikanische Wirklichkeit auf den Kopf stellen – ihre Exekutive, die Politik und die gesamte Bevölkerung pauschal zu unbelehrbaren Antifaschisten und Ausländerfreunden umdeklarieren? Jeder unschuldig Angeklagte oder Abgeurteilte, auch wenn er ein mit Rechtsstaat und Menschlichkeit auf dem Kriegsfuß stehender Neonazi wäre, ist einer zuviel. Aber Deutschland, das bleibt im Namen seiner Heiligkeit, des Privateigentums, ein seit seiner Gründung aggressiv autoritäres, kolonialistisches Staatsgebilde, ewig blind nur auf einem Auge, dem rechten.

Das ist in der Süddeutschen Zeitung freilich nicht der Standpunkt jener Leute, die Meinhardts Plädoyer für Gerechtigkeit auch für Neonazis nicht drucken mochten. Sie fühlen sich seit 1945 für die Unversehrtheit von Kulissen verantwortlich, hinter denen, zusammen mit Typen wie dem Doktor Hans Globke, dem Mann hinter Bundeskanzler Adenauer, einer wie Hermann Josef Abs die Strippen gezogen hat, Abs, er taucht in Meinhardts Deutsche-Bank-Würdigung nicht auf, war während der Nazizeit bis hin nach Auschwitz und Treblinka fürs »Auslandsgeschäft« der Deutschen Bank verantwortlich. Eine der wichtigsten Lebenslügen des Staates, dem Globke wie Abs so gewissenhaft dienten, besteht bis heute darin, er habe aus der Geschichte gelernt. In diese Lebenslüge passte Meinhardts Text auf eine ziemlich verquere Weise nun überhaupt nicht.

Diesmal fühlt er sich zensiert. Ihm dämmert oder ist längst aufgegangen, dass da etwas nicht stimmt – nicht nur mit dem Journalismus in diesem Land. Ob die Lösung darin besteht, die Welten zu wechseln und vom Journalisten zum Schriftsteller zu werden? Es wird sich zeigen. Es ist der Weg, den er wählt. Zwei Romane hat er schon veröffentlicht, Pilotromane. Sein Chefredakteur gewährt ihm per Ruhensvereinbarung 2012 fünf Jahre Sabbatical für die Arbeit am zweibändigen Roman »Brüder und Schwestern«, das erste Werk, das er für ausgereift hält. 2013 kündigt er bei der Süddeutschen. Vier Jahre später fühlt er sich »in jeder Hinsicht ausgebrannt«.

Er schreibt dann doch, nun als Schriftsteller, auch wieder für Zeitungen. So für Cicero, ein Zeitgeistmagazin, das den Bogen – vom Boulevard bis zur Neuen Rechten – echt raus hat. Er bleibt bei der eigenartigen Parteinahme für Menschen, deren Ansichten und Tun nicht zu ihm passen. Ein naher Freund, einst DDR-Bürgerrechtler, nun Anwalt im Westen, liefert die philosophische Begleitung. »Desillusionierung«, sagt er, »ist Fortschritt«. Eine, bei allem schon von Karl Marx festgestellten Gewinn durch Verlust von Illusionen, merkwürdige Verwendung des Fortschrittsbegriffs bei Menschen, die keine Ahnung haben, wohin es gehen soll.

Dann klopft er, ein Rätsel warum, erneut bei »seiner Zeitung« an. Die lässt ihn ein, er kann loslegen. Die Themen, die ihm einfallen, sind allesamt Reflexe auf aus seiner Sicht allzu schnell gefasste oder allzu laut und mächtig propagierte Mehrheitsmeinungen oder solche, die unbedingt dazu werden sollen. Der stärkste Reflex erfolgt auf eine Geschichte über Ramstein, die er in der SZ liest. »Die reinste Huldigung«, empört er sich. »Wie vom Pentagon in Auftrag gegeben.« Ein Gegenstück muss her. Er legt los.

Wieder fehlt nichts. Nicht die freiwillige Aufgabe bundesrepublikanischer Souveränität zugunsten des global mörderischen Drohnenkriegs des transatlantischen Bündnisführers, eines Freunds mit offenem Weltherrschaftsanspruch. Nicht der Treppenwitz, dass der Friedensnobelpreisträger Obama zehnmal so viele Drohnen losschicken lässt wie sein Vorgänger. Auch die Information, dass die USA das Gelände der Airbase nur gepachtet haben, Kündigungsfrist durch die Bundesregierung zwei Jahre, fehlt nicht. »Wir müssen Fluchtursachen bekämpfen«, beteuern die Politiker doch immer und zucken scheinbar hilflos mit den Achseln, sagt Meinhardt. »Steht dort in Ramstein nicht eine Fluchtursache? Ist es nicht sogar die einzige, die wir hier ganz schnell beseitigen könnten?« Der Text wird natürlich wieder nicht gedruckt und ist nun seine definitiv letzte Arbeit für die Zeitung.

Doch kann man die Dinge klarer auf den Punkt bringen? Aber als im August 2018 in Chemnitz ein Deutsch-Kubaner unter unklaren Umständen durch den Messerangriff eines Arabers stirbt, als der braune Mob auf die Straße geht und die Medien nach Ansicht Meinhardts erneut ungerecht, nämlich gegen den braunen Mob, berichten – der nächste falsche Reflex. Menschen wie Birk Meinhardts naher Freund oder sein Nachbar, Ostdeutscher und Unternehmer, mit dem er ein langes Gespräch darüber führt, ob nicht auch im Westen in Wahrheit alles einheitlich »von oben« gesteuert wird, was Meinhardt, auch er natürlich ein Gegner aller »Verschwörungstheorien«, vehement bestreitet – solche Menschen halten dafür, es seien »die Zeiten« und das immer wieder »freiwillige Handeln« vieler Milliarden einzelner, die am Ende etwas ergeben, was die, die so denken, »Schicksal« nennen. Die nicht so denken, nennen es Geschichte. Die blinde, ins Nichts führende Hochrechnung einer zehnstelligen Zahl von Einzelbiographien wäre das eine. Das andere ein »Zusammenspiel«, wie Meinhardt auf Seite 126 in einer Reflexion über Chefredakteure schreibt, ein – möglicherweise, sage ich, ja nicht unentwirrbares – »Geflecht von Gründen«.

Kluges unaufgeräumt

Er verfolgt täglich, geradezu manisch, die Linie der Zeitung, die er verlor. Er empört sich darüber, wie geschichtsignorant und arrogant sie mit dem 75. Jahrestag der Befreiung Leningrads umgeht. Er stellt fest, sie ist Teil einer Einheitsmeinung, so, wie alle politischen Parteien des Landes Flügel einer Einheitspartei sind. Egal, ob es um den Krieg gegen Jugoslawien geht oder um den gegen den Irak, Libyen oder Syrien, egal, ob seine Exkollegen Milosevic verteufeln, Saddam Hussein, Ghaddafi oder Putin, sie sind mit sehr wenigen Ausnahmen Bellizisten, alle auf Linie der NATO. Den Jugoslawien-Krieg nennt er »einen Krieg ohne UN-Mandat, ein krimineller staatlicher Akt. Der erste Angriffskrieg eines Landes, dessen Bürger ich war oder bin«. Und dann taucht es noch einmal auf, das kleine Land im Osten. »Mein altes Land«, schreibt er, »hat so etwas nie getan«.

Birk Meinhardt war es in der DDR nicht verboten, Hegel zu lesen. Er hat es offenbar nicht getan. Schade. Vielleicht hätte es dazu geführt, die vielen, wie die Spielsachen in einem unaufgeräumten Kinderzimmer, in seinem Kopf herumliegenden klugen Gedanken in eine irgendwie sinnvolle Verbindung zueinander zu bringen. Folgt man der ihm als erstrebenswert erscheinenden Alternative des nahen Freundes: »Ausharren im Nichtdazugehörenwollen« gehört man am Ende nur wieder zu denen, die es vorziehen, allein zu bleiben. Das sind schon zu viele, es ist der Weg Schopenhauers, Nietzsches oder eines anderen der Myriaden bürgerlicher Denker, die nichts als den unmenschlichen Stolz der Einsamkeit zu bieten haben, nicht der Weg Hegels. Birk Meinhardts Buch beschreibt den Verlust einer Zeitung als den eines Weltverlusts. Schaut man sich diese Zeitung heute an, wäre zu sagen: Zuviel der Ehre!

Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor: Ein Jahrebuch. Das Neue Berlin, Berlin 2020, 144 Seiten, 15 Euro

Stefan Siegert schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 24./25./26.12.2019 und in der vom 27.12.2019 über die Geschichte des ­Klavierbaus.

Kosovo ’99: Meine Zeitung hat die Aggression gutgeheißen

Wann hat das nur angefangen? So fragt jemand anderes am Abend des Jahreswechsels, ein guter Freund, der seit Ewigkeiten für ein großes Medium arbeitet, einer aus dem Westen übrigens, wann hat es angefangen zu sein, wie es ist? Wir schauen uns ratlos an. (…)

Eine Vermutung war mir Silvester aber doch durch den Kopf geschwirrt, ein Erinnerungsfetzen eigentlich nur, Kosovo ’99, der Versuch der Einflussnahme auf den Abdruck von Leserbriefen, ist das vielleicht der Anfang gewesen? Oder, umfassender formuliert, spiegelt sich darin der Anfang? Es interessiert mich, es herauszufinden. Es ist auch ein spätes Nachholen. Ich will die Briefe, um die ich mich vor 20 Jahren nicht geschert habe, jetzt lesen, ich will wissen, was an mir vorbeigerauscht ist, nein, woran ich in meiner Herrlichkeit vorbeigeschwebt bin, ich gehe in die Bibliothek und bestelle mir die Mikrofilme mit den Zeitungsausgaben der damaligen Zeit. Wie altertümlich: diese Filmrollen, die man über die Lichtquelle ziehen und in den Schlitz einer jeweils leeren Rolle stecken muss; dieses klobige Gerät mit Knöpfen zum Vor- und Zurückspulen, das mich an den Modell­eisenbahntrafo meiner Kindheit erinnert, dieses Notizbuch, in dem ich eine Tabelle angelegt habe, mit einer Spalte für die Leserbriefe pro Kriegsbeteiligung der Deutschen und einer für die Briefe dagegen, für jeden Tag, an dem die NATO Serbien bombardiert hat, will ich die Zahlen eintragen. Ist eine Fleißarbeit nur. Ist eine, die ich auch in einfach strukturierten Kinderzeiten verrichtet haben könnte. Sei’s drum, sie führt zu Ergebnissen, das Resultat für die erste Leserbriefseite lautet, neun Abdrucke von neunen sind kritischen Inhalts. Die zweite Seite dann: vier pro, fünf kontra, und Numero drei: zwei pro, acht kontra. Und so in etwa bleibt das Verhältnis; als es mir klar wird, spule ich, des rein Mechanischen meines Strichemachens nun doch schon überdrüssig, zügig vor, die zwei Monate, die es gewesen sind bis zum Ende des Bombardements, hat sich da vielleicht was geändert? Hat es nicht. Die kritischen Briefe überwiegen bei weitem. Demnach ist die Einflussnahme des Außenpolitikchefs ohne sichtbaren Erfolg geblieben. Ist meine Vermutung falsch gewesen. War die Zeitung noch nicht von sich abgekommen. Habe ich Grund, mich zu freuen, denn damals war ja ich es gewesen, der mit Stolz und Feuereifer dort gearbeitet hat, und das war nicht falsch. Das war schon recht. Welch nachträgliche Bestätigung, sich jetzt diese vielen abgedruckten widerspenstigen Leserbriefe zu Gemüte zu führen!

Aber die Freude wird überlagert von Beklemmung. Natürlich lese ich auch die Kosovo-Berichterstattung, auf die jene Briefe Bezug nehmen, warum sind sie denn so widerspenstig und teilweise gar wütend? Weil die Berichte, jedenfalls im Politikteil, so treu auf Linie der NATO sind. Im Feuilleton verhält sich’s ein wenig anders, da finden sich, zuweilen, auch nachdenkliche Stimmen, aber im Politikteil dominieren jeden Tag auf erschreckende Weise die Bellizisten, der noch warnende Innenpolitikchef steht allein, denn der Außenpolitikchef gibt die Marschrichtung vor, nach Belgrad, nach Belgrad, und alle Jungs folgen, oder er muss nichts vorgeben, und sie marschieren von selbst, ich weiß nicht, ich sehe nur, in der Zeitung im entscheidenden Politikteil schreibt mir eine fast geschlossene Formation entgegen, eine, die die Pazifisten auf der Straße und im Parlament buchstäblich verhöhnt, dabei war es doch ein Krieg ohne UN-Mandat, ein krimineller staatlicher Akt. Der erste Angriffskrieg eines Landes, dessen Bürger ich war oder bin. Mein altes Land hat so etwas nie getan. So ein Aggressor ist es nicht gewesen. Jetzt erst, beim Lesen der Berichte, wird mir dieser elende Rückschritt voll und ganz bewusst: dass ich heute in einem Staat lebe, der es gewagt hat, einen anderen Staat völkerrechtswidrig zu bombardieren.

Meine Zeitung hat jene Aggression bis auf Ausnahmen gutgeheißen, nicht ohne Stolz sogar: Die Luftwaffenoffiziere in den deutschen Kampfflugzeugen, schreibt ein Leitartikler, seien die ersten Soldaten in der deutschen Geschichte, die mit demokratischer Legitimation in den Krieg geschickt würden. Fast feierlich klingt das. Der Leitartikler, der also erklärt, dass Demokratien in Selbstermächtigung Kriege führen dürfen, weil es Demokratien sind, ist der jetzige Chefredakteur, und ich, der ich in der Bibliothek sitze, möchte den Leserbriefschreiber umarmen, der ihm erwidert, nach dieser Logik sind die amerikanischen Bomben in Hiroshima und Nagasaki demokratische Bomben und die französischen Massaker in Algerien demokratische Massaker gewesen.

Aber unsere humanistischen Gründe, rufen die kriegsführenden Demokraten, aber Milosevic der Schlächter! Ja der, sage ich – und andere in anderen Ländern, warum bleiben sie unbehelligt? Rhetorische Frage. Weil ein Schlächter nicht selten auch ein Günstling ist und es unklug und geradezu überflüssig wäre, in sein Territorium, über das man de facto schon verfügt, einzufallen; Milosevic war kein Günstling, Serbien war nicht verfügbar, aber der Kosovo ist es nach der herbeigebombten Abspaltung von Serbien geworden, heute befindet sich dort die größte US-Militärbasis auf dem Balkan; und da ich gerade bei der Verfügbarkeit bin, der damalige Außenpolitikchef der Zeitung war Dozent an Unis der Amerikaner und Autor in deren Blättern und Mitglied in deren Think Tanks, und sein Nachfolger ist ebensolch ein Mitglied – aber genug davon. Diese geostrategischen Interessen und persönlichen Verflechtungen sind ja schon hinlänglich beschrieben.

Auszug aus: Birk Meinhardt: Wie ich meine Zeitung verlor

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