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Aus: Ausgabe vom 22.05.2020, Seite 1 / Titel
Coronapandemie in Chile

Arroganz der Herrschaft

Ärmste in Coronakrise in Chile auf sich allein gestellt. Demonstranten beklagen Hunger. Innenminister nennt Proteste »inakzeptabel«
Von Frederic Schnatterer
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Auseinandersetzungen zwischen »Carabineros« und Demonstranten bei einem Protest in Santiago de Chile am Montag

Nachdem die Protestbewegung, die Chile seit Oktober 2019 fest im Griff hatte, mit Beginn der Coronakrise weitgehend abgeflaut war, führen jetzt gerade die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu einem neuen Aufbäumen der Bevölkerung. Am Mittwoch (Ortszeit) gingen in der Hauptstadt Santiago den dritten Tag in Folge Hunderte Menschen auf die Straße, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen und die fehlende Unterstützung durch die Regierung von Präsident Sebastián Piñera anzuprangern.

Bereits seit Montag reißen die Proteste in den Arbeitervierteln der Metropole nicht ab. In der Nacht auf Dienstag war es in El Bosque zu Auseinandersetzungen mit den Polizeieinheiten der paramilitärischen »Carabineros« gekommen, die Wasserwerfer und Tränengas gegen die Demonstranten einsetzten. Am Tag darauf schickte die Regierung Soldaten in den Stadtteil. Am Mittwoch demonstrierten nach Angaben des Radiosenders Bio Bio die Bewohner von La Pintana, einem Armenviertel im Süden Santiagos. Einige der Protestierenden errichteten eine Straßenbarrikade, an der sie ein Transparent mit der Aufschrift »Uns tötet nicht das Coronavirus, uns tötet der Hunger« anbrachten, wie die kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina berichtete. Gegenüber AFP beklagte eine Anwohnerin: »Die Regierung kümmert sich nicht um uns, es gibt keinerlei Hilfen.«

Seit vergangenem Freitag gilt für Santiago eine strikte Ausgangssperre, mit der eine weitere Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt werden soll. Derzeit nimmt die Zahl der Neuinfektionen täglich zu, wobei die Hauptstadt mit fast 90 Prozent aller Fälle besonders betroffen ist. Am Mittwoch gab die Regierung bekannt, dass allein in den vorherigen 24 Stunden 4.038 Menschen positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden seien, insgesamt gab es am Donnerstag 53.617 nachgewiesene Coronainfektionen.

Zwar hatte Piñera am Sonntag angekündigt, 2,5 Millionen Familien eine Soforthilfe zur Verfügung zu stellen, die aus nicht verderblichen Lebensmitteln sowie Hygieneartikeln bestehen solle. Davon haben die Menschen bisher jedoch noch nichts gesehen. Gegenüber Bio Bio erklärte der Bürgermeister von La Cisterna, einem weiteren Armenviertel im Süden Santiagos: »Die Hungersnot in den unteren Schichten hat schon begonnen, die soziale Epidemie hat schon begonnen, die Hungerepidemie, was das Schlimmste ist, was einem Menschen passieren kann.«

Die Coronakrise verschärft die Situation der untersten Schichten der Gesellschaft besonders. In Chile gelten 11,7 Prozent der 18,73 Millionen Einwohner als arm – eine Zahl, die sich nach Angaben der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) in diesem Jahr auf 13,7 Prozent erhöhen könnte. Laut Rossana Castiglioni von der Universität Diego Portales gehen 2,6 Millionen Chilenen einer informellen Tätigkeit nach. Doch auch viele derjenigen, die vor Ausbruch der Pandemie einen Arbeitsvertrag aufweisen konnten, wissen nicht mehr weiter. Nach offiziellen Angaben verloren allein in den Monaten März und April mehr als 500.000 Menschen ihre Arbeit.

Eine Situation, auf die die Herrschenden mit Arroganz reagieren. So bezeichnete Innenminister Gonzalo Blumel die Proteste am Dienstag als »absolut inakzeptabel« und machte die Demonstranten indirekt für den Anstieg der Infektionszahlen verantwortlich, da sie »die Gesundheit vieler Menschen« gefährdeten – Klassenhass in Reinform.

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